Freihandel ist gut, Protektionismus ist schlecht: Das ist die fast einheitliche Meinung in der Ökonomie seit der englische Ökonom David Ricardo vor genau 200 Jahren seine Theorie der komparativen Vorteile publizierte. Doch gilt das wirklich immer?

Interessanterweise zeigt bereits das von Ricardo 1817 verwendete historische Beispiel eines Freihandelsvertrages zwischen England und Portugal, wie Freihandel Schaden anrichten kann. Grundlage ist der Methuenvertrag aus dem Jahr 1703, so benannt nach dem damaligen englischen Außenminister Paul Methuen. In diesem Abkommen mussten sich die Portugiesen verpflichten, das zum Schutz ihrer eigenen Tuchindustrie erlassene Importverbot von englischem Tuch aufzuheben. Die Engländer erklärten sich im Gegenzug dazu bereit, die Zölle für portugiesischen Portwein zu senken.

Das Abkommen führte aber nicht zu mehr Wohlstand in beiden Ländern. Der Vertrag kam einseitig den Engländern zugute, denen es gelang, die aufkeimende portugiesische Tuchindustrie zu vernichten, um so ihr eigenes Tuch nach Portugal zu exportieren.

Über die negativen Auswirkungen des Freihandelsabkommens auf die portugiesische Wirtschaft schreibt Ricardo allerdings kein Wort. In seinem Modell bringt der Freihandel nur Vorteile für beide Länder. Seine Argumentation lässt sich am besten verstehen, wenn man die Länderebene einen kurzen Moment verlässt und sich stattdessen ein Architekturbüro vorstellt. Dort stellt ein Architekt einen Bauzeichner ein, obwohl der Architekt schneller und besser Pläne erstellen kann als dieser. Trotzdem macht die Anstellung des Bauzeichners Sinn. Wenn der Architekt alle Pläne selbst ausarbeiten würde, könnte er während dieser Zeit nicht Ideen für neue Bauprojekte entwickeln, um so weitere Aufträge zu akquirieren. Der Architekt verzichtet deshalb richtigerweise auf die Ausarbeitung von Plänen, weil die ihm dadurch entgehenden Verdienste höher sind, als das Gehalt, welches er dem Bauzeichner bezahlen muss.

Der Bauzeichner ist gegenüber dem Architekten zwar im Nachteil beim Erstellen der Pläne. Aber auch er hat einen komparativen Vorteil. Denn ihm entgeht durch seine Arbeit kein alternativ mögliches Einkommen. Also sind sowohl Architekt als auch Bauzeichner bessergestellt, wenn der Architekt sich auf die Tätigkeit spezialisiert, bei der er mehr verdient.

Wenn wir jetzt den Architekten durch Portugal und den Bauzeichner durch England ersetzen, dann sind wir wieder bei Ricardo. Dieser nahm für sein historisches Beispiel an, dass Portugal sowohl Wein (was stimmte!) und Tuch (was nicht stimmte!) effizienter produzieren könne und somit wie der Architekt bei beiden Gütern einen Vorteil in der Produktion besitze. Trotzdem sollte sich Portugal "zu seinem eigenen Wohl" auf die Weinproduktion konzentrieren und England dafür die Tuchproduktion überlassen. Auf diese Weise könnte dann, wie Ricardo zeigen wollte, insgesamt mehr Wein und mehr Tuch produziert werden, wovon dank des Handels beide Länder profitieren würden.