EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sieht keine Mitschuld der Kartellwächter an der Pleite der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki. Dem Insolvenzverwalter von Air Berlin und den Chefs der beteiligten Airlines sei von Anfang an gesagt worden, dass es aus Wettbewerbssicht große Bedenken gegen den Verkauf von Niki an Lufthansa gebe, sagte Vestager in Brüssel. "Es war keine Überraschung für Lufthansa, dass wir den Plan kritisch gesehen haben."

Die Lufthansa hatte ihr Angebot für die Air-Berlin-Töchter Niki und LG Walter am Mittwoch überraschend zurückgezogen. Niki hatte daraufhin Insolvenz angemeldet und den Flugbetrieb eingestellt. Die Prüffrist der EU-Kommission für die Übernahme von LG Walter läuft noch bis 21. Dezember. Ursprünglich hatte die Lufthansa beide Fluggesellschaften für 210 Millionen Euro aus der Insolvenzmasse von Air Berlin übernehmen wollen.

Vestager sagte, die Zusagen der Lufthansa hätten nicht ausgereicht. Das habe auch ein Marktfeedback ergeben, das die EU-Kommission eingeholt habe. Bei mehr als 80 Strecken habe es Bedenken gegeben. Auf 50 Strecken hätte es nach einer Übernahme nur noch Lufthansa als einzigen Anbieter gegeben. Das Risiko von höheren Preisen und weniger Angeboten für die Verbraucher sei erheblich gewesen, so die Kommissarin.

Ticketkosten sollen weitgehend erstattet werden

Unterdessen kündigten mehrere Fluggesellschaften an, nach der plötzlichen Pleite der Airline beim Rücktransport von bis zu 40.000 Niki-Passagieren zu helfen, die im Ausland festsitzen. Der Ferienflieger Condor sagte zu, Passagiere, die direkt bei Niki gebucht haben, kostenfrei nach Deutschland zurückzufliegen. Auch Tuifly kündigte Sonderflüge an. Damit soll laut den Airlines vor allem Urlaubern geholfen werden, die keine Pauschalreise gebucht haben, sondern nur ein Niki-Ticket haben und nun am Reiseziel festsitzen.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther teilte mit, fast alle Flugreisenden bekämen den gezahlten Flugpreis zurück oder würden umgebucht. Demnach sollen alle Kunden, die seit dem Insolvenzantrag der Muttergesellschaft Air Berlin Mitte August Flüge direkt bei Niki gekauft haben, den Reisepreis voraussichtlich voll erstattet bekommen. Das betreffe etwa 200.000 Tickets mit Reisezeitraum bis Ende Oktober 2018. Weitere 210.000 Tickets wurden demnach über Reiseveranstalter gebucht. Für ihre Umbuchung sollen sich die Passagiere direkt mit den Veranstalter in Verbindung setzen.

Air Berlin hatte der EU-Kommission am Mittwoch vorgeworfen, ihre Position sei nicht nachvollziehbar. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus kritisierte, das Scheitern des Niki-Verkaufs und die Insolvenz der Niki Luftfahrt GmbH seien "höchst ärgerlich und wären vermeidbar gewesen". Lufthansa habe als einziger Bieter Lösungen für komplexe Themen aufgezeigt.

Niki Lauda will Gebot abgeben

Inzwischen gibt es offenbar weitere Interessenten für die insolvente Fluggesellschaft. So will der Reiseveranstalter Thomas Cook einem Unternehmenssprecher zufolge seine Flugkapazitäten auf dem deutschen Markt ausbauen. Man prüfe daher, die Airline oder Teile von ihr zu erwerben. Auch Ex-Rennfahrer Niki Lauda, der die Fluglinie einst gegründet hatte und 2011 aus dem Unternehmen ausgestiegen war, will ein Gebot abgeben. "Alleine mach ich das jetzt, dann geht's schneller", sagte Lauda im ORF. Ein gemeinsames Angebot Laudas mit Condor war zuvor gegen das der Lufthansa unterlegen.

Derweil bekundeten die Lufthansa-Töchter Austrian Airlines und Eurowings Interesse an einer Übernahme von Mitarbeitern der insolventen Airline. "Niki-Leute können sich sofort bewerben", sagte Austrian-Airlines-Chef Kay Kratky. Austrian biete den Piloten der Fluggesellschaft ein beschleunigtes Bewerbungsverfahren an. Flugbegleiter könnten am 21. Dezember an einem Casting teilnehmen. Bis zu 200 fertig ausgebildete Piloten und rund 300 Flugbegleiter sollen eingestellt werden, teilte die Fluglinie mit.

Auch Eurowings schrieb zahlreiche neue Stellen für Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal aus. In den vergangenen Wochen seien bereits mehr als 500 Mitarbeiter eingestellt worden, darunter viele Flugbegleiter und Piloten von Air Berlin. "Ab sofort werden wir eine Vielzahl weiterer Stellen an unseren Standorten in Deutschland, aber auch in Österreich und Spanien anbieten", sagte Konzernchef Thorsten Dirks. Konkret werde Personal für die Stationen in Düsseldorf, Köln, Stuttgart, München, Wien, Salzburg und Palma de Mallorca gesucht, hieß es. Niki beschäftigte zuletzt etwa 850 Mitarbeiter.

"Überlebensfähiges Unternehmen"

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern kündigte an, einen Überbrückungskredit für die rund 1.000 Mitarbeiter zu prüfen. "Wir wollen, dass Arbeitsplätze und die Fluglinie gerettet werden", sagte Kern in Brüssel, dämpfte jedoch Hoffnungen auf schnelle Ergebnisse. Jeder Interessent werde erst einmal das Unternehmen und die Rechtslage genau unter die Lupe nehmen, sagte der Kanzler. An sich sei Niki aber ein "überlebensfähiges Unternehmen".

Beim Reisekonzern Tui könnte die Niki-Insolvenz Berichten zufolge ein Finanzloch von rund 20 Millionen Euro verursachen. Grund dafür ist laut einem Bericht der Touristik-Fachzeitschrift fvw, dass Niki die letzte Rate für die samt Personal geleasten Tuifly-Jets noch nicht bezahlt habe. Diese Summe müsse Tui im Fall einer Niki-Insolvenz abschreiben, zitierte das Magazin Tui-Vorstandschef Fritz Joussen. Ein Sprecher des Konzerns bestätigte das zunächst nicht. Bereits die Air-Berlin-Pleite im Sommer hatte Tui mit rund 15 Millionen Euro belastet.