Die Führungskrise ist erst einmal abgewendet. Am Sonntagabend hat der Aufsichtsrat der Deutschen Bank beschlossen, den glücklosen Vorstandschef abzusetzen. Auf John Cryan folgt nun Christian Sewing. Es ist die vielleicht letzte Chance, die Deutsche Bank wieder auf Kurs zu bringen. Und es ist im nationalen Interesse, dass das auch gelingt. Die Deutsche Bank muss wieder eine deutsche Bank werden.

Zur Erinnerung: Deutschland ist die weltweit viertgrößte Volkswirtschaft, die größte deutsche Bank hingegen schafft es auf der Weltrangliste der größten Banken nicht einmal unter die Top Ten. Es ist noch nicht so lange her, da war die Deutsche Bank die erste Anlaufstelle, wenn man in der deutschen Industrie wichtige Finanzangelegenheiten zu regeln hatte. Inzwischen wenden sich die hiesigen Firmen oft an Banken aus Großbritannien, Frankreich oder sogar den USA. Bei einigen großen Unternehmensfusionen war die Deutsche Bank zuletzt nicht mehr dabei.

Nun könnte man argumentieren, dass das alles nicht so tragisch sei. Was spricht dagegen, auf britische oder französische Banken zurückzugreifen, wenn die offensichtlich besser mit Geld umgehen können als die Konkurrenz aus Deutschland? Wir haben schließlich auch nichts dagegen, dass die Briten und die Franzosen unsere Autos kaufen.

Der verlängerte Arm staatlicher Stellen

Doch das wäre zu kurz gedacht. Banken sind die Herzkammern einer modernen Volkswirtschaft. Sie versorgen Unternehmen mit Geld und Kredit, und ohne Geld und Kredit läuft im Wirtschaftsleben nicht sehr viel. Und in einer Welt, in der sich alte Bündnisstrukturen auflösen und eine nie dagewesene Politisierung der internationalen Beziehungen zu beobachten ist, wäre es überaus riskant, das eigene volkswirtschaftliche Zentrum gleichsam ins Ausland zu verlagern. Denn weil sie so wichtig sind und so streng reguliert werden, sind Banken in letzter Konsequenz immer auch der verlängerte Arm staatlicher Stellen.

Das hat sich in der Finanzkrise gezeigt, als britische Aufsichtsbehörden ihre Institute mit sanftem Druck dazu brachten, Geld aus Kontinentaleuropa abzuziehen, damit britische Firmen flüssig bleiben. Es ist jedenfalls nicht vollkommen ausgeschlossen, dass US-Präsident Donald Trump irgendwann auf die Idee kommt, dass General Motors doch Volkswagen übernehmen könnte. Und es wäre nicht sehr beruhigend, wenn Volkswagen auf amerikanische Banken angewiesen wäre, um die Übernahme abzuwehren.

Die deutsche Wirtschaft braucht einen verlässlichen Partner

Deutschland braucht also mindestens eine Großbank – damit die deutsche Wirtschaft, wenn es ernst wird, einen Partner an ihrer Seite hat, auf den sie sich verlassen kann. Die Deutsche Bank ist dieser Partner nicht mehr, es ist die Aufgabe von Christian Sewing, dass sie es wieder wird.

Das wird nur funktionieren, wenn sich der neue Vorstandschef zu einer Kurskorrektur durchringt. Um an der Weltspitze dabei zu sein, hat die Bank in den Neunzigerjahren eine der weltweit größten Handelsabteilungen aufgebaut. In den Boomjahren vor der Finanzkrise war die Deutsche Bank bei fast jedem schmutzigen Geschäft dabei, wenn es nur Geld abwarf. Unter den Spätfolgen dieser Eskapaden – Milliardenstrafen, Imageprobleme, Altlasten in der Bilanz – leidet die Bank noch immer.

Es ist deshalb Zeit, diesen Irrweg zu beenden. Sewing sollte die Handelsabteilungen, soweit sie nicht für die Unternehmensfinanzierung benötigt werden, abspalten oder abwickeln – volkswirtschaftlich betrachtet ist deren Geschäft ohnehin überflüssig. Mittelfristig wäre ein Zusammenschluss mit der Commerzbank sinnvoll: In Deutschland, wo es an jeder Ecke eine Sparkasse oder eine Volksbank gibt, lässt sich mit Bankdienstleistungen nicht genug Geld verdienen, um zwei große und international tätige Banken zu ernähren. Und eine Fusion wäre die ideale Gelegenheit, die Veränderungen anzustoßen, die im Interesse der Bank und des Landes nötig sind.

Das geht nicht ohne Mithilfe der Bundesregierung, die an der Commerzbank beteiligt ist. Aber die große Koalition könnte damit entscheidend zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Standorts beitragen. Das wäre eine Aufgabe für den neuen Finanzstaatssekretär Jörg Kukies. Der kommt von Goldman Sachs – und Leuten von Goldman sagt man nach, durchaus etwas von Finanzen zu verstehen.

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