Der Container Weblog fasst alles: Berichte und Beichten, Protokolle und Pamphlete, Schilderungen und Schmähungen. Mitunter haben manche Blogs eher den Charakter von Sudelbüchern als von Tagebüchern. Kein Wunder, dass einige Forscher auch Wissenschaftsblogs bislang nicht viel abgewinnen können.

Es gibt wenige bekannte Forscher in Deutschöand die bloggen. Einer der bekanntesten, aber auch streitbarsten ist wohl Stefan Rahmstorf. Der Physiker und Meeresforscher ist Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und hat sich einen Namen gemacht als Experte zur Rolle der Ozeane im Klimawandel. Rahmstorf ist einer der Leitautoren des vierten Berichts des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und Verfasser von populärwissenschaftlichen Büchern. Und er berät die Bundesregierung in Fragen des Klimawandels.

Bereits vor fünf Jahren hat er den englischsprachigen Klimablog, realclimate.org, mit acht Kollegen aus verschiedenen Nationen gegründet. Hier wendet sich der Forscher an ein breites Publikum. Er wechselt sich mit mehreren Klimaforschern beim Schreiben und Kommentieren ab. Die Autoren stellen regelmäßig Impulsbeiträge ins Internet, die von Lesern rege kommentiert werden.

Mit den interdisziplinären Debatten, die aufkommen, machen sich die Wissenschaftler anfechtbarer. Aber ihre Denkweise wird auch transparenter. Die Mauern zwischen Experten und Laien bröckeln.

Laut Rahmstorf haben binnen fünf Jahren 10 Millionen Besucher realclimate.org besucht. "Wir haben eine Leserschaft, die auf sehr hohem Niveau mitdiskutiert", er habe aufgrund der Kommentare sogar Anregungen für Fachpublikationen erhalten. "Fragen der Leser bringen uns auf neue Forschungsideen", sagt Rahmstorf.

Die Leserschaft ist international: Angeblich gehöre der ehemalige amerikanische Vize-Präsident Al Gore zu den Stammlesern des Blogs. Ferner kommentieren Forscher, Umweltaktivisten, Journalisten, und andere Blogger die Beiträge der Klimaforscher genauso wie Laien. Und natürlich gehören dazu auch die hartnäckigen Skeptiker, die weiterhin daran zweifeln, dass wir Menschen den derzeitigen Klimawandel durch unseren Ausstoß an Treibhausgasen mitverursachen. 

"Wir leben in einer offenen Demokratie, in der ich nicht nur als Forscher sondern auch als Bürger meine Einschätzung geben kann", sagt Rahmstorf. Seit 2008 ist der Klimaforscher auch auf dem Weblog "Klimalounge" zu finden. Hier kommentiert er gemeinsam mit seinen Kollegen Anders Levermann und Martin Visbeck die Klimaforschung und Klimapolitik für das deutsche Publikum. Klimalounge ist eines der Blogs der "Scilogs – Tagebücher der Wissenschaft".

Frei und unredigiert über Wissenschaft und Forschung schreiben

 
Scilogs.de, ist das Blogportal von Spektrum der Wissenschaft und gehört zur Verlagsgruppe Georg-von-Holtzbrinck. Das Blogportal wurde 2008 ins Leben gerufen. Mit seinen rund 70 Wissenschaftsblogs ist es das bedeutendste Blogportal Deutschlands. Das zweite große Blogportal ist scienceblogs.de – ein deutscher Ableger der amerikanischen Mediengruppe Seed Media. Der Burda-Verlag ist deutscher Partner der Mediengruppe. Obwohl das Portal auch erst seit zwei Jahren existiert, haben die 30 Blogger unter seinem Dach schon 6.500 Beiträge veröffentlicht.

Die Forscher haben hier die Gelegenheit, sich unredigiert und stilistisch frei über die Rolle der Wissenschaften in Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion und Philosophie zu äußern. Das dritte Portal im Bunde ist das Wissenschafts-Café. Es ist aber lediglich ein kommentiertes Webverzeichnis für Wissenschaftsblogs.

