Studentenproteste Die letzten Uni-Besetzer
Anderswo sind die Proteste vorbei, in Berlin nicht. Ein Besuch im Audimax der Humboldt-Universität, wo seit November Studenten übernachten, kochen und diskutieren.

Protest im Sommer 2009 an der Humboldt-Uni Berlin. Es sind nur noch wenige Besetzer übriggeblieben
Die Matratzen haben sie tagsüber gestapelt, auf den Fensterbrettern liegen bunte Schlafsäcke, in der Ecke steht ein blaues Iglu-Zelt. Es gehört Ina, die manchmal noch im Audimax der Humboldt-Universität übernachtet. Und die doch ein bisschen Privatsphäre haben möchte. Max hingegen trägt Bademantel, ganz wie daheim. Was soll’s, schließlich wohnt er hier, zwischen Hörsaal und Foyer, Treppenhaus und öffentlichem Klo.
Zehn sind es, bestenfalls 15 Studierende, die den größten Hörsaal der Uni noch immer besetzt halten. Seit Mitte November wohnen sie dort, sind auch über Weihnachten und Silvester Tag und Nacht geblieben, ohne Heizung. Abends sitzen sie in Schlafanzügen und Kapuzenpullis auf den abgerissenen Sofas im Foyer, am PC in der Computerecke, trinken Bier oder Tee, lesen oder diskutieren im Plenum, jeden Abend um sechs. Es gibt Pärchen unter den Besetzern, solche, die kochen und aufräumen, und diejenigen, die das nie tun, Erstsemester und längst ausgestiegene Studenten. Nur: Viele sind es nicht mehr, zu Beginn waren es mehr als 30.
"Hey, wir sind immerhin noch eine der letzten besetzten Unis in Deutschland", sagt einer, als wolle er sich selbst Mut machen. Das soll so bleiben, zumindest bis Ende des Semesters, Mitte Februar. Als die Proteste in Deutschland im Herbst losgingen, waren zeitweise an bis zu 30 Hochschulen Hörsäle besetzt. Doch der Widerstand bröckelte zunehmend. Ende Dezember wurde der Hörsaal der Münchner Uni von Polizisten geräumt, die Studenten in Potsdam verließen das Audimax vor wenigen Tagen freiwillig. Jetzt werden die Besetzer nur noch an der HU und an der Freien Universität in Dahlem von der Unileitung geduldet. Die Besetzer: Das sind Studierende wie Ina oder Max Schultze, 21, drittes Semester Mathe und Informatik auf Diplom.
In seinem plüschigen grauen Bademantel setzt er sich auf eine Fensterbank. Durch die Fenster zieht es, Max hat Schnupfen, kein Wunder. Seit Beginn der Proteste wohnt er im Audimax. Mitte November, als die HU-Leitung das Gebäude kurzfristig von Polizisten abriegeln ließ, war Max einer der letzten, die noch mit Schlafsack und Essen bepackt an den Beamten vorbeikamen.
In seine kleine Wohnung nach Prenzlauer Berg fährt er seitdem nur noch, wenn er Wäsche waschen muss. Im Oktober 2008 begann er zu studieren. Und eigentlich sollte er seine Zeit in Adlershof verbringen, wo die Naturwissenschaften gelehrt werden. Die Veranstaltungen besucht er soweit es geht. Max ist gebürtiger Berliner und sagt, dass er unter anderem für mehr Geld im Bildungssystem streikt und für "mehr studentische Mitbestimmung". Dafür, dass sich mehr Studenten in den Uni-Gremien engagieren dürfen, dass organisatorische Mängel schneller behoben werden können: Klausuren in zwei unterschiedlichen Fächern, die zur gleichen Zeit am gleichen Tag geschrieben werden sollen, Vorlesungen, die zeitgleich stattfinden anstatt versetzt.
Das Grüppchen der Besetzer im Audimax mag übersichtlich geworden sein, ihre Forderungen sind es nicht. In etlichen Arbeitsgruppen diskutieren sie über den freien Zugang zum Masterstudium für alle, darüber, dass es keine Zwangsexmatrikulation geben soll, wenn jemand dreimal eine Prüfung nicht besteht, dass die Anwesenheit in Vorlesungen und Seminaren nicht kontrolliert werden soll. 95 Forderungen "zur Reformation von Bildungsinstitutionen" haben die Protestierenden an der HU im November aufgestellt – sie forderten neben besseren Bedingungen im Bachelor auch weniger Einfluss der Wirtschaft auf die Unis, faire Arbeitsbedingungen für Angestellte im öffentlichen Dienst und die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems.
Klar, sagt Max, eigentlich studiere er auf Diplom. Der Bologna-Prozess, die Umstellung auf Bachelor und Master, so wirklich betreffe ihn das nicht. Trotzdem: Für mehr Geld im Bildungssystem lohne es sich auch als Diplom-Student zu streiken. Politisch engagiert hat er sich schon als Gymnasiast, beim Schülerstreik 2006 zum Beispiel, oder bei der Linksjugend "Solid". Nun, während des Streiks, hilft er in der "Arbeitsgruppe Veranstaltungen", aber demnächst möchte er gerne auch als studentischer Vertreter in den Gremien der Uni mitmischen. "Wenn der Streik zu Ende ist", sagt er und hält kurz inne. Hat er das gerade wirklich gesagt?
- Datum 13.01.2010 - 17:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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In Bonn gehts auch produktiv weiter! Die offene Liste der Bildungsproteste nimmt sogar an den anstehenden Wahlen des Studentenparlaments teil!
http://bildungsstreikbonn...
Die Proteste werden sicher nicht gleich am Jahresanfang ihren nächsten Höhepunkt erreichen, aber so ganz am Ende ist die Bewegung auch noch nicht. Heute wurde z.B. in München eine Demo angehalten und die FDP Zentrale für kurze Zeit besetzt und im Twitter hört man auch noch von einigen Aktiven weiterhin etwas.
"Es fehlt ein Element von allgemeiner politischer Relevanz."
Es ist wahr, dass die Studenten ihre Positionslisten nicht für die Politiker und Medien angepasst haben und statt bestimmte Themen zu vertiefen, ein großer Themenkatalog aufgebaut wurde. Doch obwohl die Studenten die Politiker nicht mit Argumenten entwaffnen konnten, ist es traurig, dass gerade die große Problemvielfalt, die durch die alternative Strategie zustande kam, politisch nicht mehr relevant ist.
Zu folgenden Sätzen:
"Die Kultusminister wollen den Bachelor verbessern."
"Die Hochschulrektoren haben Reformen zugesagt, der Akademische Senat der HU ebenfalls."
Bitte, selbst in der ZEIT, auch wenn ziemlich knapp, wurde ausreichend darüber berichtet, wie wirkungslos bisherige Eingeständnisse und Versprechungen waren.
Nicht neu, aber immer wieder toll anzusehen, wie Politik funktioniert.
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