Ringen um Kompromisse Kleine Revolutionen vom Runden Tisch

Das Bachelor-Studium muss besser werden, nur wie? An der Freien Universität Berlin ringen Studenten, Professoren und die Uni-Verwaltung um Kompromisse.

Berlin, U-Bahnhof Thielplatz, am Montagmorgen, kurz vor acht Uhr. Im Henry-Ford- Bau der Freien Universität brennt schon Licht. Eine Power-Point-Präsentation rollt über die Leinwand im Sitzungssaal des Akademischen Senats (AS): "Antragsgegenstand: An- und Abmeldung zu Modulen und Prüfungen." Langsam füllt sich das strenge Karree der Konferenztische, Ethik-Professor Michael Bongardt begrüßt alle mit einem Nicken. Doch hier tagt nicht der Akademische Senat, sondern der Runde Tisch, mit dem protestierende Studierende das Gremium zu Reformen zwingen wollen.

Viertelparität in allen Gremien, mehr als zehn Semester für Bachelor und Master, unbegrenzte Wiederholungsprüfungen, Offenlegung der Forschungsziele: Knapp 60 Themen hatte sich der Runde Tisch Anfang Dezember vorgenommen. Die Forderungen kamen direkt aus dem besetzten Hörsaal 1a. Der AS ernannte Michael Bongardt, Dekan des Fachbereichs Geschichtswissenschaften, zum Vorsitzenden aus den Reihen der Professoren.

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"Die Stimme der Studierenden wird in der Exzellenzbewegung nur noch leise vernommen", sagt Bongardt. Das Gleichgewicht von Forschung und Lehre drohe zu kippen. Über hundert Studierende, Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Vertreter der Verwaltung drängten sich beim ersten Treffen in den Senatssaal. Mittlerweile sind es knapp 30. "Der Runde Tisch hat Lücken", gibt Bongardt zu. Aber er macht Druck, produziert Anträge an den AS. Die Zeit drängt, sagen die Studierenden. Beim Bildungsstreik im Sommer 2009 stellte die Unileitung einen "Fahrplan für den Revisionsprozess" der Bachelor- und Masterstudiengänge auf. Aber erst im Wintersemester 2010/11 sollte die Überarbeitung beginnen.

Die An- und Abmeldung zu Modulen, den Lerneinheiten im Studium, weniger rigide zu gestalten, müsste doch schneller zu machen sein, sagt Andreas Bodmeier, studentischer Vorsitzender des Runden Tisches. Bislang muss man sich zu Semesterbeginn verbindlich für Modul und Prüfungen anmelden, wer ohne Attest fehlt, ist durchgefallen. An einigen Fachbereichen aber können sich die Studierenden bis zu einer Woche vor dem Prüfungstermin abmelden. "Viele muten sich zu Semesterbeginn zu viel zu", sagt Bongardt. Da gelte es, Härtefälle zu vermeiden. "Unverzüglich" solle allen Fachbereichen ermöglicht werden, die Fristen zu flexibilisieren, steht deshalb im Antragsentwurf.

Doch nicht nur Studentenversteher wie Bongardt oder der Politikwissenschaftler Hajo Funke, der im jugendlichen Basecap am Runden Tisch sitzt, reden hier mit. Vertreterinnen der Verwaltung und des Präsidiums machen immer wieder klar, dass die Mühlen der Unibürokratie weiterhin langsam mahlen werden. Viele Modalitäten des Studiums seien im Campusmanagement festgelegt, also in der Software der FU. Sie zu ändern sei teuer und zeitaufwändig.

Die Studierenden fühlen sich ausgebremst. "Der Runde Tisch wurde eingerichtet, um die Massen im Bildungsstreik zu beruhigen", sagt eine Studentin. "Das Präsidium hatte gehofft, dass dabei nichts Konkretes herauskommt." Von Vertretern der Unileitung ist zu hören: Der Runde Tisch ist kein Entscheidungsgremium, er kann nur Vorschläge machen – und er soll sich auf keinen Fall verselbstständigen.

Angesichts der bröckelnden Beteiligung warnt die Erziehungswissenschaftlerin Felicitas Thiel: "Wir dürfen nicht zu einer kleinen Funktionärsgruppe werden." Die vielen Treffen des Runden Tisches seien ohnehin eine "erhebliche Belastung". Plötzlich reden alle durcheinander. Der Protokollant, ein bärtiger Kapuzenpulliträger, haut auf den Tisch, sagt dann aber formvollendet: "Ich würde darum bitten, die Redekultur einzuhalten." Der Ton ist moderat, einige Studierende siezen sich sogar untereinander.

Leser-Kommentare
  1. Richig gut, dass es jetzt auch an der FU voran geht. Aber ich verstehe nicht, wieso das alles so langsam vonstatten gehen soll?!
    Wenn meine Informationen nicht falsch sind, haben Studierende und Unileitung schon im Dezember auf eine gemeinsame Linie geeinigt (siehe google: Bildungsdeklaration Cottbus) und wenn man den Protokollen des dortigen Studierendenrates glaubt, ist auch sonst schon einiges verbessert worden.

  2. Wieso suggeriert die Darstellung des Artikels, dass solch ein Runder Tisch nur an der FU Berlin existiert? Auch an der Uni Trier gibt es diese Einrichtung, auch hier wird fleißig diskutiert, auch wenn auch hier lediglich Vorschläge unterbreitet werden könnnen und die Entscheidungen andernorts getroffen werden. Doch auch hier bleibt (wohl nicht nur) aus studentischer Perspektive zu hoffen, dass es eine "Reform der Reform" geben wird und man sich wieder von stupiden Multiple-Choice-Tests in Geisteswissenschaften und anderen Fehlern des neuen Systems verabschiedet.

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