Ein kleiner Sprung ins Jahr 2050: Auf Deutschlands Straßen ist kein Motorenlärm mehr zu hören, die Autos surren fast lautlos durch die Städte. Bordcomputer steuern die Wagen, die Passagiere nutzen die Fahrt, um einen Film zu schauen oder zu schlafen. Und wenn sie am Zielort ausgestiegen sind, findet das Auto von selbst zum nächsten Fahrgast oder zur Ladestation.

Optisch unterscheiden sich die Fahrzeuge kaum von früheren Generationen – bis auf eine Kleinigkeit: Sie tragen nicht mehr die verchromten Logos von Mercedes, BMW oder anderen einst etablierten Marken. Stattdessen zieren die Schriftzüge von IT-Firmen aus dem Silicon Valley die Motorhauben, die Autos heißen Google Driver oder iCar.

Glaubt man Stefan Bratzel, ist eine solche Zukunft näher, als viele glauben. "Durch den Dieselskandal erleben wir in der Automobilindustrie derzeit eine Entwicklung im Zeitraffer", sagt der Professor vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Bratzels These: Auf lange Sicht sei es nicht entscheidend, ob die deutschen Hersteller den Umstieg auf die gerade viel diskutierten Elektromotoren schaffen oder nicht. Wirklich wichtig hingegen werde die enge Vernetzung mit den Kunden. Scheitern die traditionellen Autobauer hierbei, drohe ihnen die rasche Ablösung, sagt Bratzel.

Apple und Google steigen ins Geschäft ein

Der digitale Anforderungskatalog, um das zu verhindern, ist lang: Die Hersteller müssen Kundenplattformen aufbauen, die aus dem Verhalten der Nutzer lernen und ihre Bedürfnisse frühzeitig erkennen. Sie müssen die Wagen mit WLAN und Echtzeit-Datenübertragung ausstatten, damit sie mit anderen Fahrzeugen und den Passagieren kommunizieren können. Ob diese Digitalisierung der Automobilindustrie gelingt, beeinflusst nicht nur die Zukunft der Branche – sondern die ganz Deutschlands. Der Kraftfahrzeugbau ist mit mehr als 400 Milliarden Euro die wichtigste Industrie im Land.

Während Politik und Wirtschaft also über den Dieselskandal und ein mögliches Verbot des Verbrennungsmotors streiten, könnte sich die Zukunft der Autoindustrie in Wahrheit in einem "Kampf der Welten" entscheiden, wie Bratzel es nennt. Zwar hätten Konzerne wie Apple und Google es aufgegeben, selbst Autos zu bauen. "Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht in den Markt einsteigen." 

Die Automobilindustrie in Deutschland

Schon jetzt bietet Apple mit CarPlay eine Benutzeroberfläche an, die für den Bildschirm im Auto optimiert ist.Smartphone und Auto verschmelzen dadurch immer mehr: Man kann direkt über das Auto telefonieren, die eigene Musik aus der Cloud abspielen oder den Spielfilm an der Stelle starten, an der man ihn zu Hause beendet hat. 

Viele Menschen werden auf ein eigenes Auto verzichten

Dazu passt eine weitere Entwicklung: Mobil zu sein wird wichtiger, als ein Auto selbst zu besitzen. "Mit dem autonomen Fahren werden mehr Menschen auf Individualbesitz verzichten", sagt der Innovationsökonom Andreas Pyka von der Universität Hohenheim. Anstatt ihre Autos einen Großteil des Tages ungenutzt auf Parkplätzen abzustellen, werden viele Menschen in Zukunft lieber für den Wochenendeinkauf ein Auto mieten – und es dann an den nächsten Nutzer übergeben.

Dadurch werden für die Autohersteller zwei Dinge wichtiger: Sie müssen in der Lage sein, präzisere Roboter und Sensoren zu entwickeln, um das autonome Fahren überhaupt erst zu ermöglichen. Und sie müssen große Mengen digitaler Informationen verarbeiten können, um ihren Kunden eine effiziente Sharingplattform zu bieten. Nur dann sind Autos auch dort verfügbar, wo sie benötigt werden. Pyka sagt: "Während der Standort Deutschland in der Entwicklung von mechanischer Technik sehr stark ist, zeigen sich bei Datenauswertung und Big-Data-Analyse große Defizite."