Die Fakten wurden längst geschaffen. 126.000 Quadratmeter Beton sind die unverkennbaren Zeugen des über eine Milliarde Euro teuren Projekts. Am 21. Oktober 2011 eröffnete Angela Merkel offiziell die Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen. Eine Minute später als geplant traf die Regierungsmaschine mit der Kanzlerin an Bord ein, um zu feiern, was die Metropolregion um Frankfurt am Main seither spaltet. Es ist ein Streit, wie er in den vergangenen Jahren um viele Großprojekte in der Bundesrepublik tobte. Für die einen ist Deutschlands größter Flughafen ein Jobmotor – und sein Ausbau unerlässlich, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Für Menschen wie Friedhilde Scholl markiert der Oktobertag, der sich bald zum fünften Mal jährt, hingegen "das Ende einer friedlichen Heimat".

Die 56-Jährige wohnt im Süden Frankfurts und ist dort wie viele Anwohner im Rhein-Main-Gebiet von ohrenbetäubendem Fluglärm betroffen – besonders seit die Flugrouten wegen der neuen Landebahn geändert wurden. Seit Oktober 2011 demonstriert Scholl deshalb fast jeden Montag gemeinsam mit Hunderten, anfangs gar Tausenden Menschen mitten in der Abflughalle des Airports. Vor dem Bundesverwaltungsgericht haben sie 2012 ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr erstritten. Dennoch: Durch die Landebahn Nordwest sowie den derzeit gebauten neuen Terminal soll die Zahl der Flugbewegungen von rund 1.300 auf über 1.900 Starts und Landungen pro Tag steigen. Es wäre eine noch größere Belastung für Hunderttausende Anwohner – und für die Umwelt, denn das Flugzeug gilt laut Umweltbundesamt als klimaschädlichstes Verkehrsmittel.

Dennoch wollen die Ausbaubefürworter die Kapazität eines der größten Luftfahrtdrehkreuze Europas unbedingt erhöhen, denn der Flugverkehr sollte bekanntlich weiter wachsen. Der Bau der Landebahn, so sagte es bereits Angela Merkel, sei ein "Gewinn für den Flughafen, die Region und für das ganze Land". Ihr CDU-Parteikollege Volker Bouffier, seit 2010 hessischer Ministerpräsident, bezeichnet den Airport denn auch immer wieder als "Herzmuskel" der Wirtschaft. Schließlich sollen durch den Flughafenausbau 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, so versprach es bereits Bouffiers Vorgänger Roland Koch. Auch der Flughafenbetreiber Fraport wirbt seit vielen Jahren offensiv mit dieser Zahl.

Widersprüchliche Gutachten

100.000 neue Jobs – das wäre tatsächlich ein schlagkräftiges Argument in der Abwägung zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Anliegen der Anwohner. Doch führt die Flughafenerweiterung wirklich quasi automatisch zu Wirtschaftswachstum und damit zu mehr Beschäftigung, wie die Befürworter behaupten? Kritiker wie Friedhilde Scholl, die sich seit Jahren mit den ökonomischen Folgen der Flughafenerweiterung auseinandersetzt, haben erhebliche Zweifel. "Der Jobzuwachs war letztlich das einzige Argument, mit dem der Flughafenausbau durchgeboxt wurde. Doch dieses Versprechen war nichts als Lug und Trug."

Was ist dran an dieser Kritik? Nachfrage beim hessischen Wirtschaftsministerium, das pikanterweise seit gut anderthalb Jahren vom Grünen Tarek Al-Wazir geführt wird. Seine Partei hat sich wie keine andere seit den Auseinandersetzungen um die Startbahn West in den achtziger Jahren als Gegnerin des Flughafenausbaus profiliert. Inzwischen sind die Grünen allerdings zu einer Art Intimfeind der Flughafenkritiker geworden. Kurz vor der Landtagswahl 2013 hatte Al-Wazir versprochen, mit ihm werde es keinen neuen Terminal am Flughafen geben – um dann im Oktober vergangenen Jahres als Minister der schwarz-grünen Landesregierung zähneknirschend dem Spatenstich für dieses Projekt fernzubleiben.

Heute sagt Al-Wazir diplomatisch: "Die hohe wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens kann ja niemand ernsthaft in Zweifel ziehen. Die hohen Belastungen, die mit ihm einhergehen, allerdings auch nicht." Für belastbare Zahlen zur ökonomischen Entwicklung des Flughafens verweist das Ministerium allerdings an den Betreiber Fraport. Die Arbeitsplatzprognosen seien nur von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung 2007 im Zuge der Ausbaugenehmigung für die Landebahn und den Terminal geprüft worden.

Als bereits rund um die Jahrtausendwende in großen Mediationsrunden über die Flughafenerweiterung verhandelt wurde, befassten sich drei Studien mit den wirtschaftlichen Folgen eines Ausbaus. Das Gutachten des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung kam dabei zu dem Schluss: "Ein Einfluss einer Flughafeninfrastruktur auf den Arbeitsmarkt ist statistisch nicht nachweisbar." Diese Untersuchung wurde von Fraport aber nicht in den Antrag zum Ausbau eingebracht. Dort fanden nur die beiden Gutachten Berücksichtigung, die von hohen Beschäftigungszuwächsen und großem Wirtschaftswachstum durch den Ausbau ausgingen. So prognostizierte das Institut für Verkehrswissenschaften aus Köln "Beschäftigungsgewinne um etwa 72.000 Arbeitsplätze und Wertschöpfungsgewinne um etwa 13 Milliarden Euro", die bis 2020 entstehen sollten.