Adventskalender - Türchen 17 Gibt es den Weihnachtsfrieden?
Die Geschütze schweigen, statt Bajonette pflanzen Soldaten Weihnachtsbäume auf, aus Schützengräben dringt "Stille Nacht". Doch der kleine Frieden im Großen Krieg war ein Sonderfall.

Stellungskrieg 1914: Deutsche Soldaten schlafen in einem der Gräben an der Westfront in Frankreich. An Weihnachten ruhten jedoch die Waffen
Die Soldaten harren in matschigen Schützengräben aus, sie frieren bitterlich. Der Tod ist allgegenwärtig. Ratten fressen an den Tausenden Leichen, die zwischen den Gräben liegen. Der Morgen des Heiligen Abends beginnt für die Soldaten an der Westfront wie so viele Morgen in dem europaweiten Konflikt.
Seit August 1914 herrscht Krieg in Europa. Briten sprechen vom Großen Krieg, die Deutschen vom Ersten Weltkrieg. Die Wehrmacht hat gleichzeitig Frankreich und Russland angegriffen, hat das neutrale Belgien überrannt und kämpft im Westen nun gegen Franzosen, Belgier und Briten. Im Stellungskrieg werden Schützengräben gestürmt und wieder aufgegeben. Die Artillerien liefern sich Materialschlachten. Hunderttausende sterben.
Der Heilige Abend wird allerdings ein besonderer Tag. Am späten Nachmittag wird es dunkel, es ist eine klare Nacht. Die Deutschen zünden Kerzen an. Briten und Franzosen wittern zunächst eine Kriegslist. Dann beginnt in den deutschen Schützengräben ein Soldat zu singen. Nicht leise, nicht schüchtern, sondern aus voller Brust. Seine Stimme dringt zum Feind herüber. Er singt "Stille Nacht, heilige Nacht". Seine Kameraden fallen ein.
Über den Schlachtfeldern Flanderns erklingt Weihnachtslied um Weihnachtslied. Mit "Es ist ein Ros entsprungen", endet das spontane Konzert. Dann, nach einer kurzen Stille, brandet Applaus auf. Die Briten applaudieren in ihren Schützengraben und rufen "Good, old Fritz". Sie fordern eine Zugabe. Die Deutschen antworten: "We not shoot, you not shoot." Und die Waffen schweigen tatsächlich.
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Bayerische und sächsische Soldaten stellen Kerzen auf. Nicht nur in Flandern, an der gesamten Westfront hören die Kämpfe nach und nach auf. Es gibt noch Scharmützel und auch Tote. Doch fast überall halten die Soldaten sich an die verabredete Waffenruhe. Die Feinde gehen aufeinander zu, treffen sich im Niemandsland zwischen den Gräben. Sie tauschen Geschenke aus, teilen Zigaretten und zeigen sich Familienfotos. Sogar zu einem Fußballspiel treten Soldaten aus Großbritannien und Deutschland an.
Die Waffen schweigen in Flandern einige Tage. Dann befehlen die Offiziere wieder das Kämpfen. An machen Stellen warnen die Soldaten sich noch gegenseitig, bevor sie feuern, mancher schießt sogar absichtlich vorbei. Doch die militärische Führung auf beiden Seiten verbietet den Kontakt mit dem Feind. Auf Fraternisierung stehen hohe Strafen.
Die Soldaten fügen sich. 1915 geht der Krieg weiter und damit das große Sterben. Giftgas kommt zum Einsatz, die Gräuel verdrängen die Erinnerung an den Weihnachtsfrieden, der eine Ausnahme blieb. Ein kleines Wunder im Großen Krieg.
Leseempfehlung: Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg, München 2003, ISBN 3-570-00745-6
Hinter dem Türchen vom 16. Dezember verbirgt sich die Antwort auf die Frage: Woran litt Tiny Tim aus Dickens' Weihnachtsgeschichte?
- Datum 17.12.2009 - 07:02 Uhr
- Serie Schlaue Weihnachten
- Quelle ZEIT ONLINE
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Soso die Wehrmacht fiel also 1914 in Frankreich und Russland ein. Wusste ich gar nicht.
Und ich dachte eigentlich auch immer die Wertung des "ersten Weltkrieges" wurde nachträglich eingeführt. Also auch in Deutschland wurde vom großen Krieg gesprochen.
Na wenn diese wissenschaftlichen Tatsachen nicht mal Lust auf mehr lesen machen, was denn dann?
war es nicht die "Wehrmacht". Im Osten sind nicht die Deutschen in Russland, sondern die russische Armee ist in Ostpreussen einmarschiert, nachdem Österreich am 8.7.1914 Serbien den Krieg erklärt hatte (weil man Serbien die Verantwortung für das Attentat von Sarajevo zuschob), Russland am 30.7.1914 die Generalmobilmachung zur Unterstützung Serbiens ausgerufen hatte, und Deutschland am 30.7. Russland den Krieg erklärt hatte.
Die russischen Armeen wurden erst am 26.-31.8. ("Tannenberg") bzw. 6.-15.9. ("Masurische Seen") wieder aus Ostpreussen verdrängt.
Der Einmarsch der Russen im Osten Deutschlands und im österreichischen Galizien war für das Deutsche Reich neben lange vorausgehenden Planungen ("Schlieffen-Plan") eine zusätzliche Motivation, möglichst schnell gegen Frankreich ohne Rücksicht auf die belgische Neutralität nach Westen vorzustossen, um die befürchtete "Einkreisung" aufzubrechen.
Also: das Deutsche Reich hat den Krieg erklärt; seine subjektive Rechtfertigung war Solidarität mit Österreich und ein Präventivschlag gegen einen Zangenangriff von Osten und Westen.
Objektiv war es - zusammen mit Österreich-Ungarn und Russland - Hauptverursacher des 1. Weltkrieges, wohl ohne dass einer der Verantwortlichen auf beiden Seiten sich der Konsequenzen bewusst gewesen ist.
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