Sie ähneln einer Installation des Verpackungskünstlers Christo: Gelbe, schwarze und graue Fässer übereinander gestapelt und zu einer dichten Mauer gepackt. Doch diese Behälter sind nicht leer, wie einst jene im Gasometer in Oberhausen, sondern gefüllt mit radioaktiven Abfällen. Sie befinden sich in der Asse, dem ehemaligen "Versuchsendlager" und jetzigem "Endlager vor der Schließung".

Die Schachtanlage liegt im Landkreis Wolfenbüttel circa 25 Kilometer südlich vom niedersächsischen Braunschweig entfernt. Sie ist eine von dreien auf dem 250 Millionen Jahre alten Asse-Höhenzug. Von 1909 bis 1964 wurden hier Kali- und Steinsalz abgebaut.

Im selben Jahr wird die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), später MItglied der Helmholtz-Gemeinschaft, in München gegründet. Sie kauft im Auftrag des Bundes die Schachtanlage für umgerechnet etwa 450000 Euro und erklärt sie 1965 schließlich zur "Forschunganlage".

Füllort auf der 750-Meter-Sohle: Rechts neben dem Schacht befindet sich ein Container mit einem Handfußkontaminationsmonitor, der die Strahlung anhaftender radioaktiver Verunreinigungen misst. | 360-Grad-Panorama: Stefan Sobotta

Der Salzstock erstreckt sich auf 13 Stockwerken und verläuft fast 900 Meter tief in die Erde. Auf jeder Etage liegen neun hintereinander liegende Kammern. In zwölf von ihnen, zwei befinden sich im mittleren Teil, zehn in der Südflanke, lagert seit 1967 schwachradioaktiver Müll. Mittelradioaktive Abfälle wurden zudem in eine Kammer eingelagert, die in einer Tiefe von 511 Metern liegt.

Eingelagert wurden die Fässer mit verschiedenen Techniken. Ein Teil der Fässer wurde stehend oder liegend aufeinander gestapelt, ein anderer Teil verkippt. Offiziell finden sich in der Asse 126.000 Fässer schwach und mittelradioaktiver Abfälle. Das sind gut 47.000 Kubikmeter strahlende Masse. Das enstpricht einem Volumen von mehr als 60 Einfamilienhäusern.

Doch allein in den letzten Wochen und Tagen des Jahres 1978, bevor die Genehmigung zur Einlagerung auslief, wurden noch mehr als 30.000 Fässer unter Tage geschafft – wie akribisch die Gesamtzahl der Fässer überhaupt festgehalten wurde, ist daher offen.

Laugensammelstelle auf der 658-Meter-Sohle | 360-Grad-Panorama: Stefan Sobotta

67 Prozent des Mülls stammen aus Kernkraftwerken, 23 Prozent aus der Kernforschung und 8 Prozent aus der Industrie. Gut 2 Prozent sind anderen Ursprungs. Wie viel Cäsium, Tritium und Plutonium nebst diversen toxischen chemischen Abfällen jedoch im Schacht liegen, ist unbekannt.

So verlangte das Gesetz damals nur, die Radioaktivität an der Außenwand der Fässer zu deklarieren. Erst Ende der neunziger Jahre sollte detailliert das Innenleben der eingelagerten Abfälle einschließlich ihrer chemischen Verbindungen dokumentiert werden – die Lagerung der Fässer war bis 1975 übrigens kostenlos, gezahlt hat der Staat.

Sümpfe und beschädigte Fässer 

Nebst radioaktiven Abfällen wurden mehr als 1300 Tonnen Gifte wie Arsen und Quecksilber oder auch Pflanzenschutzmittel in die Asse gekippt. Zudem lagern dort auch Tierkadaver und Sprengstoff zur Erweiterung der Schächte.

Abgeteuft jedoch wurde der Schacht Asse II bereits 1906. Im Schnitt gibt man Salzbergwerken eine Lebensdauer von 75 Jahren. Aktuelle Gutachten sprechen der Asse nun noch eine Überlebensdauer bis 2020 zu.

Beschickungsanlage für mittelradioaktive Abfälle auf der 490-Meter-Sohle. Durch ein Loch im Boden wurden Fässer mit radioaktivem Abfall in die darunter liegende Kammer 8 zur Einlagerung abgesenkt. | 360-Grad-Panorama: Stefan Sobotta

Seit 1988 sickern täglich 12.000 Liter Wasser in die Asse. Es dringt durch Risse in der Gesteinschicht, die zum einen durch Sprengungen, zum anderen durch Bewegungen des Berges entstanden sind, der den Stollen pro Tag um bis zu drei Kubikmetern zusammendrückt. Auch die Salzschichten sind an vielen Stellen porös.

Vermutlich läuft das Wasser irgendwo zwischen 500 und 600 Metern Tiefe in die Schächte. Durch aufgelockerte Pfeiler und Schweben dringt es von Sohle zu Sohle. Planen und Tanks sollen die entstehende kontaminierte Lauge auffangen. Derzeit wird ein Großteil des Wassers in einer Tiefe von 658 Metern abgepumpt und zur Oberfläche befördert. Unterhalb der Auffangkammer ist die Salzbarriere mächtiger und nach derzeitigen Kenntnissen noch intakt.

1988 wurde vor der Einlagerungskammer zwölf ein so genannter Sumpf eingerichtet, in dem sich eine mit radioaktivem Cäsium verseuchte Salzlösung sammelt. Als Ursache gilt ein Unfall im Jahr 1973, doch die Menge der gemessenen Radioaktivität lässt sich damit allein nicht erklären. Von 2005 bis zum Januar 2008 wurde die Lösung entfernt, um den Arbeitsschutz bei betrieblichen Arbeiten in diesem Bereich zu gewährleisten.

Füllort des Hauptschachtes auf der 490-Meter-Sohle im Bergwerk Asse 2. | 360-Grad-Panorama: Stefan Sobotta

2008 wird unter Tage radioaktiv strahlendes Cäsium-137 gemessen. Der Helmholtz-Gemeinschaft wurde die Aufsicht enzogen und so ist seit dem 01. Januar 2009 das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für die Anlage verantwortlich. Erst kürzlich wurde beschlossen, die Fässer wieder auszulagern. Die Rückholung der Abfälle aus der Schachtanlage Asse II so die Verantwortlichen, sei nach jetzigem Kenntnisstand angeblich die beste Variante beim weiteren Umgang mit den dort eingelagerten radioaktiven Abfällen

Jedoch weiß niemand, ob sich das Vorhaben tatsächlich durchführen lässt. Die Kammern bröckeln bereits, sollten sie einbrechen, muss schnell gehandelt werden: Die Verfüllung des Stollen gilt derzeit jedoch nur als Notfallplan.