Möglicherweise ist Alzheimer nicht gleich Alzheimer
Auch die Charité war an der nachfolgenden enttäuschenden Multicenter-Studie beteiligt, auch Heuser ist deprimiert über deren Ausgang. Sie plädiert nun für eine detaillierte Analyse der Daten – und hofft, dass die beteiligten Firmen das finanzieren. Die klinische Erfahrung zeige, dass sich hinter dem wenig ermutigenden Gesamtbild einzelne kleine Patientengruppen verbergen könnten, die Nutzen aus dem Mittel ziehen. "Wir müssen herausfinden, in welchen Merkmalen sich die Patienten ähneln, denen eine Substanz hilft." Möglicherweise ist Alzheimer nicht gleich Alzheimer, auf jeden Fall reagieren nicht alle Betroffenen gleich auf die Therapie.
Das könnte auch der Grund für die mauen Ergebnisse einer weiteren Alzheimer-Studie sein, die im Januar in Lancet Neurology veröffentlicht wurde. Dort hatten Infusionen des Antikörpers Bapineuzumab bei den Beteiligten nach eineinhalb Jahren die Alzheimer-Symptome nicht nennenswert verbessert.
Dabei hatte der Antikörper, ein biotechnisch hergestelltes Eiweiß, geleistet, was erwartet worden war, nämlich die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn der Patienten abzuräumen. Nach der "Amyloid-Hypothese" gelten die Ablagerungen als eigentlicher Bösewicht. Ihnen wirkungsvoll zu Leibe zu rücken ist auch die Hoffnung, die sich mit einer "Impfung" gegen Alzheimer verbindet. Eine erste Studie, für die Beta-Amyloid in die Venen von Patienten gespritzt wurde, um die Antikörperbildung anzuregen, musste im Jahr 2002 abgebrochen werden, weil einige Studienteilnehmer auf die Impfung mit Entzündungen an Gehirn und Hirnhaut reagiert hatten. Auch das ein herber Rückschlag. Doch weitere Studien mit Fragmenten des Eiweißes laufen.
Die bislang zugelassenen Alzheimer-Medikamente, die entweder wie Donepezil, Rivastigmin oder Galantamin die über den Botenstoff Acetylcholin vermittelte Signalübertragung zwischen Nervenzellen verbessern oder wie "Memantine" den Neuro-Botenstoff Glutamat beeinflussen und dadurch die Weiterleitung von Informationen erleichtern, zeigen allesamt nur bescheidene Wirkung und können den Verfall der geistigen Fähigkeiten nur verzögern.
Zudem helfen sie, wie Heuser hervorhebt, keinesfalls allen Patienten. "Und leider können wir bisher noch nicht vorhersagen, was bei wem wirkt." Pragmatisch plädiert die Psychiaterin dafür, es zunächst mit einem der Präparate zu versuchen, die Lage genau zu beobachten, bei einem Misserfolg zu wechseln – und die Ergebnisse dieses Vorgehens anschließend systematisch auszuwerten. "Die Antworten kommen nicht direkt aus dem Labor, sondern aus guten klinischen Studien", sagt Heuser. Sicher ist: Sie werden dringend gebraucht.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.03.2010)
- Datum 11.03.2010 - 13:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Die genannten und für die Behandlung mittelschwerer Formen des M. Alzheimer (MMST 15-25) zugelassenen Antidmentiva funktionieren gut.
Problematisch ist die Umdeklarierung der sehr viel häufigeren Gefäßdemenzen zu "Mischformdemenzen", die dann im "out of lable use", ohne Pat. oder Betreuer darüber aufzuklären, mit Antidmentiva behandelt werden.
Dass dies nicht funktionieren kann, ist evident.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren