Die Konzentrierung aller Herrschaft auf Hitler führte zum Sozialdarwinismus
Seit 1928 ist die NSDAP nicht mehr in erster Linie als politische Partei zu sehen, sondern als soziale Bewegung, meint der Historiker Armin Nolzen. Er pointierte nochmals Kershaws Deutung des Charismas, indem er es als "Zuschreibungscharisma", weniger als "Eigencharisma" sieht. Ab 1933 habe Hitler als Führerfigur nicht mehr wie zuvor zur Verfügung gestanden. Die frühere, persönliche Interaktionsbeziehung konnte in der Vermittlung durch Wochenschauen oder im Rundfunk nicht mehr wirken.Oft habe es regelrechte Enttäuschung bei den Gefolgsleuten gegeben.
Die Konzentrierung aller Herrschaft auf Hitler führte zum Sozialdarwinismus, so Hans Mommsen in seinem Vortrag "Zerstörung der Politik und Amoklauf des NS-Regimes". Die NS-Bewegung sei als Propaganda-Bewegung "strukturell zur Politikgestaltung unfähig" gewesen, bei Hitler sei eine "Flucht vor jeder Form von Staatlichkeit" zu beobachten.
Birthe Kundrus vom Hamburger Institut für Sozialforschung radikalisierte die Fragestellung der Tagung, indem sie die "Volksgemeinschaft" als "Kampfgemeinschaft interpretierte: Der Massenmord sei "zur Überraschung der NS akzeptiert" worden. Damit rückt sie in die Nähe der Goldhagenschen Hypothese von einer mörderischen Disposition der Deutschen – was empirisch nicht zu halten ist.
Die von dem Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer, mit dem "Exzellenzcluster Religion und Politik" Mitveranstalter des Symposiums, eingangs gestellte Frage nach der Tragweite des Begriffs "Volksgemeinschaft" blieb letztlich offen. Diese Gemeinschaft war zugleich von Aufstiegswünschen wie von Ausgrenzungspraktiken bestimmt. "Volksgemeinschaft" und "Führermythos" bedingen einander wechselseitig.
Im kommenden Jahr wird die Ausstellung "Hitler und die Deutschen", zu der die gleichnamige Tagung den Weg wies, im DHM zeigen, in welchen Bildern sich "Volk" und "Führer" darstellten respektive von der gelenkten Medienmaschinerie gezeigt wurden. Dann wird besser zu beurteilen sein, ob die "Volksgemeinschaft" nur ein Propagandabegriff war oder ob sich mit ihr die historische Realität ertragbringend beschreiben lässt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.12.2009)
- Datum 04.12.2009 - 10:45 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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weiss man alles, oder glaubt alles zu wissen. Dass es viele Nazi-Anhänger gab, wissen wir. Wie groß ihr Anteil an der Bevölkerung zu verschiedenen Zeiten war, wissen wir nicht.
Dass das Nazi-Regime von Anfang an eine Terror-Herrschaft war, wissen wir - wieweit sie eventuell möglichen Widerstand im Keim erstickte, wissen wir nicht.
Dass man die Vernichtungsaktionen nicht völlig geheimhalten konnte, wissen wir - wie verbreitet diese Informationen waren, in einer Zeit, in welcher es keinerlei freie Informationen gab, und die Verbreitung von "Gerüchten" schwer bestraft wurde, wissen wir nicht.
Dass die deutsche Gesellschaft in ihrer Mehrheit mit der demokratischen Staatsform nicht zurechtkam, wissen wir. Inwieweit sie tatsächlich den Hitler-Staat vorzog, ist schwer abzuschätzen.
Dass die Mehrheit der Berliner bei Kriegsbeginn - ja sogar beim Anschluss des Sudetenlandes und der Besetzung der Rest-CSR nicht in Jubel ausbrach, wissen wir aus vielen unverdächtigen Quellen (z.B. W. Shirer, Berliner Tagebuch). Dass die Begeisterung beim Sieg über Frankreich am größten war, ist aus verschiedenen Gründen einleuchtend, auch wenn wir das mißbilligen. Wie groß die Unterstützung des Überfalls auf die Sowjetunion war, wissen wir nicht.
Dass es eine große Anzahl begeisterter Nazis und Karrieristen gab, welche "dem Führer entgegenarbeiten" wollten, wissen wir spätestens seit Ian Kershaws Buch. Ob sie die Mehrheit repräsentierten, wissen wir nicht.
Die Tragik Deutschlands ist, dass es Momente gab, wo das regime wenigstens zeitweise gestoppt wurde - in Münster (Graf Galen) anlässlich der Tötung psychisch kranker (sog. "Euthanasie"), in der Berlin durch den "Rosenstrassen-Protest" gegen die "Fabrikaktion" - dass diese Momente aber extrem seltene Ausnahmen waren, und die Mehrheit - ob stumpf ob verängstigt, ob von der Nazi-ideologie begeistert, oder die Faust in der Tasche ballend - nichts unternommen hat, um die Mordmaschine aufzuhalten. Dass solcher Widerstand den Kopf kosten konnte, wissen wir auch (s. "Weisse Rose", s. Tod des Zeichners E.O. Plauen im Gefängnis, s. Tod des Pianisten K.R.Kreiten und so vieler namenloser - wie im Buch "der lautlose Aufstand" von G. Weisenborn bereits 1953 geschildert.
All dies ist seit Jahrzehnten bekannt, es kommen immer wieder neue Details, aber das Gesamtbild ändert sich wenig.
Vermutlich bestand die Mehrheit der Bevölkerung damals wie heute einfach aus Opportunisten, welche sich durch komplizierte Zeiten hindurchwurstelten, und gegen die allgegenwärtige Propaganda keineswegs immun waren.
ein Spruch allerdings, den Lenin und Hitler aus unguter Quelle haben. Nämlich der verbrecherischsten Ideologie (Inquisition, Hexenverbrennung, Kreuzzüge, ...), dem Christentum.
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