Geschäftstüchtig war Bischof Nikolaus von Myra wahrlich nicht. Ganz im Gegenteil: Er hat sein Hab und Gut an die Armen verschenkt – einmal auch durch den Kamin, dem idealen Transportweg für Geschenke, wie heute jedes Kind weiß. Nikolaus soll der Legende nach Geld durch den Schornstein in ein Haus geworfen haben, weil er unerkannt bleiben wollte. So habe er drei Schwestern vor der Prostitution bewahrt, da deren Vater sich die Mitgift für die Verheiratung nicht habe leisten können.

Dass Nikolaus rund 1700 Jahre später mitverantwortlich für die Milliardenumsätze zur Weihnachtszeit sein würde, hätte er sich wohl nicht träumen lassen. Das Christkind hat den alten Mann mit dem Rauschebart als Geschenkeüberbringer allerdings vom Thron gestoßen. Vom hohen Mittelalter bis zur Reformationszeit bekamen die Kinder am 6. Dezember, dem Nikolaustag, ihre Gaben. Dann entmachteten die Protestanten den katholischen Heiligen, ersetzten ihn durch den "heiligen Christ" und verlegten den Geschenketermin drei Wochen nach hinten.

Heute profitiert vor allem der Geburtsort des Nikolaus vom guten Namen des Bischofs, der im 4. Jahrhundert lebte. Demra, das alte Myra, ist eine kleine Stadt an der türkischen Mittelmeerküste. Zehntausende Touristen pilgern Jahr für Jahr zu einer Kirche, in der der Sarkophag des Heiligen steht. Der Steinsarg ist allerdings leer. Italienische Seefahrer haben die sterblichen Überreste im Jahr 1087 nach Bari gebracht – die einen sagen: entführt, die anderen: vor den Muselmanen gerettet.

Die Gläubigen stören sich aber nicht an dem Schönheitsfleck. Vor allem Russen zieht es an die Wirkungsstätte des Bischofs Nikolaus. Sie fallen mit Bussen ein und hoffen, dass der Heilige ihre Fürbitten erhört. Der rollende Rubel ist ein willkommenes Zubrot für die Einheimischen, die zumeist von der Landwirtschaft leben. Denn die Touristen müssen irgendwo schlafen, essen und nehmen auch gerne noch ein paar Souvenirs mit. So wie die Säckchen mit heiliger Erde, die bei der Renovierung der Nikolaus-Kirche anfallen.

Mehrere tausend Kilometer weiter nördlich sorgt der Nikolaus beziehungsweise sein verweltlichtes Ebenbild, der Weihnachtsmann, ebenfalls für klingende Kassen. Sechs skandinavische Orte buhlen um die Wunschzettel dieser Welt und um zehntausende Touristen, die sich anschauen wollen, wie es sich zu Hause bei Nikolausens so lebt. Die Schweden haben den Kult auf die Spitze getrieben und 1994 in Mora einen Freizeitpark namens Santaworld eröffnet.

Auch in Deutschland werden gute Geschäfte mit dem Rauschebart gemacht. Neben den Stutenkerl-Bäckern, die zum Nikolaustag hunderttausende der süßen Backwaren unter die Kinder bringen, ist es die Deutsche Bank, die mit dem Namen des Heiligen auf Kundenfang geht. 1,5 Millionen so genannter Nikolaus-Anleihen wollen die Banker unters Volk bringen, Stückpreis 100 Euro. Der Bezugspunkt zu dem Mann aus Myra ist die Fälligkeit am Nikolaustag im Jahr 2012. Dass das Frankfurter Finanzhaus genauso selbstlos mit dem eingenommenen Geld umgehen wird wie der heilige Nikolaus, darf indes bezweifelt werden.