Eines steht fest: Hätten wirklich alle Beteiligten die Arbeitsplätze der 15.000 Mitarbeiter von Kaiser’s Tengelmann erhalten wollen, dann hätten sie es auch geschafft. Doch auch wenn nun fast zwei Jahre lang der Eindruck erweckt wurde, dass dies das oberste Ziel gewesen sei, war dem nicht so. Im Umkehrschluss heißt das allerdings nicht, dass Edeka oder Rewe in erster Linie die Jobs von Menschen vernichten wollen.

Der Markt funktioniert nun einmal so: Die Unternehmen wollen in erster Linie die strategisch wichtigen Claims abstecken – in diesem Fall die Filialen von Kaiser's Tengelmann. Dadurch wollte man mehr Marktmacht hinzugewinnen und damit auch, allerdings erst im zweiten Schritt, in der Lage sein, Arbeitsplätze zu erhalten oder im besseren Fall sogar auszubauen. Edeka – ohnehin schon Marktführer – wollte sich alle Filialen sichern. Doch das Bundeskartellamt verweigerte seine Zustimmung. Nicht ohne Grund. Am Ende hätten unter der extremen Marktmacht Edekas inklusive Kaiser's-Tengelmann-Filialen ebenfalls Arbeitsplätze gelitten. Und auch die Konsumenten, die vom Wettbewerb in Form von besserem Service und günstigen Preisen profitieren können, hätten womöglich das Nachsehen gehabt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte zum einen klar kommuniziert werden sollen, dass ohnehin nicht alle Kaiser's-Tengelmann-Märkte zu halten sind, und zum anderen hätten ab dann die Beteiligten – neben Edeka auch die Konkurrenten Markant AG und Rewe – versuchen sollen, eine wie auch immer geartete Aufteilung anzustreben. Das hätte womöglich mehr Jobs gerettet, als es jetzt der Fall sein wird. Stattdessen unterstützte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Vorhaben von Edeka auch noch, entgegen eines wenigstens einigermaßen fairen Wettbewerbs unter den Supermarktketten.

Mit dem Arbeitsplatzerhalt als Begründung drückte Gabriel seine Ministererlaubnis gegen die Haltung des Kartellamts durch. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hob sie nach Beschwerden von Rewe und Markant wieder auf und verwies in seiner Begründung ebenfalls darauf, dass der angebliche Arbeitsplatzerhalt dem Gemeinwohl per se nicht mehr diene als ein wirtschaftsbelebender Wettbewerb.

Die Schuldfrage lässt sich von außen kaum beantworten

Opfer dieses unsäglichen Gezerres aus Konzerninteressen, politischer Einmischung und juristischen Korrekturen sind nun ausgerechnet jene, um die es angeblich in erste Linie immer gegangen sein soll: die Mitarbeiter. Wer trägt die Schuld? Wollte Rewe ohnehin keine Einigung, weil es sich beispielsweise lukrative Filialen in Bayern jetzt günstig im Ausverkauf einverleiben will, um die dort starke Edeka-Position anzugreifen? Hatte Edeka eh schon ein Scheitern der Verhandlungen angestrebt, weil es lieber verzichtet, als der Konkurrenz die Filialfiletstücke auszuhändigen? Hätte Gabriel sich einfach raushalten und damit die Existenz des Kartellamts nicht ad absurdum führen sollen?

An allem könnte was dran sein und zugleich auch nicht. Denn der Sachverhalt bleibt schwer zu beurteilen, da die Verhandlungen nicht erst zum Schluss naturgemäß intransparent waren. Alle Beteiligten bemühen sich nun, den anderen für die anstehenden Arbeitsplatzverluste und das Scheitern anzuprangern.

Es ist wohl naiv zu fordern, dass solche Verhandlungen transparent geführt werden müssten. Da Geschäftsgeheimnisse auf dem Spiel stehen, wäre das schwer zu verantworten. Doch nur so würde man ehrlich mit den Arbeitnehmern umgehen, wenn sie denn schon als Argument herhalten müssen. Für sie geht es in erster Linie nicht um Claims und Marktmacht, sondern um die eigenen Existenzen. Sie erwarten zu Recht, dass ihre Arbeitgeber und auch Politiker mit ihnen verantwortlich umgehen.

Immerhin bietet eine Zerschlagung von Kaiser's Tengelmann nun auch Chancen. Unter dem Dach neuer Besitzer können zu haltende Filialen modernisiert und zukunftsweisend konzeptioniert werden. Das sichert Arbeitsplätze, zumindest einen Teil. Man hätte das viel früher haben können und sogar müssen. Denn die Konkurrenz durch die Discounter ist ungebrochen, und nicht zuletzt Amazon mit seinen Onlinelebensmittellieferdiensten Amazon Prime Now und vielleicht bald Amazon Fresh steht längst bereit für den Kampf um den Supermarktkunden der Zukunft.