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Irgendwann an diesem Abend muss Milanti* dann doch sehr staunen. Man übersetzt ihr einen Abschnitt von der Website des Sportartikel-Discounters Decathlon, die den Kunden Fairness trotz niedrigster Preise versichert. "Wir arbeiten", heißt es da, "mit Subunternehmern oder industriellen Partnern zusammen, die die gleichen Arbeits- und Sozialstandards einhalten wie wir selbst." Was genau das Unternehmen mit "gleichen Sozialstandards" meint, wird auf der Website nicht ausgeführt – Milanti jedenfalls hat gerade eine Zwölfstundenschicht bei einem der insgesamt zwölf Zulieferer hinter sich, mit denen Decathlon seit 2006 in Sri Lanka zusammenarbeitet, und sie hat keinen Anspruch auf Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. "Ich dachte, in Europa hätte man es besser", sagt sie mit fragenden Augen.

Milanti heißt in Wahrheit anders, und viele Details über ihr Leben und das von Kolleginnen werden in diesem Text fehlen müssen. Die Näherinnen sollen nicht erkannt werden und womöglich dafür büßen, dass ihre Geschichten an dem Image des sozial engagierten und ökologisch verantwortungsbewussten Unternehmens kratzen, mit dem Decathlon derzeit weltweit expandiert – auch in Deutschland. Berlin, Köln, Düsseldorf, Wuppertal, Rheine, Ingolstadt, Augsburg, Passau …

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo in der Republik eine weitere Filiale der französischen Kette eröffnet wird. Nach einem ersten, wenig erfolgreichen Versuch in den 1980er Jahren, das Konzept des Billigheimers hierzulande gegen den Fachhandel zu etablieren, stürmt nun eine im E-Commerce erprobte Kundengeneration die Läden. 

Bis zum Ende dieses Jahres will Decathlon in Deutschland 46 Standorte zählen und bald die Marktführerschaft übernehmen. Nach wie vor sucht die Firma mit Sitz im nordfranzösischen Villeneuve-d'Ascq bei Lille nach Grundstücksflächen mit bis zu 30.000 Quadratmetern an Hauptverkehrsachsen oder Zubringern, die 250.000 Menschen mit dem Auto in höchstens 20 Minuten erreichen können. Vermieter zweitrangiger Immobilienflächen begeistert das. Händler in Innenstädten und Bürgermeister mit Sorge vor ausblutenden Fußgängerzonen weniger. Denn der Markt für Sportartikel wächst in Deutschland seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Jeden Anteil, den Decathlon mit seinen Kampfpreisen gewinnt, verliert ein anderer.

Dabei ist der Wettbewerb weniger sportlich, als es die Eigendarstellung glauben machen will.

Duschgel? Viel zu teuer für die Näherinnen

Ihren 1,5 Kilometer langen Weg zur Arbeit hat Milanti an diesem Tag wie immer zu Fuß zurückgelegt, nachdem sie die Nacht zusammen mit ihrem Mann und den Kindern in einem einzigen Bett verbracht hat. Die Familie lebt in einem der sogenannten Boarding-Houses, die im Umkreis der über ein Dutzend riesigen Freihandelszonen Sri Lankas für das Heer der Beschäftigten entstanden sind. Es sind Baracken mit winzigen Zimmern, in denen geschlafen, gelebt und gekocht wird. Die Gegend um Katunayake am Flughafen von Colombo oder bei Wathupitiwela, ein kleines Stück entfernt davon, ist voll von ihnen.

Viele Betten sind doppelt belegt. Geht eine Frau zur Nachtschicht, legt sich eine andere schlafen, die gerade von der Tagschicht kommt. Bäder gibt es in den Boarding-Houses nicht. Gewaschen hat sich Milanti im Freien mit dem Wasser aus einem Schöpfbrunnen und einem winzigen Stück Seife. Duschgel? Viel zu teuer für die Familie.

Selbst in guten Monaten zahlt der Decathlon-Zulieferer Milanti kaum 150 Euro. Ein Viertel davon geht für Miete und Strom drauf, ein weiteres für die Betreuung der Kinder, deren Schulunterricht am frühen Nachmittag endet.   

Sri Lanka exportiert Textilien im Wert von 1,9 Milliarden Dollar jährlich in die EU; damit ist Europa der wichtigste Markt. Schon bald sollen die Ausfuhren gar um 400 bis 500 Millionen Dollar höher liegen, wie Industrie- und Handelsminister Rishad Bathiudeen kürzlich ankündigte. Erst im Mai hatte Brüssel dem Land nach siebenjähriger Pause erneut Zollvergünstigungen nach dem Generalised Scheme of Preferences (GSP) für aufstrebende Länder gewährt.