ZEIT ONLINE: Worum geht es Facebook eigentlich?

García Martínez: Ich habe viel drüber nachgedacht, was Facebook eigentlich ist. Dem ganzen Silicon Valley geht es darum, etwas Vorhandenes durch etwas Eigenes zu ersetzen. Ein System zu hacken. Uber sagt: Wir brauchen keine Taxis mehr. Airbnb sagt: Wir brauchen keine Hotels mehr. Einen Teil meines Buches habe ich in Barcelona geschrieben. Ganze Teile Barcelonas sind nur noch Airbnb-Territorium. Die Silicon-Valley-Firmen ziehen irgendeiner Branche, die sie für reif halten, einfach den Stecker und schauen dann, was passiert.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie davon?

García Martínez: Ich weiß nicht, ob die Gesellschaft stabil genug ist, um das zu ertragen.

ZEIT ONLINE: Und im Fall von Facebook?

García Martínez: Ich glaube, Facebook geht es darum, wie wir leben. Es ist ein Ersatz für Gemeinschaften. Für Stämme.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

García Martínez: Es gibt diese eine Zahl, sie heißt Dunbar-Zahl. Die besagt, dass Menschen, egal in welcher Epoche und an welchem Ort, eigentlich immer nur mit etwa 150 Leuten echte Beziehungen pflegten. Das war ihre Dorfgemeinschaft. Ihr Metzger, ihr Freund, ihr Berater. In unserer Zeit, wo man nicht mehr dort lebt, wo man geboren wurde, gibt es dieses kleine Ding in unserer Hosentasche, die Facebook-App, die einen genau mit diesen Leuten verknüpft, ganz unabhängig davon, wo man ist.

ZEIT ONLINE: Noch mal: Wenn Airbnb bedeutet, keine Hotels mehr, was bedeutet dann Facebook?

García Martínez: Eigentlich ist Facebook ein Hack des Staates, der Gemeinschaft an sich.

ZEIT ONLINE: In Europa und auch im US-Wahlkampf wird gerade diskutiert, ob Facebook die politische Entwicklung beeinflusst.

García Martínez: Natürlich, man sieht das, wenn man in eine Bar geht. Das ist ja ein Ort, an dem man mit Freunden und Fremden ins Gespräch kommt, auch über politische Themen. Wenn Sie aber heute in eine Bar gehen, sehen Sie nur Leute, die auf Facebook-Screens starren. Diese Menschen sind verbunden mit einer anderen Gemeinschaft.

ZEIT ONLINE: Sie meinen also, dass Facebook die Politik nicht nur dadurch beeinflusst, dass es bestimmte Themen nach oben bringt und andere Themen gar nicht – sondern Sie glauben, dass diese neue Art der Gesellschaftsbildung unser politisches Verhalten verändern kann. Ist Zuckerberg denn eher Demokrat oder Republikaner?

García Martínez: Das weiß ich nicht. Facebook geht es nicht darum, dich dazu bewegen, Demokraten oder Republikaner zu wählen.

ZEIT ONLINE: Welche Änderung an Facebook würden Sie Zuckerberg vorschlagen, damit er einfach neutral wäre, also keinen Einfluss mehr auf die Demokratie nimmt?

García Martínez: Schwierig. Zuckerberg hat natürlich eine Menge Möglichkeiten, auf den Wahlkampf Einfluss zu nehmen. Die Facebook-Timeline funktioniert so, dass du die Sachen siehst, die dir statistisch gefallen – und damit bestätigen sie dich in deiner Meinung, anstatt sie herauszufordern. Es ist vermutlich so, dass diese Echokammer ein starker Grund ist für die politische Polarisierung in Europa und in den USA.

ZEIT ONLINE: Könnte man die Echokammer umbauen?

García Martínez: Sicher. Man könnte beispielsweise die Meinung deines am wenigsten geliebten Freundes anzeigen. Aber ich glaube, die Menschen würden das als Manipulation empfinden. Ich sehe wenig, was Facebook ändern könnte am eigenen Einfluss.

ZEIT ONLINE: Sie wurden 2013, nach zwei Jahren, bei Facebook gefeuert. Was war der Grund?

García Martínez: Sie hatten sich gegen meine und für eine konkurrierende Produktstrategie entschieden. Dann musste ich halt gehen. Ganz normal im Valley.

ZEIT ONLINE: Was macht man nach Facebook? Wo bewirbt man sich?

García Martínez: Ich bin erst mal mit meinen drei Kindern aufs Land gezogen und habe das Buch geschrieben. Jetzt muss ich schauen, wie es weitergeht. Ich habe keine gute neue Geschäftsidee.

ZEIT ONLINE: Sie wissen viel mehr über die fortschreitende Digitalisierung als die meisten anderen Menschen. Welche Schlüsse haben Sie gezogen?

García Martínez: Was die Zukunft meiner Kinder angeht: Ich werde sie nicht auf Facebook lassen. Ich werde versuchen, sie von der Technologie abzuschirmen. Ich werde sie davor schützen, soweit ich es kann. Sie sollen in der Realität einer kleinen Gemeinschaft aufwachsen, nicht in einer Simulation dieser.

Antonio García Martínez: Chaos Monkeys: Obscene Fortune and Random Failure in Silicon Valley, HarperCollins