Blogger ziehen aus unterschiedlichen Gründen unter das Dach eines Blogportals ein. Dafür beschert ihnen der Markenname des Portals sehr viel müheloser eine hohe Zahl von Besuchern – und sie werden von Suchmaschinen im Nu gefunden. Die Forscher bekommen überdies technische Unterstützung bei der Publizierung ihrer Einträge.


In Deutschland gibt es derzeit insgesamt rund 400 bis 500 Wissenschaftsblogs, schätzt Marc Scheloske, der Chefredakteur von Scienceblogs. Die Mehrheit bloggt nicht unter einem Dachportal. Naturwissenschaftler geben mit ihren Blogs den Ton an: Etwa 70 Prozent der bloggenden Forscher kommen aus diesem Wissenschaftsbereich, sagt Scheloske. Es folgen die Geisteswissenschaftler, die aber schon deutlich weniger häufig schreiben. Am ehesten findet man hier Psychologen, Historiker und Medienpädagogen. "Der Laie kann auf den Wissenschaftsbetrieb schauen, ohne in die bodenlosen Sümpfe der Fachpublikationen hinabsteigen zu müssen", sagt Helmut Wicht, Gehirnanatom an der Universität Frankfurt am Main.

Die deutsche wissenschaftliche Blogkultur hat ihre Wurzeln in der amerikanischen. "Wir haben uns auf Vorbilder im englischsprachigen Raum bezogen", sagt etwa Anatol Stefanowitsch vom Institut für allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft an der Uni Bremen. Zusammen mit Kollegen rief er im Jahr 2007 den Bremer Sprachblog als Beitrag für das Jahr der Geisteswissenschaften ins Leben.

Ein Vorbild war der bereits 2003 an der Universität Pennsylvania gegründete Language Log. Während der Language Log allerdings nah an sprachwissenschaftlichen Themen bleibt, schaut Stefanowitsch mit dem Bremer Sprachblog über die Grenzen seines Faches hinaus. Er schreibt über sprachwissenschaftliche Probleme – und mokiert sich über Puristen des Deutschen. Stefanowitsch hat etwa den Berliner Volksentscheid Pro Reli einerseits sprachwissenschaftlich analysiert, andererseits politisch beurteilt. "So entgehe ich der extrem eingeengten Sicht meines Spezialgebietes."

Der Anteil an journalistischen Wissenschaftsblogs ist in Deutschland hoch

Anders als beim wissenschaftlichen Schreiben müsse man beim Bloggen schnell sein und kontinuierlich, am besten alle zwei bis drei Tage neue Texte liefern. Die Schnelligkeit verführt zu Fehlern, die den Ruf schädigen können. Oder nicht? Fehler müssten ausdrücklich zugegeben werden und sollten nicht klammheimlich mit dem Redaktionssystem gelöscht werden – das gebiete die Blogger-Ethik, sagt der Sprachwissenschaftler.

"Mir fällt auf, dass hinter den Wissenschaftsblogs in den USA fast ausschließlich Wissenschaftler, insbesondere Nachwuchswissenschaftler, stecken", sagt Stefanowitsch. In Deutschland hingegen sei ein höherer Anteil an Wissenschaftsjournalisten unterwegs. Laut Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Universität Dortmund, muss man zwischen wissenschaftsnahen Blogs und jenen, die sich an die Allgemeinheit wenden, unterscheiden. Erstere bereichern oft eine Fachdiskussion in der Art des Gutachterverfahrens, dem "Peer Review", dass auch über die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten in Fachmagazinen bestimmt. "Hier gibt es, bisher jedenfalls, wirklich wenige, die das wirklich können."

Journalisten zieht es aus ähnlichen Gründen in das Internet wie Wissenschaftler: Beide haben hier die Gelegenheit, sich endlich einen Namen zu machen, sich in ihre Lieblingsthemen so zu vertiefen, wie es ihnen beliebt – hier können sie authentisch sein. Manche, wie Stefan Rahmstorf, erlangen sogar Internetprominenz. Das wird in Zukunft weitere Forscher und Journalisten dazu bringen, in die Blogosphäre einzusteigen.