Ausgerechnet vor Ostern werden in Supermärkten und Discountern die Freilandeier knapp. Stattdessen haben Ketten wie Kaufland oder Netto Soli-Eier im Angebot. "Aus Solidarität … 10 frische Eier aus Bodenhaltung (mit Wintergartenauslauf)" steht auf den Packungen. "Ist das eine neue Kategorie?", fragt eine Kundin in einem Berliner Discounter den Mitarbeiter, der gerade die Regale einräumt. Er zuckt mit den Schultern und sagt: "Keine Ahnung, aber Freilandeier haben wir gerade nicht."

Seit Wochen gibt es in vielen deutschen Supermärkten keine Eier aus Freilandhaltung mehr zu kaufen, jetzt werden auch Bio-Eier rar. Grund dafür ist die Mitte November 2016 in 29 europäischen Staaten ausgebrochene und noch immer nicht völlig eingedämmte Geflügelpest. "Dies ist die heftigste und am längsten andauernde Geflügelpest-Epidemie, die Europa und Deutschland seit dem Beginn von Aufzeichnungen getroffen hat", schreiben Experten des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit in einer aktuellen Risikoeinschätzung. Der Erreger H5N8 ist hoch ansteckend und oftmals tödlich für Gänse, Hühner, Enten oder Puten.

Fälle von H5N8-Infektionen bei Säugetieren und Menschen sind bisher nicht bekannt. Dennoch gibt das Bundesinstitut für Risikobewertung Hinweise, wie mit Geflügelfleisch und Eiern aufgrund der aktuellen Lage umgegangen werden sollte. Allein in Deutschland mussten wegen der Geflügelpest schon mehr als 400.000 Tiere in betroffenen Betrieben getötet werden – das hat Auswirkungen auch auf die Legehennenhaltung.

Freilandeier von Hühnern, die in Ställen leben

Damit sich der Erreger nicht weiter ausbreitet, ordneten die Behörden für viele Hennen eine Stallpflicht an. Freilandhennen mussten nach drinnen umziehen. Ihre Eier durften während einer Übergangsfrist von drei Monaten dennoch als Freilandeier verkauft werden, doch diese Frist ist seit März abgelaufen. Jetzt tragen die Eier statt der aufgestempelten Ziffer eins, die für Freiland steht, die Ziffer zwei für Bodenhaltung.

Den Geflügelhaltern aber drohen Umsatzeinbußen. "Pro Ei beträgt der Unterschied zwischen Boden- und Freilandhaltung vier Cent", sagt Christiane von Alemann, Sprecherin des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Das stelle viele Betriebe vor große wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Die Eierproduzenten haben deshalb gemeinsam mit dem Lebensmitteleinzelhandel, dem Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V. (KAT) und dem Landwirtschaftsministerium eine besondere Form der Etikettierung erfunden. Falls die Betriebe einen sogenannten Kaltscharrraum für ihre Legehennen besitzen, werden ihre Eier als Bodenhaltungseier "mit Wintergartenauslauf" verkauft. Damit sei ein Raum gemeint, in dem die Legehennen "Außenklimakontakt" haben, sprich Wind und Wetter in einem überdachten Raum mitbekämen, sagt von Alemann – etwa so, als würde man in einem Wintergarten alle Seitenfenster offen halten.

"Aus Solidarität …": Diese Eier bietet Netto seinen Kunden seit Februar an. © Bastian Brauns

Lebensmitteleinzelhändler wie Kaufland oder Edeka mit seiner Discounterkette Netto führten die neue Etikettierung im Februar ein. "Das erlaubt es den Lieferanten von Eiern aus Freilandhaltung bzw. Bodenhaltung mit Wintergartenauslauf, sich von Betrieben mit reiner Bodenhaltung abzugrenzen", schreibt Edeka in einer Mitteilung. Damit würde man Verbrauchern die notwendige Transparenz beim Einkauf bieten. Die Preise für diese Eier bleiben auf dem Niveau der Freilandeier.

Bio-Eier ohne freilaufende Hennen

Viele Verbraucher allerdings wollen auch die Wintergarten-Eier nicht kaufen. Deshalb könnten auch die Bio-Eier knapp werden, die gerade mal 11,7 Prozent vom Gesamteieraufkommen im Supermarkt ausmachen. 26,1 Prozent stammen normalerweise aus Freilandhaltung und 60,7 Prozent aus Bodenhaltung.

Kunden, die auf Bio-Eier ausweichen, um Bodenhaltungseier zu umgehen, bekommen übrigens derzeit trotzdem meist Bodenhaltungseier. Denn auch viele Bio-Betriebe dürfen wegen der Geflügelpest ihre Tiere nicht draußen picken lassen. Bio-Eier müssen zwar zwingend auch Freilandeier sein, die Übergangsfristen sind hier aber anders geregelt. Hier gilt nicht die Zwölf-Wochen-Frist, sondern dass Bio-Legehennen mindestens ein Drittel ihres Lebens Zugang zum Außengelände haben müssen – bei einer Lebensdauer von rund 80 Wochen könnten die Hennen vermarktungsrechtlich also mehr als 50 Wochen im Stall bleiben.

Entspannung zu Ostern erwartet

Kurz vor den Feiertagen, an denen Eier eine besondere Rolle spielen, scheint sich die Lage mancherorts allmählich zu entspannen. Mehr Trockenheit, höhere Temperaturen und stärkere UV-Strahlung könnten dem Erreger der Geflügelpest den Garaus machen – nur wann genau es so weit sein wird, lässt sich schlecht vorhersagen. Immer mehr Bundesländer heben die Stallpflicht für Geflügelbetriebe auf, doch in Niedersachsen, das mehr als 40 Prozent der in Deutschland erzeugten Eier liefert, besteht sie weiter. "Fast täglich werden aus der geflügeldichtesten Region Deutschlands neue Ausbrüche gemeldet", schreiben die Experten des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit.

Die durch die Geflügelpest bedingten finanziellen Verluste für die Betriebe seien hoch, sagt die Sprecherin des ZDG. "Die Branche geht derzeit von rund 40 Millionen Euro Schaden durch die Vogelgrippe insgesamt aus." Zwar sind die Betriebe über die Tierseuchenkassen finanziell bei Tiertötungen abgesichert, nicht aber im Fall von Liefersperrungen oder Umsatzeinbußen wegen der Umetikettierungspflicht. Für Betriebe, die durch das aktuelle Vogelgrippe-Geschehen in ihrer Existenz bedroht seien, müsse eine Entschädigungszahlung über den Bund abgestimmt werden, verlangt der Verband.