Antarktis-Expedition : Verschollener Whisky on the rocks

Tief in der Antarktis liegen zwei Kisten Whisky auf Eis – seit 100 Jahren. Der legendäre Polarforscher Shackleton ließ sie einst hier zurück. Nun werden sie geborgen.
Im Eis unter dieser Hütte schlummert ein kostbarer Tropfen. Shackleton und seine Begleiter ließen bei ihrer Expedition mehrere Flaschen Whisky zurück © Getty Images

Whisky-Trinker führen gern Glaubenskriege. Scotch oder Bourbon? Letzterer ist, das weiß der gepflegte Trinker, kein Getränk, sondern ein für die Verwundeten des amerikanischen Bürgerkrieges entwickeltes Desinfektionsmittel. Mit oder ohne Eis? Die meisten erlauben allenfalls ein Tröpfchen Quellwasser zum edlen Malt. Mit Entsetzen müssen sie hören, dass tief im Süden der Welt zwei Kisten Whisky auf einem ganzen Kontinent aus Eis liegen – aber es kommt noch schlimmer: Niemand wird sie austrinken.

Der Whisky gehörte Sir Ernest Shackleton. Der Polarforscher wurde berühmt für seinen Versuch, die Antarktis zu durchqueren, der 1915 scheiterte: Das Packeis zerquetschte sein Schiff, die Endurance; in einer dramatischen Aktion rettete der Brite alle seine Männer.

Aber Shackleton war schon früher in der Antarktis, zuerst 1901 mit Robert Scott, der ihn wegen einer Skorbuterkrankung, vielleicht auch wegen Rivalitäten vorzeitig heimschickte. Shackleton plante ein eigenes Unternehmen, das 1907 zustande kam und nach dem Schiff, auf dem das Team fuhr, als Nimrod-Expedition bekannt ist.

Im Februar 1908 errichtete Shackleton im McMurdo-Sund am Kap Royd sein Basislager. In einer Hütte überwinterte das Expeditionsteam bei klirrender Kälte in Schlafsäcken aus Rentierfell zwischen Stapeln von Konserven. Im Sommer 1908/1909 begann der Vorstoß in Richtung Südpol. Shackleton und drei Gefährten kamen bis 88 Grad 23 Minuten Süd, näher an den Pol als jeder andere zuvor.

Doch Vorräte und Kräfte schwanden, und Shackleton entschied sich, nur 180 Kilometer vor dem Südpol, zur Umkehr. "Besser ein lebender Esel als ein toter Löwe", soll er seiner Frau später gesagt haben. Sie schafften es zur Hütte zurück, gerade rechtzeitig, um im März 1909 vor dem Winter mit der Nimrod die Antarktis zu verlassen.

Die Hütte im McMurdo-Sund ist gut erhalten, dank der Kälte und dank des neuseeländischen Antarctic Heritage Trust, der sich um ihre Pflege und den Denkmalschutz kümmert. 2006 entfernten Mitarbeiter des Trusts Eis, das sich unter den Bodenbrettern der Hütte angesammelt hatte und sie von unten einzudrücken drohte. Sie stießen auf eine Überraschung: Zwei Kisten Mackinlay-Whisky lagen unter der Hütte versteckt.

Die Flaschen waren augenscheinlich unversehrt, aber zu tief im Eis eingefroren, um sie gefahrlos zu bergen. Im Januar 2010 will der Trust nun eine Expedition schicken, die mit Spezialbohrern die Kisten aus dem Eis schneidet, damit die antarktische Sommersonne die Flaschen frei schmelzen kann.

Die Denkmalpfleger des Antarctic Heritage Trust beschreiben, wie die Überbleibsel der Shackleton-Expedition erhalten werden (in englischer Sprache)

Auf der Proviantliste der Nimrod-Expedition standen auch Brandy, Portwein, Bier, Crème de Menthe, Orange Curacao und Heidsieck-Champagner. Diese Vorräte haben die Expeditionsteilnehmer im langen dunklen Winter wohl aufgebraucht. Die Nachbarn tranken sie sicher nicht: Hier lebt nur eine Kolonie Pinguine.

Al Fastier vom Antarctic Trust, der 2006 bei der Entdeckung dabei war, glaubt, Shackletons Leute hätten den Whisky schlicht vergessen: "Warum sonst hätten sie das Zeug nicht getrunken?" Wer weiß, vielleicht hätte Shackleton nie die Sponsoren für seine spätere Expedition gefunden, hätte ihn die Besatzung der Nimrod mit Whisky-Fahne erwischt.

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Also, ...

... "klirrende Kälte" ist ja ein gängiger Topos, aber daß jemand "vor Kälte klirrend" schläft, wie es hier dem Expeditionsteam angedichtet wird ... So abgemagert werden die Jungs ja nicht gewesen sein, nach all den guten Getränken, denen die Speisen wohl wenig nachgestanden haben werden.
Na, wenn ein Schreiber schon "ihre" und "seine" durcheinanderwirft – oder kümmert sich der Antarctic Heritage Trust tatsächlich nur um "seine", also des Trusts "Plfege" (was zwar verständlich und ehren-, nicht aber erwähnenswert wäre)?