ZEIT ONLINE: Frau Yonath, wie ich hörte, ist ihre Frisur seit ihrer Auszeichnung mit dem Chemie-Nobelpreis 2009 von nationalem Interesse in Israel.

Ada Yonath: Da haben Sie durchaus recht: Wirre, lockige Haare, wie die meinen, nennt man seitdem einen "Kopf voller Ribosomen", angelehnt an die Struktur dieser Moleküle.

ZEIT ONLINE: Für diese Forschung wurden Sie ausgezeichnet. Hat sich durch den Preis sonst noch etwas verändert?

Yonath: Ja. Wissenschaft ist in Israel tatsächlich populärer geworden. Und ich bin nun in der glücklichen Lage, dass man mir zuhört, wenn ich etwas zu sagen habe. Wenn ich also das Bedürfnis und das Gefühl habe, dass ich mich einmischen sollte, besonders gesellschaftlich oder politisch, dann habe ich jetzt die Möglichkeit dazu. Ob ich so etwas verändern kann, wird man sehen.

ZEIT ONLINE: Als Sie mit ihrer Forschung begannen, wurden viele ihrer Ideen für unmöglich erklärt. Heute gelten Sie als Pionierin auf dem Gebiet der Ribosomen, jener Moleküle, die den genetischen Code eines Organismus in Proteine übersetzen und so Leben erst ermöglichen. Sie waren die erste, die Hinweise auf ihre Struktur lieferte mithilfe der Kristallographie.

Yonath: Es gibt wahrlich keine andere Möglichkeit biologische Makromoleküle zu untersuchen und Modelle zu entwickeln, die ihre Funktion aufzeigen. Man braucht die Struktur eines Moleküls, um es zu verstehen. Die Ribosomen werden hierfür zunächst kristallisiert und anschließend mit Röntgenstrahlen beschossen. Anhand der Beugungswinkel kann man dann auf die Molekülstruktur schließen. Es gibt wohl auch neuere Methoden, doch die Technik dahinter ist noch immer dieselbe.

ZEIT ONLINE: Macht Sie das stolz?

Yonath: Sehr. Und es macht mich stolz, dass alle vier Frauen, die den Nobelpreis in Chemie erhielten, mit Röntgenstrahlen gearbeitet haben.

ZEIT ONLINE: Halten Sie ihren Nobelpreis besonders in Ehren, weil Sie eine Frau sind?

Yonath: Nein, so war das nicht gemeint. Ich finde zwar, dass es eine tolle Sache ist, mit dem Preis ausgezeichnet worden zu sein – davon kann ich gar nicht genug erzählen – doch das wahre Gefühl etwas erreicht zu haben, kam nicht mit dem Preis, sondern bereits beim ersten Blick auf die Strukturen, als an eine Auszeichnung noch nicht zu denken war.

ZEIT ONLINE: Dennoch ist es eine Seltenheit, dass Frauen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden.

Yonath: Lassen Sie uns doch einfach festhalten, dass es zahlreiche Männer gab, die sich nicht getraut haben, dieses Projekt anzugehen. Sie hielten es für unmöglich und – das gilt allerdings auch für Frauen – sagten, ich würde keinen Erfolg haben. Es wurde über mich gelacht und vielleicht mehr, weil ich eine Frau bin. Fakt ist doch aber: Sie hatten Unrecht.