Wüssten die Verbraucher, dass sie durch den Griff zur billigsten Milch im Supermarkt die Existenz vieler Bauern gefährden – sie wären gerne bereit, mehr zu zahlen, glaubt Holger Thiele: "Man unterschätzt die Solidarität der Kunden mit den Erzeugern." Thiele ist Agrarökonom und Direktor des Instituts für Ernährungswirtschaft in Kiel. Die Milchwirtschaft und die internationalen Agrarmärkte sind seine Fachgebiete. Im Zweifel steht er auf der Seite der Landwirte.

Nirgendwo sonst in Europa seien die Milchpreise im Einzelhandel so niedrig wie in Deutschland, sagt Thiele. Für den Liter Vollmilch verlangen die Discounter derzeit weniger als 50 Cent, und um mitzuhalten, bieten die Supermärkte wie Rewe oder Edeka ihre günstigen Eigenmarken ebenso billig an. "Zieht man davon nur die Kosten des Handels und der Molkereien ab, bleibt den Bauern bei diesem Preis noch 15 Cent pro Liter. Ich kenne keinen Betrieb, der das auf lange Sicht überleben kann. Auch nicht unter den größeren Milchbauern, die günstigere Kosten haben und mit Melkrobotern arbeiten."

Zugegeben, die 15 Cent sind ein Extremfall. Im Durchschnitt dürften die Bauern für konventionell erzeugte Milch im Moment etwas mehr als 20 Cent bekommen, schätzt Thiele. Vor wenigen Tagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, dass in Einzelfällen auch weniger gezahlt wird. Aber das macht kaum einen Unterschied, denn das Grundproblem bleibt: Der Milchpreis sinkt seit Jahren und für viele Bauern reicht das, was die Molkereien zahlen, nicht zum Überleben. Geschätzt wird, dass sie etwa das Doppelte der 20 Cent benötigen.

Etwa 72.000 Milchbauern gibt es laut dem Verband der Milchindustrie noch in Deutschland. Sie halten 4,3 Millionen Kühe. Die Zahl der kleinen Höfe sinkt, die der großen Erzeuger wächst. Und in schlechten Zeiten wie diesen läuft der Strukturwandel schneller ab als sonst.

Weniger als 100 Kühe? Lohnt sich nicht

Wer weniger als 100 Kühe hält, habe es besonders schwer, sagt Urban Hellmuth, Professor für landwirtschaftliches Bauen, Landtechnik und Tierhaltung an der Fachhochschule Kiel. Zum Beispiel wenn ein neuer Stall errichtet oder das alte Gebäude saniert werden muss, um den modernen Vorschriften zur tierfreundlichen Haltung Genüge zu tun – etwa weil es bald nicht mehr erlaubt sein soll, Kühe das ganze Jahr über im Stall anzubinden. 

In der Kalkulation der Landwirte sind die Baukosten oft der größte Brocken. Und große Betriebe bauen günstiger, sagt Hellmuth. "Sie können am schnellsten auf neue Vorschriften reagieren."

Die Rechnung des Wissenschaftlers geht so: Ein Milchbauer mit weniger als 100 Kühen muss für einen neuen Stall pro Kuh und Jahr mit Kosten von etwa 800 bis 1.400 Euro kalkulieren, Abschreibungen und Zinsen inklusive. "Alleine um das zu finanzieren, müsste jeder Liter Milch mindestens 40 Cent einbringen." Große Betriebe mit mindestens 100 Kühen, sagt Hellmuth, zahlten für ihre Ställe pro Kuh und Jahr weniger als die Hälfte. Sie können eher kostendeckend wirtschaften.

Im Moment halten zwei Drittel der deutschen Milchbauern weniger als 50 Tiere. Anders gesagt: Sie sind Hellmuth zufolge nicht wettbewerbsfähig. "Wenn man in unsere Nachbarländer schaut, zum Beispiel in die Niederlande, da ist der Strukturwandel schon viel weiter." Deutschland hänge hinterher.

