NarkosemedizinVerwirrtes Erwachen

Nach einer Vollnarkose leiden vor allem ältere Menschen häufig an Bewusstseinsstörungen. Auf einem Kongress in Berlin diskutierten Mediziner eine bessere Nachbetreuung. von 

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Eine Anästhesistin kontrolliert die Werte eines Patienten während einer OP. Die Kontrolle nach der Narkose sei jedoch auch wichtig: Direkt nach dem Eingriff leiden zwischen 15 und 50 Prozent aller Operierten, die im Aufwachraum liegen, an Bewusstseinstrübungen, sagen Forscher   |  © Carsten Koall/Getty Images

Die Vorstellung, für eine oder mehrere Stunden das Bewusstsein zu verlieren, ist nichts, woran sich Menschen leicht gewöhnen. Wenn eine größere Operation ansteht, am Herzen, im Bauchraum oder an den Hüftgelenken, dann plagt viele nicht zuletzt die Angst vor der Narkose.

Doch inzwischen machen sich Ärzte und Psychologen zunehmend auch Gedanken über das Erwachen danach. "Verwirrt im Aufwachraum", so lautete eines der Themen beim diesjährigen Hauptstadtkongress Anästhesie und Intensivmedizin , der vergangene Woche stattfand.

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Direkt nach dem Eingriff leiden nach Angaben von Finn Radtke von der Berliner Klinik für Anästhesiologie der Charité zwischen 15 und 50 Prozent aller Operierten, die im Aufwachraum liegen, an Bewusstseinstrübungen. Bei den Patienten, die auf eine Intensivstation verlegt werden, sind es deutlich mehr.

Menschen, die an einem Delir erkranken, geraten vorübergehend "aus der Spur" (lateinisch: "lira", die Furche). Das kann dazu führen, dass sie desorientiert sind, an Kathetern und Verbänden ziehen, die Personen in ihrer Umgebung nicht erkennen oder auch deutlich verlangsamt reagieren. Vor allem, wenn die Betroffenen sich selbst und andere gefährden oder wenn sie quälende Halluzinationen haben, muss gehandelt werden.

"Wer je einen Patienten gesehen hat, der vor dem Fenster Teufelsfratzen sieht, kann sich vorstellen, wie gefährdet er ist", sagte der Charité-Psychiater Jürgen Gallinat. Psychopharmaka können helfen.

Doch das Problem besteht nicht nur akut: Auch bei der Entlassung aus dem Krankenhaus leiden noch 30 Prozent der Operierten unter 60 Jahren und 40 Prozent der Älteren unter kognitiven Störungen. Drei Monate später sind es noch fünf Prozent der Jüngeren und zwölf Prozent der Senioren. Für die Störungen von Denken und Gedächtnis nach einer Operation hat sich in der Fachwelt der Begriff Postoperatives Kognitives Defizit ( POCD) eingebürgert.

Wie schnell und wie gut Menschen nach einem chirurgischen Eingriff wieder zu sich kommen, sollte nach Ansicht der Anästhesisten sehr ernst genommen werden. Denn Untersuchungen haben gezeigt: Bei Patienten, die nach der Operation in ein Delir fallen oder kognitive Störungen bekommen, gibt es häufig weitere Komplikationen. Überdurchschnittlich viele von ihnen sterben kurz nach dem Eingriff.

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