Wissenschaftspolitik Forschung im Hinterzimmer

Der Staat gibt Millionen für Forschung aus, ohne die Bürger zu fragen. Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler fordert deshalb nun ein öffentliches Mitspracherecht.

Über zukünftige Forschungsprojekte wird oft nur im Hinterzimmer entschieden

Über zukünftige Forschungsprojekte wird oft nur im Hinterzimmer entschieden

Die Ausrichtung der deutschen Forschung wird zu großen Teilen in Hinterzimmern festgelegt und hat keine demokratische Legitimierung. So sieht es zumindest der Klimaforscher Hartmut Graßl von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). "Der Staat investiert Millionenbeträge in die Fusionsforschung oder die bemannte Raumfahrt – aber will das die Bevölkerung wirklich?", fragte er am gestrigen Dienstag bei einem Pressegespräch in Berlin.

Wir werden sicher nicht vorschlagen, Volksabstimmungen über Wissenschaftsthemen abzuhalten

Stephan Albrecht, VDW-Vorsitzender

Deshalb möchte die VDW noch in dieser Woche ein Papier verabschieden, in dem der Verband mehr Demokratie in der Forschungspolitik fordert. "Bisher gibt es in Deutschland keine wirkliche parlamentarische Mitbestimmung bei den Forschungszielen", fügte der VDW-Vorsitzende Stephan Albrecht hinzu. Die großen Forschungsprogramme würden etwa im Bundesforschungsministerium erarbeitet und als fertiges Konzept präsentiert. "Ohne dass vorher eine Diskussion im Bundestag darüber stattfindet, ob das wirklich die wichtigen Themen für unsere Gesellschaft sind."

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Dazu zählt aus seiner Sicht etwa der Verlust der Bodenfruchtbarkeit, der weltweit besorgniserregend zugenommen habe. "Selbst hier in Deutschland geht jährlich dreimal so viel fruchtbarer Boden verloren wie neuer entsteht", fügte Graßl hinzu. Aber noch immer folge die hiesige Landwirtschaft der Devise: "Maximale Ruinierung dessen, was unsere Lebensgrundlage ist." Aus seiner Sicht muss mehr Geld in Forschungsprojekte investiert werden, die dabei helfen, eine Wende in der Landwirtschaft zu ermöglichen.

"Aber gerade die Grundlagenforschung ist im Wesentlichen bei der Max-Planck-Gesellschaft konzentriert, die von ihrem Senat kontrolliert wird", monierte Graßl. Eine öffentliche Diskussion oder gar Steuerung der Forschungsthemen sei nahezu unmöglich. "Wir werden sicher nicht vorschlagen, Volksabstimmungen über Wissenschaftsthemen abzuhalten", sagte Albrecht. "Aber wir fordern, dass der Bundestag stärker in die Entscheidungen einbezogen wird."

Die Forschungspolitik ist nur eines von mehreren Themen, mit dem sich die 400 Mitglieder der VDW – von Chemienobelpreisträger Paul Crutzen bis zum Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber – befassen. Als der Verband vor 50 Jahren in Berlin gegründet wurde, war das anders. Damals wollte eine Gruppe prominenter Kernforscher, darunter Max Born, Otto Hahn und Werner Heisenberg, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr vorgehen.

Dass die Gesellschaft heute nicht mehr die bedeutende Rolle spielt wie in den 50er- und 60er-Jahren, gibt auch Ernst Ulrich von Weizsäcker zu, dessen Vater zu den Gründungsmitgliedern des VDW gehörte. "Das liegt auch daran, dass wir nicht mehr allein auf weiter Flur stehen", sagt der Forscher und Regierungsberater. "Das Umweltbewusstsein ist inzwischen so geschärft, dass beispielsweise das Umweltbundesamt gegründet wurde."

Auch vom ursprünglich favorisierten Konzept der friedlichen Nutzung der Kernenergie ist der VDW inzwischen abgekommen, fügt Graßl hinzu. Die Mehrheit der Mitglieder sei gegen diese Technik. "Weltweit werden damit nur zwei Prozent des Primärenergiebedarfs gedeckt", sagt er. "Wie will man damit den 80-Prozent-Anteil der fossilen Energieträger ersetzen? Das ist lächerlich."

Bei der Konferenz zur "Verantwortung von Wissenschaft und Forschung in einer globalisierten Welt", die die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) gemeinsam mit der VDW an diesem Wochenende in der Berliner Urania veranstaltet, dürfte diese Äußerung heftigen Widerspruch hervorrufen. In der DPG sei die Stimmungslage zu diesem Thema "spiegelbildlich", wie es Albrecht formulierte.

 
Leser-Kommentare
    • PGMN
    • 22.10.2009 um 11:39 Uhr

    Zwar unterstelle ich Herrn Graßl nur die besten Absichten, dennoch denke ich, dass wir eine parlamentarische Kontrolle der Wissenschaften so sehr brauchen wie einen Pelzmantel in der Sahara. Die Problematik besteht darin, dass die Parlamente nicht nur großteils, sondern sogar fast ausschließlich, von (natur-)wissenschaftlichen Laien besetzt sind, denen schlichtweg die Qualifikation fehlt, den Nutzen oder die Erfolgswahrscheinlichkeit von Forschungsprojekten einzuschätzen. Eine öffentliche Debatte über die Wissenschaft ist zwar wie in allen Themenbereichen wünschenswert, doch die Entscheidungen der Öffentlichkeit oder den Parlamenten zu überlassen wäre in diesem Fall ein großer Fehler. Klüger wäre es, meiner Meinung nach, die Entscheidungsbefugnisse in diesem Bereich komplett der Akademia zu überlassen.

  1. Wer ist denn nun für die Folgen der Forschung verantwortlich?
    Der Forscher, wenn er der Verantwortliche sein sollte, müsste mit der moralischen Fähigkeit ausgestattet sein, für ALLE entscheiden zu können, was für sie gute und schlechte Folgen wären; ohne eigne Interessen und subjektive Vorurteile. Das ist unmöglich. Gleiches gilt für die Politik. Ist denn der Politiker unabhängig von Eigeninteressen, unabhängig von der Lobby, die auf ihn einwirkt, unabhängig letztlich von seiner Sorge der Wiederwahl? Was in der Debatte um Verantwortung und Forschung vergessen wird, sind: Wir. Die Nicht-Forscher und Nicht-Politiker. Wir, die normale Gesellschaft. Also die breite Öffentlichkeit. Immerhin sind WIR die Zielgruppe der Forschung. Keine Bombe, kein Medikament, das nicht vor allem UNS trifft und betrifft. Wir brauchen eine gut funktionierende Form der öffentlichen Debatte über Vor- und Nachteile der wissenschaftlichen Forschung. Diese Mitbestimmung könnte über Wissenschaftsmedien und über die ganz alltäglichen Medien erfolgen. Und vor allem immer mehr über die Kommunikations- und und Informationswege der Jugend, also übers Internets (Blogs, Social Communities, Twitter etc.)! Wichtig wäre ein Umdenken: bei den Wissenschaftlern, dass die (nicht-wissenschaftliche) Bevölkerung mitreden und auch mitbestimmen darf. Und bei der Bevölkerung, dass sie sich einmischt und auch bei Fragen der Wissenschaft nicht nur den Experten das Ruder überlässt, sondern mitbestimmen will.

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