In der Praxis steht es um den Musikunterricht an deutschen Schulen allerdings weniger gut. Erst vor kurzem mahnte der Deutsche Kulturrat: „Ein Großteil des Unterrichts fällt entweder aus oder wird von fachfremden Lehrkräften unterrichtet“. Es gibt schlichtweg zu wenige Musiklehrer. Nach Untersuchungen des Verbands Deutscher Schulmusiker werden nur 20 bis 30 Prozent des Musikunterrichts an Grundschulen von fachspezifisch ausgebildeten Lehrern erteilt. Wenn Musiklehrer krank werden, findet sich an den meisten Schulen keiner, der sie fachgerecht vertreten kann. Daher fordern die Schulmusiker, dass mehr Studienplätze für die Musiklehrerausbildung zur Verfügung gestellt werden müssten, besonders im Grund- und Förderschulbereich.

Der Ausbau der Ganztagsschulen eröffnet zwar neue Chancen für musikalische Projekte aller Art. An den Gymnasien allerdings erweist sich die verkürzte Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre (G8) zunehmend als Problem: Das Lernpensum der Schüler wurde gestrafft, und das geht zum Teil auf Kosten der künstlerischen Fächer. Ortwin Nimczik, Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker, sieht auch die schulische Ensemble- und AG-Arbeit gefährdet: „Schüler finden aufgrund der Stundenplanvorgaben keine Zeit mehr, im Schulchor oder in der Big Band zu musizieren, und Eltern melden ihre Kinder vom Schulorchester ab“ – die „Hauptfächer“ gingen vor.

Schwierige Zeiten also für die musikalische Bildung. Da lohnt ein Blick ins Ruhrgebiet, zum Projekt „Jedem Kind ein Instrument“. Im laufenden Schuljahr nehmen daran über 43 000 Kinder teil: Die Zweitklässler erlernen ein Instrument, die Erstklässler werden spielerisch auf den Unterricht vorbereitet. Diese Kinder erleben also, was UdK-Professor Joel Betton allen Kindern wünscht: „Musik muss man erfahren, selbst machen!“

Erschienen im Tagesspiegel vom 24. November 2009