Der Weg zum Haus von Ines Laesecke führt über kurvige Landstraßen und bewaldete Hänge hinunter in ein kleines Dorf im Siegerland. Die Fassaden der Fachwerkhäuser hier sind mit schwarzen Schieferplatten verziert, die den umliegenden Felsen abgerungen wurden. Vor einem flachen Neubau kommt der Wagen zum Stehen, Laesecke wartet schon in der Haustür.

Sie hat an diesem Vormittag im Internet bei einer lokalen Confiserie Pralinen bestellt, außerdem noch bei einer Siegener Manufaktur eine Schokoladenbackmischung. Ihre Schwester hat Geburtstag, sie will sie überraschen. Jetzt, um kurz vor drei Uhr am Nachmittag, überreicht ihr die Fahrerin des Onlinekaufhauses Lokaso ein Päckchen. Laesecke zückt ihre EC-Karte.

"Für mich ist der Lieferdienst von Lokaso ideal", sagt sie. "Ich habe kein Auto. Bis ich in Siegen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in all den unterschiedlichen Geschäften bin, von denen ich etwas kaufen möchte, dauert es." Stattdessen nutzt Laesecke einen Service, den es in der Region um Siegen erst seit wenigen Monaten gibt, und der in Deutschland in dieser Form einzigartig ist.

Angriff von vielen Seiten

Lokaso ist ein Onlinemarktplatz für die Einzelhändler aus der Region, ein kleines, regionales Amazon. Kunden können über die Plattform bei ihrem Lieblingsbäcker, dem Weinladen ihrer Wahl, bei der lokalen Buchhandlung und dem Haushaltswarenladen bestellen – und das, anders als sonst üblich, ohne Versandkosten. Die Fahrer des Unternehmens holen die Wurst, die Milch, Bücher oder Porzellantassen bei den kleinen Einzelhändlern ab, packen sie für die Kunden zusammen und liefern sie noch am selben Tag aus – je nach Wunsch zwischen 13 und 15 Uhr oder zwischen 18 und 20 Uhr. Mancher im Siegerland hofft nun, dass dieses Konzept dem Einzelhandel einen Weg in die Zukunft bereitet. Schließlich wird es für kleine Läden gerade auf dem Land seit Jahren immer schwerer.

Schon vor Jahrzehnten waren es die großen Kaufhäuser, die Riesensupermärkte wie Real oder famila, die sich wie Raumschiffe an den Ortsrändern niederließen, den Kunden ein Vollsortiment aus Lebensmitteln, Drogeriewaren, Elektronik und Kleidung boten, den Innenstädten aber die Kunden wegnahmen. Unter den Überangeboten haben viele kleinere Einzelhändler in Deutschland gelitten, einige sind zugrunde gegangen, und manche deutsche Fußgängerzone verödete zum Ein-Euro-Shop-Gebiet.

Auch in der Siegener Innenstadt stehen Ladenlokale leer, obwohl hier mehr als 100.000 Menschen leben, darunter viele Studenten. 

Mit dem Internet kam die zweite Welle der Konkurrenz auf den Einzelhandel zu, zunächst war besonders der Fachhandel betroffen: Kleidung, Elektronik, Bücher – alles außer Lebensmittel. Doch auch dieser Markt wird seit einiger Zeit neu aufgerollt. Der Onlineversand Amazon Fresh hat in Berlin und München angefangen, seinen Kunden ein Sortiment von 85.000 Artikeln anzubieten, und will auch in ländliche Regionen vordringen.

In den Städten haben die Großen der deutschen Lebensmittelbranche wie Rewe, Edeka und die Discounter darauf reagiert, indem sie nun eigene Lieferdienste für frische Lebensmittel anbieten. Aber die kleinen Metzger, Bäcker und Spezialitätenläden fürchten zu Recht, dass sie es schwer haben werden. Das Experimentieren für den kleinen Einzelhandel hat begonnen. Auch Locamo, das fast genauso wie Lokaso klingt, versucht als Onlineunternehmen aus Ravensburg lokales und regionales Einkaufen im Sinne der Einzelhändler zu stärken. Selbst eBay startete ein Pilotprojekt zum lokalen Einkaufen in Mönchengladbach.

Die Fleischerei Bingener liegt am Marktplatz in Kreuztal bei Siegen. Alles ist hier so, wie es in einer Landmetzgerei eben zu sein hat. Durch den Laden zieht ein dicker Duft: fleischhaltige Kost, die als Mittagstisch serviert wird. Lange Theken mit Fleischwurst, Schinken und Salamispezialitäten, hinter den Verkäuferinnen hängen die Mettkringel am Haken, an den Tischen zersägen Gäste ihre Schnitzel.

Die Mitarbeiter von Inhaberin Kristina Bingener, Schürze, praktische Kurzhaarfrisur, haben die Bestellungen für die Lokaso-Kunden gepackt, sie überreichen der Fahrerin zwei prall gefüllte Beutel. "Für uns rechnet sich dieses Geschäft leider noch nicht", sagt Bingener. Zwar bestellten die Leute über das Onlineportal normale Einkäufe wie Aufschnitt, Wurst und Fleisch zum Wochenende, aber noch reiche die Zahl der Bestellungen nicht aus, um die Kosten für den Service zu decken. Anders als bei Amazon oder dem Lieferdienst von Rewe zahlt bei Lokaso nicht der Kunde für die Lieferung, sondern der Händler. Das sind sieben Prozent Provision auf jeden Einkauf und eine monatliche Gebühr von in der Regel 149 Euro.