Studentenproteste Die letzten Uni-BesetzerSeite 2/2
Was dem Studenten unabsichtlich über die Lippen kommt, vermuten andere schon längst. Etwa der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Meine Prognose ist, dass die Proteste im Januar auslaufen werden", sagt er. Weil die Studenten es verpasst hätten, ihre Forderungen und Ideen in einen größeren politischen Kontext zu stellen. "Es fehlt ein Element von allgemeiner politischer Relevanz."
Vor dem Audimax der HU sieht Ina das völlig anders. "Wir setzen uns ein für Gerechtigkeit", sagt die 28-Jährige, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Und Ungerechtigkeit gebe es schließlich überall. Ina studiert im dritten Bachelor-Semester Europäische Ethnologie und Sozialwissenschaften. Sie hatte sich eigentlich auf die festen Strukturen im Bachelor gefreut. Inzwischen hält sie die Vorgaben für viel zu starr – und die Arbeitsbelastungen für zu hoch. Allerdings schläft sie schon lange nicht mehr regelmäßig in ihrem blauen Zelt im Audimax, weil "es doch sehr auslaugt". Und ihre Kraft braucht sie für die Arbeit in der AG Mobilisierung – wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe dieser Tage. Denn viele Kommilitonen finden es zwar prima, dass ein Häuflein Aufrechter das Audimax noch immer besetzt hält. Aber selber mitstreiken und womöglich den Erwerb eines Scheins gefährden, das wollen sie dann doch nicht.
Inas Eltern unterstützen den Protest ihrer Tochter. Zu Weihnachten kamen sie aus Kassel und Wiesbaden angereist und kochten für die Streikenden, ihr Vater finanziert der Tochter das Studium. Ein Privileg, das sie zu schätzen weiß. Eines, das ihr den Rücken freihält für das Nachdenken über "die desolaten Zustände in der Bildungslandschaft", das sich manche Mitstudenten einfach nicht leisten könnten. Nach dem Studium würde Ina gerne an der Uni bleiben und selber forschen und lehren. Wie sie sich dann wohl zu einem Streik verhalten würde? Ina glaubt, dass sie ihre Studenten unterstützen würde.
Haben die Streikenden nicht schon viel erreicht? Die Kultusminister wollen den Bachelor verbessern. Die Hochschulrektoren haben Reformen zugesagt, der Akademische Senat der HU ebenfalls. Andererseits: Die Solidaritätsbekundungen der Professoren und Politiker seien auch ein Trick, sagt Ina. Den Kern des Protests lösen sie auf. Wogegen sich auflehnen, wenn alle Verantwortlichen sagen: Ihr habt ja recht?
Neulich, sagt Max, sei jemand bei ihnen vorbeigekommen und habe mitdiskutiert. Damals, 1968, war der selbst bei den Protesten als Student aktiv. Den Besetzern an der HU hat er einen vorsichtigen Tipp gegeben: Forderungen konkretisieren, irgendwie. Dann ist er wieder gegangen. Er sei nett, sagt Max, der es wissen muss: Der Mann ist sein Dozent.
Der Artikel ist zuerst im Tagesspiegel erschienen
- Datum 13.01.2010 - 17:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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In Bonn gehts auch produktiv weiter! Die offene Liste der Bildungsproteste nimmt sogar an den anstehenden Wahlen des Studentenparlaments teil!
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Die Proteste werden sicher nicht gleich am Jahresanfang ihren nächsten Höhepunkt erreichen, aber so ganz am Ende ist die Bewegung auch noch nicht. Heute wurde z.B. in München eine Demo angehalten und die FDP Zentrale für kurze Zeit besetzt und im Twitter hört man auch noch von einigen Aktiven weiterhin etwas.
"Es fehlt ein Element von allgemeiner politischer Relevanz."
Es ist wahr, dass die Studenten ihre Positionslisten nicht für die Politiker und Medien angepasst haben und statt bestimmte Themen zu vertiefen, ein großer Themenkatalog aufgebaut wurde. Doch obwohl die Studenten die Politiker nicht mit Argumenten entwaffnen konnten, ist es traurig, dass gerade die große Problemvielfalt, die durch die alternative Strategie zustande kam, politisch nicht mehr relevant ist.
Zu folgenden Sätzen:
"Die Kultusminister wollen den Bachelor verbessern."
"Die Hochschulrektoren haben Reformen zugesagt, der Akademische Senat der HU ebenfalls."
Bitte, selbst in der ZEIT, auch wenn ziemlich knapp, wurde ausreichend darüber berichtet, wie wirkungslos bisherige Eingeständnisse und Versprechungen waren.
Nicht neu, aber immer wieder toll anzusehen, wie Politik funktioniert.
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