Es ist Freitagabend, kurz nach 19 Uhr am Münchner Flughafen. In knapp zwei Stunden wird hier das letzte Flugzeug in der Geschichte von Air Berlin in den Himmel steigen: Flug AB6210 nach Berlin-Tegel, planmäßige Ankunft: 22:45 Uhr, erwartete Flugdauer: 55 Minuten.

Es ist das Ende für Air Berlin und für viele Mitarbeiter der Beginn ihrer drohenden Arbeitslosigkeit. Die Stimmung am Schalter von Air Berlin ist dennoch erstaunlich fröhlich: Zwei Mitarbeiter drucken die letzten Bordkarten für die Passagiere aus, ein paar Meter weiter stehen ihre Kollegen in selbst bedruckten T-Shirts und mit Sekt in der Hand. Anekdoten ("Weißt du noch, der Kreta-Flug?") und Umarmungen werden ausgetauscht. An diesem letzten Air-Berlin-Abend wird viel gelacht und auch ein bisschen geweint.

Nur ein Brief an der Säule des Schalters, adressiert an Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann, macht die Wut vieler Mitarbeiter klar.

Air Berlin - Mitarbeiter und Passagiere nehmen beim letzten Flug Abschied Am späten Freitagabend landete die letzte Maschine der insolventen Fluglinie Air Berlin auf dem Flughafen Tegel. Am Boden hatten sich ehemalige Mitarbeiter, Gewerkschafter und Flughafenpersonal versammelt. © Foto: dpa

Wut über die Abfindung in Millionenhöhe

Dort steht per Hand geschrieben: "Wissen Sie, wie viele Tränen in den letzten Tagen vergossen worden sind? Ist Ihnen bewusst, wie viele es heute noch werden? Verantwortung hat man immer für Menschen und nicht für 4,5..." Es ist eine Anspielung auf die Abfindung von knapp fünf Millionen Euro, die Winkelmann trotz Insolvenz erhalten soll.

Im Sicherheitsbereich, vor dem Ausgang A 16, wird es derweil immer voller. Unter den Wartenden gibt es drei Gruppen: Journalisten, die über den letzten Flug berichten wollen, Air-Berlin- und Luftfahrtliebhaber, die das historische Ereignis miterleben wollen und ein paar wenige Reisende, die zufällig diesen Flug gebucht haben – wobei diese Gruppe angesichts der Ticketpreise von bis zu 400 Euro am kleinsten ausfällt. 

Am engagiertesten sind, natürlich, die extra angereisten Air-Berlin-Fans. Noch vor dem Boarding stellen sie ein Sparschwein auf, in das jeder Passagier ein paar Euro für die Crew werfen soll. Am Ende kommt so ein prall gefüllter Beutel zusammen, ein Fünfziger steckt sogar darin.

Beim Betreten des Flugzeugs bekommt jeder Gast einen Liedzettel in die Hand gedrückt – den Text zum Firmensong "Flugzeuge im Bauch", der kurz vor der Landung gesungen werden soll. Das Einsteigen geht dann nur schleppend voran: Mitarbeiter von Air Berlin bilden vor der Tür ein Spalier, essen Kuchen und trinken wieder Sekt, sie klatschen jeden Gast einzeln ab und bitten um persönliche Wünsche, die von außen an die Kabinentür zu schreiben sind. Es ist wie eine große Geburtstagsparty.

Auch die Crew gibt sich große Mühe, ihren Passagieren noch einmal etwas Besonderes zu bieten: Die Sicherheitseinweisung ist deutlich lockerer als üblich, auf die englische Version wird ganz verzichtet. Kurz vor dem Abflug rollt das Flugzeug noch durch die Fontänen zweier Feuerwehrautos – die höchste Würdigung in der Luftfahrt.

Erst um 22.35 Uhr, mit einer Stunde Verspätung, hebt AB6210 in München ab. Während die Stadtlichter langsam unter den dichter werdenden Wolken verschwinden, wird es ruhig in der Kabine.

Sekt und Himbeertörtchen

Etwa über Regensburg beginnt der Bordservice, "ein ganz besonderes Dankeschön" der Crew. Es gibt Sekt, dazu Baguette mit Chorizo und einer bräunlichen Creme, die jedoch für sämtliche Sitznachbarn undefinierbar bleibt. Als Nachtisch serviert die Crew Himbeertörtchen und Limettenschaum. "Ist ja fast wie früher", ruft ein Passagier aus den hinteren Reihen – tatsächlich hat Air Berlin das Gratis-Essen in der Economy schon vor längerer Zeit abgeschafft. Gebracht hat auch das nichts.

Vorne, in der ersten Reihe, auf Platz 1C, sitzt während des Flugs Joachim Hunold, der die Airline 1991 aus den USA nach Deutschland geholt hat. Hunold war 20 Jahre Chef von Air Berlin und machte aus einem Zwei-Flieger-Betrieb Deutschlands zweitgrößte Airline. 2011 übergab er das Unternehmen an seinen Vertrauten und Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn – jedoch mit so hohen Schulden, dass eine Insolvenz schon damals absehbar war.

Von der Crew wird Hunold freundlich begrüßt, Handschlag bei den Herren, Küsschen bei den Damen. Trotzdem wirkt Hunold angegriffen, nicht nur weil er auf dem letzten Flug seiner Air Berlin sitzt. Als er vor dem Start am Gate auftauchte, gab es vereinzelte Buh-Rufe. Womöglich ahnte Hunold da schon, dass es nur der Vorgeschmack auf seine Begrüßung in Berlin war. 

"Ich habe Deutschland vereint gesehen"

Irgendwo über Ostdeutschland, noch eine halbe Stunde vor Berlin, meldet sich der Kapitän mit seinem Abschiedsgruß aus dem Cockpit. Er heißt Dave McCalep, ist gebürtiger US-Amerikaner, 61 Jahre alt und hat 1990 bei Air Berlin begonnen. "Ich bin 27 Jahre für Air Berlin geflogen, ich habe die Liebe meines Lebens in Deutschland gefunden, ich habe hier gute Freunde gefunden, Städte näher gebracht und Deutschland vereint gesehen. Vielen Dank für alles, ich wünsche Ihnen einen guten Weiterflug durch ihr persönliches Leben." Der anschließende Applaus übertönt sogar das Röhren der Turbinen.

Als der Flieger auf Berlin zusinkt, gibt die Flugsicherung in Bremen die Genehmigung für einen Stadtrundflug über die Hauptstadt, in nur rund tausend Meter Höhe. Passagiermaschinen dürfen sonst nicht so tief über der Stadt fliegen. Die Crew schaltet die äußere Beleuchtung ein, damit sich auch die Berliner von ihrer Airline verabschieden können. Dann geht es in zwei großen Schleifen über das Tempelhofer Feld, den Alexanderplatz und das Brandenburger Tor.