Ursache für Multiple Sklerose Falsche Hoffnung für MS-Patienten?
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Im Internet kursieren die Namen von Ärzten, die den Eingriff vornehmen

Bei einem Teil der Betroffenen nehmen die Ausfallerscheinungen allerdings von Anfang an oder nach einiger Zeit stetig zu. Ihnen konnte mit den Stents nicht geholfen werden. Was die vermeldeten Erfolge von Zambonis "Big Idea" betrifft, ist die neurologische Fachwelt deshalb ausgesprochen skeptisch. So moniert die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) in einer gerade erschienenen Stellungnahme, dass der Gefäßspezialist für seine Studie auf eine Kontrollgruppe verzichtet habe. Auch ob die Patienten gleichzeitig Medikamente erhielten, und wenn ja welche, gehe aus der Studie nicht hervor. Die DMSG mahnt deshalb weitere wissenschaftliche Untersuchungen anderer Arbeitsgruppen an.

Eine von ihnen soll im Jahr 2011 aus den USA kommen. Dort rekrutiert das Team um Robert Zivadinov vom Buffalo Neuroimaging Analysis Center derzeit 1100 MS-Patienten und 600 gesunde Freiwillige oder Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen für eine groß angelegte Untersuchung der Venen an Kopf, Hals und Rückenmark.

Wir haben bisher noch keine der von Zamboni beschriebenen Verengungen gefunden

Lutz Harms, Neurologe

Doch schon heute werden die Neurologen in den MS-Sprechstunden mit Fragen nach den Stents bestürmt. Im Netz argwöhnen Betroffene, ihre behandelnden Ärzte machten gemeinsame Sache mit den Herstellerfirmen der teuren Immuntherapeutika, mit denen derzeit neuen Schüben vorgebeugt wird. Und es kursieren Namen von polnischen Medizinern, die den Eingriff ebenfalls ausführen. Lutz Harms, Leiter des MS-Zentrums an der Klinik für Neurologie der Charité, bekommt jede Woche mehrere Anfragen. "Dies ist ein ausgesprochen experimenteller Ansatz, der gegenwärtig nicht zu rechtfertigen ist", sagt der Neurologe. Er empfiehlt seinen Patienten, solide Studien abzuwarten.

Gleichzeitig hat die Arbeitsgruppe Ultraschall seiner Klinik begonnen, die Venen von MS-Patienten unter der neuen Fragestellung genauer zu untersuchen. "Wir sind dabei, uns das systematisch anzuschauen, haben bisher allerdings noch keine der von Zamboni beschriebenen Verengungen gefunden", berichtet Harms. Dass der Zündfunke für die Schädigung der Myelinschicht durch venöse Stauungen gelegt wird, ist nach Ansicht des Neurologen auch deshalb wenig plausibel, weil an MS meist jüngere Menschen erkranken. "Zur Venentheorie würde besser passen, wenn Ältere mit einer Herzschwäche häufiger MS bekämen."

Allerdings fehlt derzeit noch eine hieb- und stichfeste Theorie, wie MS entsteht. Als am wahrscheinlichsten gilt heute, dass Veranlagung und äußere Einflüsse zusammenwirken, um einen Selbstbekämpfungsvorgang des Immunsystems in Gang zu setzen. Doch Multiple Sklerose gilt zugleich als die "Krankheit mit den tausend Gesichtern" – weil sie sich in so vielen unterschiedlichen Arten und Stärken bemerkbar macht. Gut möglich deshalb, dass auch mehr als eine Ursache dahintersteckt.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.12.2009)

 
Leser-Kommentare
    • cansu
    • 22.12.2009 um 20:30 Uhr

    Der beschriebene Erklärungsansatz ist ein kleiner Paradigmenwechsel. Denn er tut etwas, was man in der Schulmedizin sonst selten findet: Betrachtung funktioneller Interaktionen über mehrere Organgrenzen hinweg. So wie man sich erklären könnte, dass ein Hallux valgus Kopfschmerzen verursachen kann.

    Der zentralnervöse Venendruck soll eine Zunahme Eisen-haltiger Exsudate bewirken, die ihrerseits dann ausgerechnet die myelinbasischen Proteine attackieren. Alles möglich. Aber dann wäre eher die Parkinson'sche Krankheit als die MS erklärt.
    Könnte man die Kausalkette theoretisch(!) ausreichend schließen, würde es sich lohnen, experimentell weiter zu forschen, also Patienten zu traktieren.
    An einen fundierten theoretischen Unterbau glaube ich nicht.
    Vielmehr besteht eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Krankheitsgruppe, die z.Z. "Enzephalomylitis disseminata" genannt wird, und anderen psychoneuroimmunologischen Störungen wie Diabetes Typ II, Colitis ulcerosa, rheumatoide Arthritis, Psoriasis etc etc.. Dort greift aber die Venenhypothese nicht.

    b.w.

