Max* sollte eigentlich längst Pilot sein. Seine Schulung begann er vor fünf Jahren; das Medizinstudium hatte er dafür abgebrochen. Der 28-Jährige gehörte zu den etwa sieben Prozent der Bewerber für die Pilotenschulung, die einen der schwersten Auswahltests in Deutschland geschafft haben: den der Lufthansa. Die Fluggesellschaft nimmt von allen Bewerbern nur die Besten. Die Schulungsdauer, so steht es in seinem Vertrag, betrage "im Regelfall ca. 23 Monate". Doch für Max sind es nun schon knapp 60 Monate geworden. Denn die Lufthansa lässt ihn seine Schulung nicht beenden.

Um finanziell zu überleben, schenkt er zwischen Frankfurt und Hamburg in 7.000 Metern Höhe Saft und Cola light aus, verteilt Snacks – süß oder salzig – und feuchte Tücher. Immerhin geht es ihm hier besser als anderen Flugbegleitern, den Kollegen bei den großen Billiglinien, sagt er.

Eine Ursache dafür, dass Max kein Pilot werden kann, liegt im Preiskampf der Branche. Von Hamburg nach Venedig kommt man durchaus für 4,99 Euro, selbst die Kreditkartengebühr ist enthalten: So zeigt es die Website von Ryanair für April an, wenn man ein maximales Budget von fünf Euro in den Suchfilter eingibt und nur mit Handgepäck reist. Eine S-Bahn-Fahrt von Buxtehude zum Hamburger Flughafen kostet schon deutlich mehr: 7,10 Euro. Das Venedig-Angebot ist keine Ausnahme. Immer wieder durchbricht die irische Fluggesellschaft Ryanair die Billigpreis-Schallmauer. Von Düsseldorf nach Bologna für 2,99 Euro? Auch das geht. Mit dieser Strategie hat Ryanair bei den Passagierzahlen die Lufthansa als größte europäische Airline abgelöst.

Um in diesem Niedrigpreiskampf mitzuhalten, gibt es fast überall in der Branche Dumpinglöhne und unsichere Arbeitsbedingungen. Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit und Befristungen sind laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung Begriffe geworden, mit denen sich die Arbeit von immer mehr Piloten beschreiben lässt. Auch die Lufthansa lässt zu, dass sich Hunderte ihrer eigenen angehenden Piloten für ihre Schulung verschulden. Und sie lässt sie im Unklaren, wann, wie und ob sie überhaupt als Pilot werden arbeiten können. Max ist einer von ihnen.

Die Lufthansa lässt ihn seit drei Jahren das sogenannte Type Rating für den Airbus A320, eine Art Führerschein für einen der gängigsten Flugzeugtypen, nicht machen. Als Grund führt das Unternehmen immer wieder an, es habe aktuell keinen Bedarf an neuen Piloten. Dabei machen derzeit viele Piloten Überstunden und können ihre Arbeitszeit nicht reduzieren, sagt Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit. "Weil es natürlich Bedarf gibt."

Die ersten Module der Schulung hat Max alle bestanden. Nun müsste er laut dem Schulungsvertrag das Type Rating erwerben. Wenn er dürfte, könnte Max diese Art von Führerschein innerhalb von vier Monaten machen. Danach würde noch das sogenannte Line Training folgen, bei dem er erstmals Passagiere fliegen könnte. Weil die Schulung auf die Airlines der Lufthansa zugeschnitten ist, sind Max und seine Kolleginnen und Kollegen darauf angewiesen, die abschließenden Module auch von der Lufthansa angeboten zu bekommen. Und genau das geschieht nicht. Ohne ein Type Rating seien die bisherigen Module praktisch wertlos, sagt Max. "Damit kann ich mich auch nicht bei anderen Airlines oder Flugschulen bewerben, um die fehlenden Teile nachzuholen."

24 Monate Schulung versicherte die Lufthansa den Nachwuchspiloten noch bis 2013 auch auf ihrer Website. © Screenshot/ZEIT ONLINE

Schulden für den sicher scheinenden Job

Die Lufthansa-Pilotenschulung von Max kostet 120.000 Euro. Die bezahlt zunächst das Unternehmen, Max muss allerdings 60.000 Euro davon zurückzahlen, sobald er Copilot ist. Zusätzlich hat er einen Kredit über 25.000 Euro aufgenommen, um während der Schulung, in der er kein Gehalt bekam, von etwas zu leben. Vermittelt hat den Kredit die Albatros-Versicherung, ein Unternehmen der Lufthansa Group. Max hat heute keinen Job als Pilot und – Zinsen mit eingerechnet – in Zukunft Schulden von mehr als 85.000 Euro. "Schon jetzt habe ich eine Belastung von etwa 250 Euro im Monat", sagt er.

Wie Max haben seit 2010 etwa 900 Nachwuchsflugzeugführer bei der Traditionsmarke Lufthansa ihre Schulung begonnen, und dann nicht den erhofften Job bekommen. "Starten Sie durch! Es gibt nicht viele Traumjobs. Einer ist mit Sicherheit Pilotin oder Pilot bei Lufthansa", warb das Unternehmen auf seiner Schulungsseite lufthansa-pilot.de noch bis 2015, obwohl zu dieser Zeit die Schulungen schon nicht mehr beendet wurden und der Nachwuchs keine Copiloten-Jobs mehr angeboten bekam. "Wir bringen Sie in nur zwei Jahren ganz nach vorne!" Darauf warten die ältesten Lehrgänge seit fast fünf Jahren.

Und was sagt Lufthansa dazu? Angesprochen auf den jahrelangen Zustand, dass die eigenen Nachwuchspiloten nicht eingestellt werden und ihre Lebensplanung nicht fortsetzen können, sagt ein Lufthansa-Sprecher: "Wir haben immer gesagt, dass wir mit der Kernmarke Lufthansa auch wieder wachsen möchten." Dazu würde man aber auch wettbewerbsfähige Bedingungen bei den allgemeinen Cockpitpersonalkosten brauchen. Seit fünf Jahren liegt die Lufthansa darüber im Streit mit der Pilotenvereinigung Cockpit.

Die Schulungen für Nachwuchspiloten wurden im vergangenen Jahr eingestellt. 2016 schrieb das Unternehmen auf seiner Website: "Gegenwärtig befindet sich der gesamte Lufthansa-Konzern in einer Phase des Umbruchs." Jetzt heißt es nur noch: "Auf den folgenden Seiten findet sich gegenwärtig noch die 'alte Welt' der Lufthansa Passage (…)".

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikel hieß es, eine S-Bahn-Fahrt von Buxtehude zum Hamburger Flughafen koste 8,70 Euro. Wir danken für den Hinweis eines aufmerksamen Lesers. Wir haben den Fahrpreis korrigiert.

Carsten Spohr - "Lieber ein paar Tage ohne deutsche Lufthansa als irgendwann einmal ganz" Seit 2014 dauert der Tarifkonflikt zwischen den Piloten der Lufthansa und dem Management. Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, dazu im Gespräch auf dem Deutschen Wirtschaftsforum © Foto: AV-Factory