Deutsches Museum Technik zwischen Nano und gläsernen Laboren

Riesige Bakterien, Forscher zum Anfassen und DNA-Analysen zum Selbermachen: Das Deutsche Museum eröffnet seine neue Technikausstellung und versucht so, nicht einzustauben.

In der Mitte der Ausstellungshalle schwebt ein Ufo: Hier können Besucher selbst DNA-Analysen machen

In der Mitte der Ausstellungshalle schwebt ein Ufo: Hier können Besucher selbst DNA-Analysen machen

Würde man alle Räume des Deutschen Museums in München ablaufen, hätte man 17 Kilometer zurückgelegt. Nähme man sich für jede Texttafel drei Minuten Zeit, würde man 40 Tage am Stück acht Stunden täglich lesen. Noch immer ist das Haus auf der Münchner Museumsinsel mit 1,4 Millionen Besuchern jährlich das beliebteste Museum in Deutschland und auch über die Bundesgrenzen hinweg berühmt für seine Originalexponate.

Mit dem ZNT ziehen wir alle Register der Darstellungsformen

Sabine Gerber-Hirt, Kuratorin

Doch nach 85 Jahren droht ausgerechnet die Technikausstellung nun langsam zu veralten. Viele der Ausstellungen versetzen die Besucher um Jahrzehnte in die Zeit zurück – und das nicht nur wegen des Alters der Exponate. Seit seiner Gründung 1903 ist die einzigartige Sammlung stetig gewachsen. Alle technischen Errungenschaften, die unser Kultur- und Alltagsleben beeinflusst haben, sind hier unter einem Dach vereint: von der Töpferscheibe, über den Pflug bis hin zur ersten Dampfmaschine oder von einfachen Holzbooten über erste Flugzeuge bis hin zu Satelliten.

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Die Zeit war mehr als reif für ein wenig frischen Wind: Jetzt stellt sich das Museum mit seinem Zentrum für neue Technologien (ZNT) seiner größten Herausforderung – auch in Zukunft Besuchermagnet zu bleiben. Ab dem 20. November ist die Ausstellung geöffnet. Den Schwerpunkt bilden Bio- und Nanotechnologie, aber auch mit Themen wie Gentechnik und neue Energiequellen will man an die rasant fortschreitende technische Entwicklung anknüpfen. Die komplexen Zusammenhänge verlangen nach neuen Darstellungsmethoden. Denn wer lässt sich noch von dem alt bewährten Rezept – Exponat, Texttafel und Druckknopfexperiment – beeindrucken?

"Mit dem ZNT ziehen wir alle Register der Darstellungsformen, die uns zur Verfügung stehen", sagt die Wissenschaftliche Kuratorin Sabine Gerber-Hirt. "Wir wollen ein Fenster zur Wissenschaft öffnen."
Diesen Grundsatz haben die Kuratoren wörtlich genommen und so ist Paul Hix wohl der erste Doktorand der Welt, der seine Promotion im Museum geschrieben hat, praktisch als lebendes Exponat hinter Glas. Zweieinhalb Jahre führte ihn sein Arbeitsweg jeden Tag ins Deutsche Museum, vorbei am Pförtner und den Modellen aus Luft- und Schifffahrt. Zwischen den Abteilungen für Astrophysik und Chemie wurde das gläserne Forschungslabor schon 2006 provisorisch eingerichtet.

Hix hat hier sämtliche Messungen und Versuche für seine Doktorarbeit im Bereich der Nanotechnologie durchgeführt. Die Besucher konnten ihm dabei über die niedrigen Glaswände hinweg auf die Finger schauen und ihm Löcher in den Bauch fragen. Auch der Forscher hat dabei gelernt, sein Arbeitsfeld herunter zu brechen. "Du weißt nie, wen du vor dir hast, einen Bäcker oder einen emeritierten Physikprofessor."

"Als ich meiner ersten Schülergruppe meine Arbeit erklären wollte, ist das total in die Hose gegangen, ich hatte ihre Vorbildung falsch eingeschätzt. Aber dafür bekommt man ein Gefühl", sagt Hix, der mit seiner Doktorarbeit in den letzten Zügen ist. Das gläserne Labor aber hat sich bewährt und ist nun mit weiteren jungen Forschern an seinen vorgesehenen Platz ins ZNT gewandert.

