Tom Wohlfarth ist Philosoph und Kulturwissenschaftler, Autor, Blogger und Mitgründer des Denkzentrums Demokratie.

Es ist eine alte Weisheit, dass an Feiertagen eine Gesellschaft ihr wahres Wesen offenbart. Widersprüche, die sonst erfolgreich verdrängt werden, treten dann offen zutage. So haben etwa Ethnologen indigener Kulturen bevorzugt hohe Feste beobachtet, aber auch Goethes Beschreibung des Römischen Karnevals zählt zu den Höhepunkten seiner Italienischen Reise.

Die meisten westlichen Gesellschaften zeigen an Weihnachten ihr konsumkapitalistischstes Gesicht: Sie sind weniger Kultur- als "Konsumnationen", und das lässt sich leider auch nicht durch den Hinweis auf die gleichzeitige Konjunktur christlicher Nächstenliebe, im Schenken wie im Spenden, entkräften. Denn hinter den Kulissen und in den sozialen Zwischenräumen steht heutzutage vor allem eine Figur im Zentrum der weihnachtlichen Schenkungsorgien. Sie muss den säkularisierten, will sagen outgesourcten und prekarisierten Weihnachtsmann spielen: die Paketzustellerin und der Paketzusteller. Sie machen es im Grunde erst möglich, dass Geschenke fast wie von selbst unter unseren Tannenbäumen landen. Gerade an Weihnachten, wenn im allgemeinen Kaufrausch besonders viel bestellt wird, denken noch weniger Menschen an sie als sonst ohnehin schon, sondern vor allem daran, dass die eigenen Bestellungen rechtzeitig ankommen.

Obwohl die sozioökonomische Misere der Paketboten seit Langem bekannt ist, will sich an dieser Lage kaum etwas ändern. Am Ende bestellen wir doch weiter und immer mehr bei Amazon, Zalando oder Foodora. Viele Unternehmen können es sich dabei leisten, keine oder kaum Versandgebühren zu verlangen, weil sie deren Kosten einfach nach unten weiterreichen. Knapp 15 Millionen Pakete liefern die Paketdienste pro Tag zwischen Anfang November und Ende Dezember in Deutschland aus.

Kosten an den Schwächsten weitergeben

Es entbehrt ja auch nicht ganz der Logik, dass etwa nicht passende Bekleidung kostenlos zurückgesandt werden kann. Ginge das nicht mehr, würde die Zahl der Bestellungen deutlich zurückgehen. Das heißt aber nicht, dass der Versand generell kostenlos sein muss. Freilich kann ein Unternehmen, um sich am Markt zu behaupten, gezwungen sein, seinen Kunden besondere Konditionen, etwa kostenlosen Versand, anzubieten. Ist die Marktmacht allerdings einmal erlangt, sollte ein Unternehmen zumindest dazu verpflichtet sein, die tatsächlichen Kosten eines eben nur scheinbar kostenlosen Angebots nicht einfach an einen schwächeren Akteur weiterzugeben.

Vergangenen Monat hat etwa Amazon sein Programm Flex gestartet, das man auch als Uberisierung der Paketbranche bezeichnen könnte. Pakete werden von privaten Fahrern im privaten Auto ausgefahren, die Steuerung läuft über App. Ähnlich also wie beim Fahrdienst Uber – mit dem Unterschied, dass der vergleichsweise gut organisierten, zum Teil gar eher stark verpfründeten Taxibranche die Uberisierung gar nicht unbedingt nur schlecht getan hat, während die ohnehin schon durch und durch prekarisierten Logistiker nur noch wenig Widerstand gegen diesen weiteren Markstein der Flexibilisierung aufzubringen imstande sind, von der am Ende vor allem der Konzern profitiert.

Schon seit Jahren ist es in der Branche üblich, dass Aufträge von den großen Firmen, etwa DHL oder Hermes, an Subunternehmer und von diesen weiter an Subsubunternehmer vergeben werden. Die werden oft pro Lieferung bezahlt und müssen auf eigene Verantwortung dafür sorgen, dass sie diese möglichst zeiteffizient bewerkstelligen. Auch Amazon beauftragt schon länger eigene Subunternehmer. Immerhin beteuert der Konzern, dass seine Boten nicht pro Paket, sondern nach Zeit mit mindestens zehn Euro pro Stunde bezahlt werden.

Umdenken von vielerlei Seiten

Nun wäre es allerdings falsch, mit erhobenem Zeigefinger allein auf die Onlinehändler und Logistikunternehmen zu schauen. Sie sind nur einer von vielen Akteuren in einem System, in dem wir alle es für normal halten, dass jederzeit alles ohne Aufpreis sofort zur Verfügung zu stehen hat. Es bedarf hier eines Umdenkens von vielerlei Seiten. Wir alle als Kunden dürfen uns im Grunde zwar gerne darüber freuen, ein neues Paar Schuhe, ein Ersatzladekabel fürs Smartphone oder auch das Abendessen aus dem Lieblingsrestaurant innerhalb kürzester Zeit an die Haustür geliefert zu bekommen.

Aber wir müssen eben auch bereit sein, mitunter viel dafür zu bezahlen, wenn wir uns von anderen bedienen lassen wollen. Und die Onlinehändler und Lieferdienste sollten bei allem Konkurrenzdruck nicht so tun, als ließen sich diese Kosten einfach gut getarnt ins Nirgendwo externalisieren. Die Verantwortung, ein Ende dieser Service-umsonst-Mentalität herbeizuführen, liegt aber letztlich bei der Politik – und bei uns als ihren Wählern. (Als Konsumenten freilich könnten wir auch einfach mal etwas weniger zu konsumieren versuchen.) Den Lieferhelden selbst jedenfalls bleibt unter den hyperflexibilisierten Bedingungen der Gig Economy nicht viel mehr, als sich stärker in Gewerkschaften zu organisieren und einen Arbeitskampf zu beginnen.