Um Viertel nach ein Uhr mittags liegt die VW-Produktion in Września, östlich von Poznań, gut im Plan. Die Arbeiter der Morgenschicht haben schon 102 der geplanten 126 Kleintransporter des Modells Crafter fertiggestellt; ihre Kollegen am Nachmittag werden ähnlich viele Exemplare produzieren. Wenn das Werk mit einem halben Jahr Verspätung im Sommer endlich im Dreischichtbetrieb arbeitet, sollen dort jährlich bis zu 100.000 der Kastenwagen vom Band rollen.

Doch die dritte Schicht mit ihren 800 Beschäftigten zu besetzen, wird nicht einfach: "Wir müssen sicher ein bis zwei Monate früher mit der Rekrutierung anfangen als bei den ersten beiden Schichten. Es ist schwieriger geworden, geeignete Leute zu finden," sagt Werksleiter Ralf Nitzschke, während er im Elektromobil durch einen Teil der riesigen 850 Meter langen und 400 Meter breiten Fabrikhallen führt. "Wir suchen polenweit."

Volkswagen Poznań wurde mehrfach als attraktivster Arbeitgeber Polens ausgezeichnet. Der Vorstandsvorsitzende Jens Ocksen glaubt, dass der gute Name des Konzerns auch weiter qualifizierte Arbeitskräfte anziehen wird. Werksleiter Nitzschke ist nicht ganz so optimistisch, denn in der wirtschaftsstarken Region Poznań herrscht – auch aufgrund des 2016 eröffneten VW-Werks in Września und der ringsum angesiedelten Zulieferbetriebe – Vollbeschäftigung, und die Verdienstansprüche der Polen sind gestiegen. Gut ausgebildete Mitarbeiter kennen ihren Wert; und sie sehen sich ermutigt durch die konservative PiS-Regierung in Warschau, die Polen nicht mehr als verlängerte Werkbank des Auslands mit billigen Arbeitskräften sehen will, sowie durch die Erfahrungen der Auswanderer in Großbritannien, Deutschland und Frankreich.

Firmen werben auch in der Ukraine

Zahlreiche Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen klagen deshalb über Fachkräftemangel. Zu allem Überfluss versuchen deutsche Arbeitgeber mit ähnlichen Problemen jenseits der Oder auch noch, die Besten über die Grenze zu locken.

"In der Entstehungsphase des Werks in Września hatten wir 55.000 Bewerber, auch schon welche für die dritte Schicht," sagt Nitzschke. "Dadurch, dass wir mit ihr später anfangen als geplant, sind einige abgesprungen, die zwischenzeitlich andere Jobs gefunden haben." Selbst der eigentlich optimistische Ocksen schließt nicht aus, dass VW sich erstmals auch nach Fachkräften im Nachbarland Ukraine umsehen wird – wie viele andere Unternehmen das längst tun, um dem Mangel in Polen zu begegnen.

Zum Beispiel Roy Heynlein. Der Berliner kümmert sich in Polen mit seinem Unternehmen Getsix darum, dass die Abrechnungen deutscher Niederlassungen den Regeln des polnischen Steuerrechts genügen. Kürzlich stellte er drei Ukrainerinnen ein, die in ihrer Heimat als Hauptbuchhalterinnen gearbeitet hatten.

Keine Pflegekräfte, kein Tischlerlehrling

"Ich suche krampfhaft," sagt Heinlein. In seiner Branche der Shared Services verdienten polnische Arbeitskräfte in Polen inzwischen nicht selten 7.000 Złoty im Monat, umgerechnet knapp 1.700 Euro, sagt er. "Das kriegt bei mir eine Teamleiterin. Wenn dann ein Kunde von mir 25 Prozent Nachlass auf ein Angebot fordert, und ich ihm die aufgrund der Konkurrenz um Arbeitskräfte nicht gewähren kann, habe ich ein Problem." Deshalb sucht Getsix auch in der Ukraine nach Fachkräften.

Gerold Voss klagt ebenfalls: "500 Złoty mehr und die Leute sind weg." Als Bauträger plant der Vorsitzende des deutsch-polnisches Wirtschaftskreises gerade ein Zentrum für betreutes Wohnen mit 80 Apartments am Stadtrand von Poznań, nur wenige Schritte von den Auen des Flusses Warta entfernt. In zwei Jahren soll der Komplex bezugsfertig sein. Und schon jetzt sei klar, dass es nicht genügend Pflegekräfte geben werde, sagt Voss. Zudem hätten die Baufirmen Angst, Verträge zu unterschreiben, da sie wegen des Mitarbeitermangels womöglich Fristen nicht einhalten könnten. Voss selbst hat für sein Unternehmen KV tech seit fünf Jahren keinen Tischlerlehrling mehr gefunden.

Die Knappheit treibt die Löhne in die Höhe. Voriges Jahr seien sie um zehn Prozent gestiegen, sagt Christoph Poplawski, Geschäftsführer von Transco Polska, der polnischen Tochterfirma des Speditionsunternehmens Transco Süd GmbH aus dem baden-württembergischen Singen. Im Gegensatz zum polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki, der allein aufgrund des Brexit mit der Rückkehr von bis zu 300.000 polnischen Emigranten rechnet, geht Poplawski nicht davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt durch zahlreiche so genannte Remigranten entspannt. "Das Gehaltsniveau im Ausland ist um ein Drittel bis 50 Prozent höher. Deshalb glaube ich nicht an diese Zahlen. Vor zwei Jahren bekam ich auf eine Jobausschreibung noch 50 bis 70 Bewerbungen, heute sind es fünf bis sieben."