Der Raum für das ZNT im hinteren Gebäudeteil des Museums wurde frisch renoviert. Mit seinen hohen Fensterfronten, weißen Wänden und dem hellen Holzfußboden wirkt es nüchtern und modern. Die schwarzen Rückwände der Vitrinen aus gebürstetem Stahl bilden einen krassen Kontrast dazu. Nicht ohne Grund ist die Ausstellung in gedeckten Farben gehalten. "Wenn man die Nanowelt durch ein Mikroskop betrachten sieht man auch hier nichts als Kontraste, alles ist grau in grau", erklärt Lorenz Kampschulte, der Projektleiter des ZNT. "Wir wissen nicht, ob dort Farben überhaupt existieren. Deshalb haben wir das Design dementsprechend angepasst."

Winzige Strukturen riesengroß: Ein Modell des Bateriums

Winzige Strukturen riesengroß: Ein Modell des Bateriums

Um das Unsichtbare sichtbar zu machen, arbeiteten die Kuratoren mit zwei Maßstäben: Bei einer Vergrößerung von einer Millionen zu eins wird eine winzige Bakterienzelle 1,50 Meter groß. Bei 50 Millionen zu eins steht man vor einem Komplex aus Muskelproteinen, so imposant wie die Watt'sche Dampfmaschine ein paar Räume weiter. Auch dieses Gebilde zischt und pufft, während es die Bewegung nachahmt, welche die Proteine vollführen, wenn wir unsere Muskeln anspannen. Die Elemente dieser molekularen Maschine sind aus silbrigem Stahlgeflecht, auch hier wieder keine Farben. "Dafür stimmt die Form ganz genau," sagt Gerber-Hirte, "ihre einzigartigen Funktionen haben Nanostrukturen, nur weil sie spezifisch geformt sind."

Die neue Dauerausstellung vermittelt die Dimensionen in der Bio- und Nanotechnologie eindrucksvoll – das Komplexe im winzig Kleinen. Der Besucher streift durch die noch junge Geschichte, die wichtigsten Gerätschaften und Menschen des Feldes und lernt ihre Anwendung in Industrie, Medizin und Alltag kennen.

Das Deutsche Museum ist so etwas wie der Urtyp des Science-Centers

Marc-Denis Weitze, Wissenschaftskommunikator

In der Mitte der Ausstellung hoch oben über schwarzen Vitrinen schwebt wie ein Ufo ein ganz besonderes Exponat – das sogenannte DNA-Besucherlabor. Hier kann jeder selbst in die Rolle des Wissenschaftlers schlüpfen und Genetikexperimente machen. Schüler können zum Beispiel ein fiktives Verbrechen aufklären, indem sie Spuren vom Tatort mit der DNA des Täters abgleichen. Solche Mitmachlabore sind in den vergangenen zehn Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen – ob in Universitäten oder Science-Centern. Rüstet sich das ZNT damit gegen solche Konkurrenz?

"Das Deutsche Museum ist so etwas wie der Urtyp des Science-Centers," sagt Marc-Denis Weitze, Experte für Wissenschaftskommunikation. "Schon der Gründer Oskar von Miller verband den Erhalt von Kulturgut mit spannenden Experimenten."

Doch muss sich das Museum insgesamt umstellen, wenn es seinen Bildungsauftrag weiter erfüllen will. "Bei schnelllebigen Themen wie etwa der Telekommunikation, kann man in einer Ausstellung nur noch die Grundlagen vermitteln, etwa wie funktioniert das Internet", sagt Weitze. "Die Probleme und Fragen, die die Menschen beschäftigen, etwa zum Datenschutz oder Elektrosmog kann man damit nur schwer auffangen. Hier heißt das Schlüsselwort Dialog."

Auch im ZNT ist daher alles auf das Zwiegespräch zwischen Wissenschaft und Bevölkerung ausgerichtet. Im Handumdrehen lässt sich der Ausstellungsraum zum Hörsaal umbauen, in Vorträgen und Bürgerforen sollen die Ängste und Erwartungen der Besucher aufgefangen werden. "Die Menschen werden jeden Tag mit neue Schreckensmeldungen rund um Nano- oder Stammzellen konfrontiert," sagt die Biologin Gerber-Hirte. "Wir möchten sie in die Lage versetzen, sich ein eigenes Bild machen zu können."

Auf sogenannten Partnerinseln ergänzen die größten Forschungseinrichtungen – Max-Planck, Helmholtz und Fraunhofer – die Dauerausstellung mit wechselnden Beispielen aus ihrer Forschung. Zwei Flächen bieten Platz, um auf aktuelle Projekte und Fragen – zum Beispiel zur grünen Gentechnik – einzugehen. Den direkten Kontakt bekommt man freilich beim Blick in das gläserne Forschungslabor. Die Idee ist so erfolgreich, dass auch andere Museen in Schweden und Italien dem Beispiel folgen wollen.

 
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