Die Kritik an Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann reißt nicht ab: Während Tausende Mitarbeiter der insolventen Fluglinie um ihre Jobs fürchten und darum bangen, dass für eine Transfergesellschaft Geldgeber gefunden werden, erhält der Manager sein Grundgehalt in Höhe von 950.000 Euro weiter. Und zwar bis zum Vertragsende bis Anfang 2021 – und auch im Falle einer ordentlichen Kündigung. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro festgesetzt. Die Zahlungsverpflichtungen wurden durch eine sogenannte Bankgarantie von bis zu 4,5 Millionen Euro abgesichert – ein branchenüblicher Vertrag zwar, dennoch sind viele darüber empört.

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Christian von Stetten sagte dem Handelsblatt, er gehe davon aus, dass der gesamte Komplex der Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa "zu einem späteren Zeitpunkt noch mal untersucht wird". Er vermute, dass "einiges im Vorfeld abgesprochen" worden sei, das dem Wettbewerb "nachträglich schaden" werde.

Der Vorsitzende der CSU-Mittelstands-Union, Hans Michelbach, sprach in diesem Zusammenhang auch von "Fragen ethischer Natur". Winkelmann habe den Posten zu einem Zeitpunkt übernommen, "als bereits erhebliche berechtigte Zweifel an einer wirtschaftlich erfolgreichen Zukunft von Air Berlin bestanden". Während der Manager aber umfassend gegen Risiken abgesichert worden sei, gingen viele Mitarbeiter und Kunden nach der Air-Berlin-Insolvenz leer aus. Dieses Ungleichgewicht stärke nicht das "Vertrauen in unsere Wirtschaftsordnung".

Winkelmann hatte erst im Februar den Job als Chef der Fluggesellschaft übernommen, zuvor war er als Manager bei der Lufthansa tätig, die nun 81 der zuletzt 134 Air-Berlin-Maschinen kauft und bis zu 3.000 der etwa 8.000 Beschäftigten einstellen will.

Verbraucherzentralen-Chef: Gehalt für Entschädigung der Fluggäste spenden

Deutliche Worte fand auch der neue SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider. "Die Raffke-Mentalität des Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin ist erschreckend. In einer Situation, in der Tausende Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen, ist das einfach nur asozial", sagte er der Welt. Die Grünen-Wirtschaftspolitikerin Kerstin Andreae nannte es wiederum "unmoralisch, wenn Vorstände ihre Unternehmen regelrecht ausplündern, während ihre Mitarbeiter kurz vor der Kündigung stehen". FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer sprach von einem "skandalösen Verhalten" Winkelmanns.

Der Chef der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, forderte, dass der Air-Berlin-Chef auf sein Gehalt verzichten soll – allerdings zugunsten der Kunden, deren Flugscheine verfallen. "Wenn Herr Winkelmann den nächsten Job antritt, zum Beispiel bei der Lufthansa, wäre es ein Zeichen des Anstands, wenn er sein Air-Berlin-Gehalt für die Entschädigung der Fluggäste spendet", sagte Müller dem Handelsblatt.  

Air Berlin wies Müllers Kritik zurück. Das Geld für die Bankgarantie sei vom Großaktionär Etihad gestellt worden und gehe nicht zulasten der Insolvenzmasse der Air Berlin. Durch die Garantie habe Etihad Winkelmann als erfahrenen Manager für vier Jahre binden und die Sanierungsbemühungen langfristig unterstützen wollen.

Geldgeber für Transfergesellschaft gesucht

Unterdessen geht die Suche nach Geldgebern für die geplante Transfergesellschaft weiter. Die Kosten liegen im zweistelligen Millionenbereich. Eine solche Gesellschaft würde viele Air-Berlin-Beschäftigte zunächst vor der Arbeitslosigkeit bewahren. Bislang wollen sich Air Berlin und die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen an einer Transfergesellschaft beteiligen.

Die Lufthansa hatte eine Unterstützung abgelehnt. Der Konzern erklärte am Donnerstag, er habe mit der Übernahme von großen Teilen Air Berlins bereits viel für deren Beschäftigte beigetragen. "Lufthansa hat sich mehr als jeder andere Akteur engagiert mit der Schaffung und Übernahme von 3.000 Arbeitsplätzen und Investments von 1,5 Milliarden Euro zur nachhaltigen Sicherung dieser Jobs", sagte eine Sprecherin des Konzerns.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann forderte dagegen, die beteiligten Firmen müssten "zumindest die Kosten für die Sozialversicherungsbeiträge tragen". Das entspreche einem Anteil von etwa 40 Prozent der Lohnkosten. "Die Bundesagentur für Arbeit würde das Transferkurzarbeitergeld in Höhe des Arbeitslosengeldes zahlen."

Mittlerweile hat auch die Bundesregierung die Lufthansa aufgefordert, sich bei der geplanten Transfergesellschaft für Air Berlin zu engagieren. "Die Lufthansa und andere Interessierte, die gute Stücke von Air Berlin übernehmen, müssen bei der Qualifizierung und Vermittlung der Air-Berlin-Beschäftigten in einer Transfergesellschaft Verantwortung übernehmen", sagte etwa Katarina Barley (SPD) in ihrer Funktion als kommissarische Arbeitsministerin.  Dass sich die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen finanziell an einer Transfergesellschaft beteiligen wollen, begrüßte Barley. "Einen vergleichbaren Einsatz würde ich mir auch von Bayern wünschen, wo ebenfalls viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze stehen."

Schwierige Gespräche mit Easyjet

Unterdessen ziehen sich die Verhandlungen von Air Berlin mit Easyjet hin. Die britische Fluglinie will 25 Flugzeuge übernehmen. Das Air-Berlin-Management will die Gläubiger am Dienstag nächster Woche über Käufer entscheiden lassen. Zeitdruck besteht zudem, weil Air Berlin zum Monatsende das Geld ausgeht. Nach dpa-Informationen soll mit weiteren Interessenten wie etwa Condor verhandelt werden, sollte es in dieser Woche keine Einigung mit Easyjet geben.

Bis Freitag werden auch noch Bieter für die Techniksparte der Air Berlin gesucht. Verhandlungen laufen unter anderem mit dem Berliner Logistiker Zeitfracht.