Der Bauer muss sich Bio leisten können

Was aber, wenn ein Bauer nicht wachsen will oder kann? Für einzelne kleinere Bauern könnte Biomilch die Lösung sein. Sie bringt derzeit etwa 40 Cent pro Liter ein, fast doppelt so viel wie die konventionelle Milch. "So hoch war der Preisaufschlag noch nie", sagt Agrarökonom Thiele. Ökologisch korrekte Nahrungsmittel sind in Deutschland so begehrt, dass die heimischen Erzeuger die Nachfrage gar nicht komplett bedienen können. Die Supermärkte decken sich deshalb mit Biomilch, -käse und -joghurt aus dem Ausland ein. Für Landwirte mit Geduld und genug Geldreserven, um zu investieren, tun sich da Chancen auf.

Doch wer wegen der niedrigen Preise ohnehin schon in der Bredouille steckt, dem könne man nicht guten Gewissens zur Umstellung auf Bio raten, sagt Thiele. "Das kostet erst einmal. Und in der Umstellungsphase, die mindestens anderthalb Jahre dauert, erzielen die Bauern auch keine höheren Preise. Das kann dann sehr schnell dazu führen, dass sie in noch schwierigere Liquiditätslagen kommen" – sprich: Ihre Rechnungen erst recht nicht mehr bezahlen können.

Und selbst wenn die Umstellung gelingt: Wer weiß schon, wo der Preis für Biomilch in anderthalb Jahren liegt und ob das Angebot bis dahin so knapp bleibt? "Die Gefahr ist, dass zu viele Betriebe umstellen und der Preisaufschlag dann dahinschmilzt", sagt Thiele.

Der Weltmarkt macht den Preis

Was also tun? Statt Biomilch wenigstens Weidemilch anbieten? Die bringt laut Thiele höchstens anderthalb Cent mehr und auch diese Umstellung erfordert Investitionen. Die Kühe gentechnikfrei ernähren und dafür einen Aufschlag verlangen? Womöglich gehe dann die Milchleistung zurück, sagt Thiele, dann habe der Bauer auch nichts davon. Die Milch regional vermarkten? Selbst dann müssten die Landwirte mit den niedrigen Weltmarktpreisen klarkommen: "Es gibt statistische Analysen, die zeigen, dass der durchschnittliche deutsche Milchpreis zu mehr als 80 Prozent von den Schwankungen des Weltmarktpreises beeinflusst wird." Das bedeute: "Man kann sich von der internationalen Überschussproduktion nicht unabhängig machen."

Das Paradoxe: An der derzeitigen internationalen Überschussproduktion ist vor allem die Europäische Union selbst schuld. Denn seit dem Wegfall der Milchquote produzieren ihre Landwirte viel mehr als zuvor. Sie hoffen, neue Exportmärkte zu erschließen. Bisher hat das nicht funktioniert.

Dennoch würde es den Bauern kaum etwas bringen, führte die Politik die Milchquote jetzt wieder ein oder reduzierte das Angebot künstlich auf andere Weise, sagt Thiele. "Der Preiseffekt wäre nur gering. Eine europäische Mengenbeschränkung verpufft im Weltmaßstab." Um zu helfen, müsse die Politik deshalb mehrere Instrumente zugleich nutzen. Zum Beispiel Betrieben, die kurzfristige Engpässe überbrücken müssen, noch günstigere Hilfskredite gewähren als bisher. Oder die Arbeit der Landwirte in Umwelt- und Tierschutz durch Direktzahlungen noch mehr unterstützen.

Keine Chance ohne weitere Einkommensquellen

Das Problem dabei: Alle Regierungen der EU müssten sich auf gemeinsame Maßnahmen einigen – aber in jedem Land haben die Landwirte andere Interessen. "Der Streit ums Glyphosat zeigt ja, wie kompliziert das ist", sagt Urban Hellmuth. Er glaubt, dass kleine Milchbauern ohne zusätzliche Standbeine – zum Beispiel durch Tourismus oder den Anbau von Energiepflanzen – kaum noch Chancen haben.

Auch Holger Thiele fürchtet, dass angesichts der aktuellen Niedrigpreise viele weitere Bauern ihre Höfe aufgeben werden. Auch die, die unter normalen Umständen rentabel arbeiten könnten.

Er hofft, dass sich der Handel doch noch wegbewegt von seiner Billigstrategie. Erste Anzeichen dafür gäbe es schon, sagt er. Behielte er recht, wäre es wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Milchbauern.