Auf einem heiligen Hügel im Hochland von Guatemala wollen Amalia Cal Xuc, 23, und Juan Guillermo Caal Caal, 22, ihr erstes Kind nach einem uralten Ritus in die Welt einführen. Tikali haben sie ihr Mädchen genannt, nach Tikal, der sagenumwobenen Stätte der Maya im Urwald von Guatemala.

Die Achse des Kosmos

© Marcel Burkhardt

Jahrzehntelang konnten die Maya in Guatemala ihren Glauben nur im Geheimen praktizieren. Menschen wie der 51-jährige Rodrigo Jom Tilom, haben die Spiritualität über die Zeit des Bürgerkriegs gerettet. Der Maya-Priester leitet die hochkomplexe und symbolisch aufgeladene Zeremonie für Tikali auf einem Hügel über San Cristóbal. Das große Kreuz symbolisiert den Weltenbaum, die Achse des Kosmos.

Kreis aus Zucker

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Tilom zieht einen Kreis aus Zucker. In dessen Mitte streut er eine waagerechte Linie, die für den Weg der Sonne steht, und kreuzt diese mit einer senkrechten Linie, die den Weg der Luft symbolisiert. Nach und nach entstehen vier Felder: Die Vier ist eine heilige Zahl für die Maya. Die Erde, so besagt die Mythologie, ist an vier Ecken aufgehängt. Es gibt vier Elemente. Vier Großeltern hat jeder Mensch.

Symbolischer Kosmos

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In den Feldern ordnet Rodrigo Jom Tilom Kerzen in verschiedenen symbolischen Farben an. Rot, Schwarz, Weiß und Gelb stehen für Blut, Haare, Knochen und Haut des Menschen. Hinzu kommen blaue und grüne Kerzen, Symbole für den Himmel und die Natur. Der ganze Kosmos liegt symbolisch vor der Familie. Der Maya-Priester und Tikalis Familie zünden das Feuer an. Dabei spricht Tilom Ritualtexte in der Maya-Sprache Pokomchi.

Die "Maismenschen"

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Neben Zeremonien für Neugeborene gibt es bei den Maya, die sich selbst "Maismenschen" nennen, auch Zeremonien vor dem Säen des Maises, vor dessen Ernte und dem Essen. "Wir müssen die Natur um alles bitten", erklärt Tilom. Traditionell werden bei solchen Zeremonien auch Tiere wie dieser junge Hahn geopfert. Tikalis Familie wollte das aber nicht. Der Hahn soll dennoch die negativen Energien aus dem Körper Tikalis ziehen. Tilom hält ihn hoch über das Feuer und legt ihn auf die Brust des Babys. Dann lässt er ihn laufen.

Das Zählen der Zeit

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Tikali ist jetzt gereinigt, der Erde und der Gemeinschaft vorgestellt. Es folgt der wichtigste Teil der Zeremonie, das Zählen der Zeit. Denn der Kalender steht seit mehr als 2000 Jahren im Zentrum der Maya-Spiritualität. Es gibt einen eigenen Zeremonialkalender, der auf dem Vigesimalsystem beruht. 20 Tagesnamen werden mit 13 Zahlen kombiniert. "20 Tage mit den 13 Energien unseres Kalenders, das ergibt 260 Tage, genau die Zeit der Schwangerschaft", sagt der Maya-Priester. Er trägt während der Zeremonie ein Kopftuch, das mit den Zeichen des Kalenders bestickt ist.

Rituelle Zahlen

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Beim "Zählen der Zeit" vollzieht die Familie den Lauf des Jahres gemeinsam nach. Jeder hält 20 Kerzen, die in 13 Runden nach und nach ins Feuer geworfen werden. Gemeinsam zählt Tikalis Familie die rituellen Zahlen auf.

Leid und Schuld

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Es ist ein stark emotionales Ritual. Die Familienmitglieder entschuldigen sich bei der Natur für alle Schäden, die sie angerichtet haben, und beieinander, für alles Leid, das sie sich zufügt haben. Sie beschenken einander, umarmen sich und weinen.

Uraltes Wissen

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Bis vor Kurzem waren die Kenntnisse der spirituellen Maya-Führer nicht niedergeschrieben. Forscher versuchen nun, dieses uralte Wissen zu sichern. Die Zeremonie für Tikali dauert insgesamt fast vier Stunden. Dann ist das Feuer heruntergebrannt.

Marimba-Musik

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Im ganzen Haus der Familie duftet es nach Piniennadeln. Die Kinder haben vom Hügel Blumen mitgebracht. Vom Band läuft Marimba-Musik. Maya-Priester Tilom geht gern auf Feste wie dieses.

Dann spürt er, dass die lange verloren geglaubten Traditionen seines Stammes wieder aufleben: "Die Menschen müssen sich und ihren Glauben nicht mehr verstecken", sagt er froh. "Unsere Kultur hat gelitten, aber heute blüht sie auf."