Amazon wird es verschmerzen: Der deutsche Schuhhersteller Birkenstock wird den Internetkonzern nur noch bis zum Jahresende direkt beliefern. Der Grund sind Medienberichten zufolge Produktfälschungen. Amazon kontrolliere zu wenig, was auf seiner Plattform angeboten werde, heißt es. Das schade der Marke.

Birkenstock kann das verkraften, denn den Großteil seines Umsatzes macht das Unternehmen aus Neuwied gar nicht übers Netz, sondern in Läden und Kaufhäusern. Und über andere Onlinehändler werden seine Sandalen auch künftig auf Amazon erhältlich sein. Doch der Vorwurf, der Onlinehändler dulde den Verkauf von Fälschungen, ist schwerwiegend.

Allein ist Birkenstock mit diesem Gefühl nicht. Im November unterzeichneten über hundert Markenunternehmen einen Brief, in dem sie beklagten, dass "sie im Kampf gegen Produktfälschungen alleingelassen werden." Unterschrieben haben unter anderem: Adidas, Basf Bayer, Puma, Lego, Philipps, HP, Apple, Dr. Oetker, Triumph, Miele, Weleda – Unternehmen aus allen Branchen. Adressat des Briefes war Jean-Claude Juncker, Chef der EU Kommission. Die Unternehmen forderten die Kommission auf, etwas gegen die Fälschungen zu unternehmen. 

Ihre Klage ist verständlich. Gefälscht wird so gut wie jeder Markenartikel, von der Handtasche bis zum komplizierten medizinischen Gerät, vom Shampoo bis zu Maschinenbauteilen. Es ist ein enorm großes Geschäft: Im Jahr 2005 betrug der Umsatz mit Produktfälschungen 187 Milliarden Euro, 2015 waren es laut OECD 432 Milliarden, und für das Jahr 2022 wird mit einer Steigerung auf 931 Milliarden gerechnet. Das entspricht dem Bruttosozialprodukt der Niederlande, der siebtgrößten Volkswirtschaft der EU.

Der Schaden ist immens. Weil Europa eine sehr markenintensive Wirtschaft hat, sind europäische Unternehmen davon besonders betroffen: 85 Milliarden Euro des weltweiten Umsatzes, der mit Fälschungen 2015 gemacht wurde, entfällt auf die Europäische Union. Das entspricht fünf Prozent des Wertes aller EU-Importe. Der Schaden ist immens.

Freiwillige Selbstkontrolle funktioniert nicht

Nur, sind Internetplattformen wie Amazon, eBay oder Alibaba wirklich daran schuld? Nein, denn den Handel mit gefälschten Produkten gab es schon lange bevor es das Netz gab. Doch klar ist auch, dass der Umsatz von Produktfälschungen zusammen mit dem Onlinehandel rasant gewachsen ist. Das Netz gibt Anbietern, auch den Fälschern unter ihnen, die Möglichkeit, einen globalen Markt zu bedienen. Die Internetplattformen sind selbst zwar keine Händler, aber sie stellen den Marktplatz zur Verfügung. Damit haben sie Verantwortung für das, was bei ihnen angeboten wird. Natürlich können Amazon oder eBay nicht alles kontrollieren. Der Aufwand wäre zu groß, die Kosten zu hoch. Doch sie könnten das Gröbste aussortieren. Das wäre technisch ohne allzu großen Aufwand machbar.

Amazon hat 2011 sich gemeinsam mit anderen in einem sogenannten Memorandum freiwillig zu einer besseren Kontrolle verpflichtet, aber offensichtlich reicht das nicht aus. Damit ist der Gesetzgeber gefragt. Zwar werden neue Gesetze alleine nicht ausreichen, um den Handel mit Produktfälschungen in den Griff zu kriegen; aber sie wären eine zusätzliches und notwendiges Instrument im Kampf gegen eine Plage, die das Fundament eines jeden Unternehmens untergräbt: Vertrauen.