    • cansu
    • 22.12.2009 um 20:31 Uhr

    Das Problem des neuroimmunologischen Erklärungsansatzes ist, dass er ganz schlecht zwischen andere derzeit vorherrschende weltanschauliche Paradigmen passt. Forschende Wissenschaft unterliegt nämlich wie alles andere auf dieser Welt herrschenden Moden. Und ein Erklärungsmodell muss derzeit ebenso wie die daraus abgeleitete Therapie "sexy" sein. Sie muss z.B. materiell einiges bewegen können.
    Zu schwerfällige Vorannahmen oder zu elaborierte funktionelle Querhypothesen passen nicht in die Zeit. So etwas bringt weder Habilitationen noch Drittmittel.

    Wer erinnert sich noch, wie "sexy" seinerzeit Desoxyspergualin gewesen war. Welche Berge einzig und allein aus der zeitgemäßen Vision eines kranken Anästhesisten ins Nichts versetzt worden waren?

    Absurde Forschungsparadigmen sind Gradmesser der weltanschaulichen Unwucht einer Gesellschaft. Und da hat Europa schon mal bessere Zeiten gesehen.

  1. Ein “Journalist” schreibt von einem anderen „Journalisten“ ab, selbstverständlich auch die schlampig recherchierten Fakten, inklusive Fehler, leider. Geändert werden nur noch die Überschriften, weil das ja schließlich Ehrensache ist.

    Aussagen wie: „…. In die geweiteten Venen setzten die Ärzte Stents ein, kleine Gefäßstützen….“ sind schlichtweg falsch.
    Prof. Paolo Zamboni et al arbeitet ausschließlich mit dem Verfahren der Ballon-Dilatation um venöse Stenosen zu öffnen. Stents werden von Prof. Dake, Stanford University und Dr. Simka, Polen verwendet. Wurde während Prof. Zambonis Studie solch ein Eingriff im akuten Schub vorgenommen, bildeten sich die Symptome innerhalb von wenigen Stunden bis zu 4 Tagen, ohne Einsatz von Steroide komplett zurück!
    Auch die Aussage, dass Prof. Zamboni erst durch die Erkrankung seiner Frau die Forschung in diese Richtung aufnahm, ist ebenfalls schlicht unwahr.

    Hier eine unabhängige Quelle zum Vertiefen in das Thema: http://www.csvi-ms.net

    A. Kaminsky
    Diagnostiziert mit CSSVI in MS (V. jugularis) 18.Nov. 2009, mittels MRV

  2. 4.

    Es hätte keine 20 min bedurft die Zamboni Studie zu lesen.
    Agesichts der 'Schwere' des Themas und des revulotionären Inhalts der Studie ist es völlig unangemessen so einen schlampig recherchierten Artikel, wie auch immer zu veröffentlichen.Spricht nicht für die Seriösität der entsprechenden Medien.
    Ich empfehle allen Interesierten eine gute TV Dokumentation aus Canada (diese Doku hat in Nordamerika einen Sturm der Betroffenen ausgelöst)
    http://www.ctv.ca/servlet...

  3. Wieviel ZEITnot muss eigentlich vorliegen, um einen so schlecht recherchierten Tagesspiegel-Artikel, garniert mit geänderter Überschrift, seiner LeserInnenschaft vorzusetzen?

    Ich finde es jedenfalls sehr ernüchternd, zumal ich der ZEIT-Wissen-Redaktion diese Billigvariante bisher nicht zutraute.

    Die Arbeiten aus Italien, den USA und Polen das Thema CSVI-Betreffend sind schlicht zu wichtig und zu interessant um es mit dieser Art der Recherche, nämlich Keiner, zu behandeln!
    Als über das Thema sehr gut informierter Mensch, werde ich in Zukunft darüber nachdenken, wie andere ihrer Artikel bisher so entstanden sind. Welche ich bisher z.T. auch verschlungen habe und deren Recherchenarbeit ich bis heute sehr vertraute.

    Einen informativen ZEIT-WISSEN-Artikel über das Thema wäre nach dem "Schnellschuss Tagesspiegel" sicher angebracht.

    Für 2010 das Beste wünscht
    Ch. Richter

  4. Ich bin zwar kein Spezialist für das Thema - aber was mich wundert ist, dass der bekannte Zusammenhang zwischen der Erhaltung der Myelinschicht und der Versorgung mit Vitamin B12 nicht angesprochen wird.

    • coin
    • 03.01.2010 um 12:05 Uhr

    Ich kann mich dem meisten des schon Gesagten anschliessen, wenn ich auch selbst skeptisch bin, ob CCSVI so "heilbringend" ist.
    Aber hoffe auch dass die Redaktion sich dies zu Herzen nimmt und a bissel besser bzw fundiert recherchiert. Ich habe selbst erst vor 2 Wochen mit der recherche angefangen und hätte schon die Fehler in dem Artikel benennen können, und ich bin keine Medizinerin.
    Daher einfach die Bitte, das Thema noch mal angucken und dann gerne kritisch aber korrekt berichten! Das thema ist zu wichtig und wenn es nur einem Teil der MS betroffenen hilft, dann ist das auch gut!Gutes Neues Jahr!

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