Die Stimmung in der deutschen Industrie ist weiterhin gut, die Wirtschaftskraft wächst weiter. Das könnte sich aber ändern, sobald die Autobauer die Folgen des Abgasskandals zu spüren bekommen und womöglich negative Zahlen schreiben, befürchten Ökonomen. Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Krise der Autoindustrie ein Vorbote einer nachlassenden wirtschaftlichen Stärke der Bundesrepublik. "Deutschland hat den Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erreicht und vielleicht schon überschritten", sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher der Welt am Sonntag.

Die Unternehmen investierten laut Fratzscher zu wenig – vor allem in Forschung und Entwicklung. Die Autoindustrie habe zu lange an alten Technologien festgehalten, sagte er. Die Krise der deutschen Automobilbranche ist dem DIW-Chef zufolge auch eine Belastung für das Label Made in Germany und die gesamte deutsche Volkswirtschaft.

Die Kartellvorwürfe gegen die deutsche Autoindustrie könnten "durchaus das Potenzial haben, zu einem breiten Stimmungsdämpfer zu werden", sagte Thomas Gitzel von der VP Bank aus Liechtenstein im Handelsblatt. Komme es zu Beweisen und zu Sammelklagen, würden Autobauer letztendlich negative Zahlen schreiben. Davon wäre dann laut Gitzel auch die Zuliefererindustrie betroffen und auch der Mittelstand. "Möglicherweise wird also die Party empfindlich gestört", sagte er.

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt warnte vor den möglicherweise weitreichenden Folgen des Abgasskandals für Deutschland. "Die Au­to­in­dus­trie hat sich in rich­tig schwe­res Fahrwas­ser ge­bracht", sagte der CSU-Politiker der Bild am Sonntag. Die Hersteller sollten ihrer "verdammten Verantwortung" gerecht werden, Fehler beheben und dadurch verlorenes Vertrauen der Kunden wiederherstellen. Die Opposition hatte Dobrindt zuvor Laschheit gegenüber der Autoindustrie vorgeworfen. 

Mitte kommender Woche sollen bei einem Diesel-Gipfel von Politik, Wirtschaft und Industrie Wege gefunden werden, Fahrverbote wegen zu hoher Abgaswerte zu vermeiden. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete unter Berufung auf Verhandlungskreise, die Autoindustrie wolle der Bundesregierung auf dem Gipfel eine Art Mobilitätsfonds für saubere Innenstädte anbieten. In diesen sollen Staat und Wirtschaft gemeinsam einzahlen — dem Bericht zufolge ist von einem dreistelligen Millionenbetrag die Rede. Davon sollen Studien für Verkehrsleitsysteme und ökologische Aufrüstungen der Busflotte finanziert werden.

Die Industrie hält aber weiter ein Software-Update für Dieselautos für die beste Lösung, um die Stickoxidbelastung im Straßenverkehr zu verringern. "Unsere Unternehmen sind bereit, eine große Zahl von Autos mit der Schadstoffklassen Euro 5 und zum Teil auch Euro 6 mit neuester Software nachzubessern", sagte der Präsident des Branchenverbandes VDA, Matthias Wissmann, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Damit lasse sich der Ausstoß von Stickoxiden im Schnitt um mindestens 25 Prozent senken, versicherte Wissmann. Damit wirke diese Maßnahme ebenso gut wie Fahrverbote. Hardware-Nachrüstungen, wie sie unter anderem Bundesumweltministerium Barbara Hendricks (SPD) verlangt, lehnte Wissmann als untauglich ab.

Das Stuttgarter Verwaltungsgericht hatte am Freitag entschieden, dass das Land Baden-Württemberg seine Pläne gegen die starke Luftverschmutzung in Stuttgart überarbeiten muss. Damit könnte ein Fahrverbot für Dieselautos in der Stadt drohen, die nicht der aktuell strengsten Abgasnorm Euro 6 entsprechen. In rund 80 deutschen Städten werden die Grenzwerte für Stickoxid überschritten – in Stuttgart sind sie am höchsten. Der Richter in Stuttgart hatte reine Software-Updates als unzureichend betrachtet, um das Problem zu lösen.