Es mutet schon etwas geheimnisvoll an. Zwischen endlosen Kiefernreihen führt die Straße entlang, durch Ortschaften, die Horstwalde oder Alexanderdorf heißen, bis plötzlich mitten im Wald eine Schranke zu sehen ist. Der Blick öffnet sich, fällt auf ein paar Erdwälle, auf denen das Gras in der Sonne dahingilbt. Dazu ein paar Gasbehälter, Rohrleitungen, aber kein Mensch weit und breit.

Die Abgeschiedenheit dieses Landstrichs südlich von Berlin war einer der Gründe für das Preußische Kriegsministerium, hier ab 1871 ein Artillerietestsgelände aufzubauen. Rund 50 Jahre später machte der Raketenpionier Wernher von Braun Versuche mit Flüssigtreibstoff, bevor das Areal von der Sowjetarmee und später von der NVA übernommen wurde.

Heute gibt es zwar keine Beschussversuche mehr, doch die Tests der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) sind kaum weniger gefährlich. Da werden Transportbehälter für radioaktiven Abfall gezielt zum Absturz gebracht oder Gastanks minutenlang flammender Hitze ausgesetzt – und zwar von allen Seiten gleichzeitig, damit es auch richtig heiß wird.

"Solche Versuche sind natürlich gefährlich, da benötigt man einen gehörigen Sicherheitsabstand zu öffentlichem Gelände", erläutert Ulrike Rockland, Pressesprecherin der BAM, als sie ihren Jeep vom Tor ins Innere der 1200 Hektar großen Anlage lenkt. "In den Tests prüfen wir beispielsweise, ob neu entwickelte Transportbehälter für explosive Stoffe den gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen entsprechen." Denn solche Gefäße, egal ob Kesselwagen der Eisenbahn oder Castorbehälter, kommen auf ihren Routen oft durch dicht besiedeltes Gebiet. "Hundertprozentige Sicherheit wird es niemals geben", sagt sie gleich zu Beginn. "Aber man kann das Risiko eines Unfalls mit verheerenden Folgen deutlich verringern."

Daran arbeitet beispielsweise Marco Poli, der hinter einem der meterhohen Erdwälle steht und dort einen Stahlbehälter fürs nächste Experiment vorbereitet. Er erforscht, wie man Explosionen verhindern kann. "Wenn es etwa in einem Chemiewerk einen Brand gibt, werden Gase in Rohrleitungen und Behältern kräftig erwärmt", sagt der Ingenieur. "Während der Gasdruck infolge der Hitze immer weiter steigt, verliert auch die schützende Metallhülle ihre Festigkeit und reißt irgendwann." In diesem Moment treten plötzlich Luftsauerstoff und Feuer zu dem brennbaren Gas. Es explodiert.

Um das zu vermeiden, könne man einerseits die Gefäßwand dicker machen. "Damit sinkt die Gefahr, dass sie birst", erläutert Poli. Doch gerade bei großen Behältern sei das ziemlich teuer. "Dann ist es besser, Ventile einzubauen, die sich ab einem bestimmten Druck öffnen und das Gas entweichen lassen." Das Gas würde in dem Fall trotzdem abbrennen, mit metergroßer Stichflamme sogar. Aber es gäbe keine Explosion, die weitaus schlimmere Folgen haben kann.

"Als Ventile benutzt man meist Folien oder Bleche, die bei steigendem Druck zerreißen", sagt Poli. Er untersucht, wie diese Sollbruchstellen aufgebaut sein müssen, damit sie im Normalbetrieb dicht halten und bei Gefahr dennoch schnell öffnen. Die Eigenschaften hängen unter anderem davon ab, wie dick das Verschlussmaterial und wie groß die Austrittsöffnung ist. "Für einen schlichten, runden Behälter kann man das problemlos ausrechnen", sagt der Forscher. Wenn sich darin jedoch Hindernisse befinden, zum Beispiel eine Leiter für Wartungsarbeiten, würde das Gas im Ernstfall nicht mehr gleichmäßig ausströmen, sondern mit wilden Verwirbelungen. "Turbulente Strömung" heißt das im Fachjargon. "Die macht die Sache deutlich schwieriger", sagt Poli.

Um die Turbulenzen in den Griff zu kriegen, sind aufwendige Simulationen am Computer nötig. Dafür nutzt Poli einen Hochleistungsrechner in der Berliner BAM-Zentrale. Um die Ventile zu testen, muss er aber die Stadt verlassen.