Als türkische Soldaten auf der Bosporus-Brücke dabei waren, den Weg von Istanbul nach Europa abzusperren, saß Peri Kadaster mit ihren Freunden in einer Bar in der Innenstadt. Eigentlich eine ganz normale Freitagnacht. Die 33 Jahre alte Frau unterstützt momentan im Auftrag von McKinsey andere Unternehmen bei Digitalisierungsprozessen. Zuvor arbeitete sie für Pozitron, ein türkisches Mobile-Payment-Start-up, das im letzten Jahr für 100 Millionen Dollar an die britische Firma Monitise verkauft wurde. Peri gehört zu den vielen Türkinnen und Türken, die außerdem schon eigene kleine Unternehmen haben. Gemeinsam mit ihrem Bruder hat sie die Kadaster Ventures LLC gegründet, eine Firma, die Start-ups berät und als sogenannter Business Angel auch in sie investiert.

Peri feierte in der Bar gemeinsam mit anderen Gründern, Softwareentwicklern und Webdesignern. Sie sind das, was momentan in allen Metropolen der Welt und auch in Istanbul als Start-up-Szene beschrieben wird: jung, kreativ, risikobereit, gut ausgebildet, liberal, mehrsprachig, digital und international – ein zuversichtliches, aber empfindliches Ökosystem. Dann schickten plötzlich Freunde diese Bilder von Panzern, die sie auf den Brücken gesehen hatten. Eine Nachricht kam vom Vater eines Freundes aus Ankara: "Hier sind gerade F-16-Jets am Balkon vorbeigeflogen." Peri sagt: "Wir haben zuerst gar nicht glauben können, dass es ein Militärputsch ist. So was kannten wir bisher nur aus Erzählungen von unseren Eltern." Geboren wurde Peri in den USA.

Von Coolness zur Apathie zum Auswandern

Die Start-up-Szene in Istanbul ist Chaos gewohnt. Sogar ein Militärputsch, wenngleich ein missglückter, scheint fast nur ein weiteres Kettenglied wachsender politischer Unsicherheiten zu sein. Spätestens seit den Gezi-Park-Protesten 2013 spüren besonders die jungen Menschen, dass sich Istanbul verändert. "Aber irgendwie leben immer noch alle weiter wie bisher", sagt Peri. Selbst als sie sich Freitagnacht angesichts des Putschversuchs mit Wasserflaschen, Nudeln, Zigaretten und Bier eindeckte, dachte sie, dass sie vielleicht drei Tage zu Hause bleiben müsste. So hatten ihre Eltern es ihr vom letzten Putsch berichtet. "Schon nach 24 Stunden war aber alles wieder normal", erzählt sie. "Die Leute saßen in den Cafés, Restaurants und Kneipen, als wäre nichts gewesen." Was Peri bisher als Stärke der Türken in Istanbul wahrnahm, das Klarkommen mit dem Chaos, sieht sie jetzt zunehmend als Risiko: "Ich habe Angst, dass wir eigentlich gar nicht damit umgehen können. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass es pure Apathie ist."

Putschversuch - Die Woche, die die Türkei veränderte Am 15. Juli haben Teile des türkischen Militärs versucht, den Präsidenten Erdoğan und die Regierung zu stürzen. Der Putschversuch scheiterte. Unsere Chronik fasst die Entwicklungen seitdem zusammen.

Die Angst der Szene vor zunehmenden Restriktionen, besonders jetzt nach dem Putsch, ist groß. "I'm leaving Istanbul" – diese Worte fallen inzwischen in vielen Gesprächen, sagt Peri. Bislang war die wirtschaftliche Lage noch immer so gut, dass man nicht um seine Existenz fürchten musste. Das Ökosystem der jungen, gut ausgebildeten vor allem digitalen Fachkräfte funktionierte. Scheitern gehörte immer zum Geschäft. Das türkische Wirtschaftswachstum pro Jahr beträgt noch immer um die vier Prozent. Das staatliche Defizit liegt weit unter den EU-Maastricht-Kriterien. Zudem hat die Regierung die Wichtigkeit der jungen Entrepreneure für die internationale Wettbewerbsfähigkeit längst erkannt: Förderprogramme und Millionen Dollar schwere Gründerfonds, große Tech-Parks, wo Start-ups vernetzt arbeiten können, und Steuererleichterungen sollen das Start-up-Ökosystem weiter wachsen lassen. Erst vor einem Jahr wurde der türkische Onlinelieferdienst Yemeksepeti von dem deutschen Unternehmen Delivery Hero (in Deutschland bekannt für Lieferheld) für die Rekordsumme von 589 Millionen Dollar gekauft – der bislang größte Exit in der Start-up-Geschichte der Türkei. Viele andere türkische Gründererfolge gingen dem voraus.

Angst lähmt das Ökosystem

Doch nun kommen die tausendfachen Entlassungen im Bildungssektor, in der Justiz und in der Verwaltung, das Ausreiseverbot für Akademiker. Zuvor schon verfolgte die AKP-Regierung eine zunehmende Islamisierung des Bildungssystems und der türkischen Gesellschaft. Websites und Social-Media-Dienste wurden immer wieder binnen kurzer Zeit gesperrt. Gerade für junge Menschen sind sie die erste Anlaufstelle für Informationen, vor allem nachdem zahlreiche TV-Sender verstaatlicht wurden. Zwar umgehen viele die Sperren und die Zensur mithilfe von VPN-Clients. Das mulmige Gefühl aber kann nicht überbrückt werden.

Trotzdem alles halb so schlimm? Nicht nur Peri Kadaster beobachtete, wie scheinbar normal das Istanbuler Leben nach dem Putschversuch zunächst weiterging. Im Berliner Büro von Delivery Hero konnte man das anhand ganz nüchterner Zahlen feststellen. Die weiterhin unter dem türkischen Namen agierende Delivery Hero-Tochter Yemeksepeti registrierte für zwei Tage, dass die Kunden weniger Essen bestellten. Danach sei alles wieder im Normalbereich gewesen, sagt Pressesprecher Bodo von Braunmühl. "Es wäre reine Spekulation, zu überlegen, ob wir in der aktuellen politischen Lage auch noch gekauft hätten", sagt von Braunmühl. In erster Linie seien aber auch 2015 andere Faktoren als die politischen entscheidend für den Kauf gewesen. "Die Verkaufszahlen, das erfahrene Management und die Innovationsfreude von Yemeksepeti hatten uns einfach überzeugt."