Was für ein Understatement angesichts einer derart brisanten Entscheidung! "Ganz schön viel Veränderung in sehr kurzer Zeit": So kommentierte die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager die Erlaubnis der EU-Kommission für die Megafusion zwischen Bayer und Monsanto, dem Pharma- und Agrarchemiekonzern und dem Saatgutriesen.

Dass die EU den Zusammenschluss genehmigen würde, war erwartet worden. Mit dem Plazet scheint die Übernahme so gut wie besiegelt. Es ist ein klares Signal an die Wettbewerbsbehörden jener Länder, die ihre Entscheidung noch nicht gefällt haben. Vor allem aber ist es keine gute Nachricht für die Nachhaltigkeit, für die Demokratie – und vor allem für die Bauern. Zu viel Marktmacht schadet. Das lehrt die Erfahrung gerade in der Landwirtschaft.

Die Marktmacht des gerade entstehenden Konzerns aber ist enorm, denn die aktuelle Elefantenhochzeit – und darauf spielte Vestager an – markiert nur den spektakulären Höhepunkt einer ganzen Serie von Unternehmensfusionen in der globalen Landwirtschaft, die in den letzten Monaten auf einem ohnehin stark konzentrierten Markt durchgewinkt wurden. Zuvor haben sich schon die US-Firmen Dow und DuPont/Pioneer zusammengetan und das Schweizer Agrarunternehmen Syngenta ist mit Chinas ChemChina verschmolzen.

Ein Drittel des Saatgutmarkts für ein Unternehmen

Am Ende werden, BASF mit eingerechnet, nun nur noch vier große Agrar-Riesen übrig bleiben. Bayer-Monsanto allein wird als größter Anbieter fast ein Drittel des kommerziellen Saatgutmarktes beherrschen; die größten drei gemeinsam 61 Prozent. Bei den Pestiziden sind es sogar 71 Prozent.

Zwar hat die EU-Kommission das 51-Milliarden-Euro-Geschäft mit strengen Auflagen verbunden. Damit der Wettbewerb erhalten bleibt, müssen die Leverkusener beispielsweise einen Teil ihrer Forschung an hoch wirksamen Unkrautvernichtern an die BASF abgeben, ebenso bestimmte Sparten ihres Saatgutgeschäfts. Doch Kritiker halten diese Beschränkungen schon in der aktuellen Marktsituation für unzulänglich. Beim Gemüsesaatgut zum Beispiel hat Monsanto in den letzten Jahren weltweit so viele Züchter gekauft, dass die starke Position des Unternehmens nicht gefährdet erscheint.

Chemielandwirtschaft funktioniert nicht mehr

Bedrohlich ist die Fusion aber vor allem längerfristig angesichts der technologischen Entwicklungen, auf die sich alle Agrarkonzerne gerade mit Milliardeninvestitionen stürzen. Sie wissen längst selbst, dass ihre bisherigen Methoden der Ertragssteigerung durch Chemie in absehbarer Zeit nicht mehr funktionieren werden und dass auch die Bevölkerung sie immer weniger akzeptiert, denn sie führen zu Artenschwund, Wasserverschmutzung und resistenten Schädlingen. Der Einsatz von Glyphosat wird immer weniger erlaubt, Neonikotinoide werden wahrscheinlich verboten – die Konzerne brauchen neue Ideen fürs Geschäft. Deshalb forschen sie intensiv an einer digitalisierten Präzisionslandwirtschaft, wie sie es nennen, die mithilfe von Sensoren den Einsatz von Pestiziden und Dünger mindern soll. Sie erproben Feldroboter und entwickeln neue gentechnische Methoden der Pflanzenzüchtung.

Für alle diese Innovationen hat vor allem Monsanto in den letzten Jahren zahlreiche Start-ups eingekauft. Bayer seinerseits hat einen enormen Vorsprung bei den Pestiziden. Beide zusammen können ihre Position als First Mover der schönen neuen Agrarwelt ausbauen, und darauf zielt die Fusion.

Sie wird das gängige industrielle Anbausystem vielleicht etwas nachhaltiger machen – aber vor allem soll sie es erhalten. In Zukunft will Bay-Santo ebenso wie die anderen Konzerne alles aus einer Hand verkaufen: Saatgut, Argarchemie, Felddaten und Anbauwissen, und das individuell zugeschnitten auf jeden Landwirt und jeden Quadratmeter seines Ackers. Das aber wird die Bauern noch stärker als jetzt schon in Abhängigkeit von den Lösungsansätzen, Produkten und Preisen der Großunternehmen treiben. Zugleich wird es für Alternativen wie den Bioanbau immer enger. Dabei greifen auch die Konzerne mittlerweile auf viele seiner Ansätze zurück, denn auch sie erforschen in ihrer pestizidgetränkten Sackgasse mittlerweile biologische Mittel oder natürliche Wurzelsysteme im Boden.

In welcher Welt wollen wir leben?

Gerade die Probleme der industriellen Landwirtschaft zeigen: Marktmacht, Shareholder Value und Economies of Scale haben nicht nur auf dem Acker zu mehr Monokulturen geführt, sondern auch in den Köpfen. Oligopole sind nicht fehlerfreundlich – irren sie sich, dann potenzieren sich Fehler gleich im großen Stil. Nur selten fördern sie, was die Landwirtschaft, die mit Wasserknappheit, Wasservergiftung und Bodenproblemen ebenso ringt wie mit den Herausforderungen des Klimawandels, derzeit am meisten braucht: Experimentierfreude, Anpassung an die lokalen natürlichen Ressourcen und Kulturen. Das gilt umso mehr, wenn Bayer-Monsanto das gängige Anbausystem auch auf die Entwicklungsländer ausweiten will. Wo die große Mehrheit der Menschen als Kleinbauern von einem Hektar eher überlebt als lebt, da wären ganz andere, einfachere und vielfältigere Ansätze gefragt.

Wohl aus solchen Gründen ließ Margrethe Vestager  durchblicken, dass das europäische Wettbewerbsrecht allein solche Dimensionen der Fusion derzeit viel zu wenig erfasst und dass auch andere Teile der EU-Kommission gefragt sind, jetzt mit Regeln einzuschreiten. Weil es um den Zustand der Umwelt ebenso gehe wie um eine gesunde Ernährung für alle, werfe die Konzernhochzeit eine noch viel größere, "äußerst wichtige Debatte" auf, sagte Vestager; nämlich darüber, "in welcher Gesellschaft wir leben wollen".

Wohl wahr. Die heutige Entscheidung macht es noch wichtiger, dass diese Debatte über ein existenzielles Thema jetzt breit geführt wird.