Tag der Kreiskonstante Pi mal Staunen
Am 14. März feiern Mathe-Fans weltweit die Zahl Pi. In Deutschland wird an diesem Tag ein kleiner Ort in Niedersachsen zum Mekka für Pi-Pilger. Christian Werner war dort.
Vor dem Haus von Gürsan Aksel im niedersächsischen Nörten-Hardenberg steht eine kleine weiße Parkbank, links und rechts umrahmt von einem Blumentopf. Vor diesem pittoresken Idyll ist eine quadratische Granitplatte ins Straßenpflaster gearbeitet, auf der die Ziffer 6 in Form einer Pizza eingraviert ist. Es ist eine Art Gildezeichen, denn Aksel gehört der Imbiss in der örtlichen Schwimmhalle. Unter der Nummer steht "π zza". Und noch eine Zahl: "41." Was bedeutet: Sechs ist die 41. Nachkommastelle von Pi, jener Konstante, mit unendlich vielen Nachkommastellen, die mit 3,14 beginnt. Aksel hebt beide Hände: "Mit Mathe habe ich nichts am Hut", sagt er. "Aber was die da machen, das ist einfach der Wahnsinn."
Die da, das sind die Freunde der Zahl Pi in Deutschland, inklusive des gleichnamigen eingetragenen Vereins. Und Nörten-Hardenberg ist ihr selbsternanntes E-Pi-Zentrum der Republik. Das hat man sich sogar in Stein meißeln lassen: Quer durch die 8000-Seelen-Gemeinde, zehn Kilometer nördlich von Göttingen gelegen, schlängelt sich Pi in Bodenplatten auf den Gehwegen. Einmal im Jahr werden die Bürgersteige zum Pilgerpfad: Pi-Fans feiern am 14. März entlang des Steinweges den Tag der Kreiskonstante.
Der Erfinder des "Walk of Pi" ist Bilian Proffen. 2003 fing er vor seiner Galerie mit der Verlegung der ersten Ziffern an, weil die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt seit zwanzig Jahren nicht in die Gänge komme, sagt er. Die Idee hat inzwischen den halben Ort erfasst, die Platten liegen vor der Tierarztpraxis, wie vor der evangelischen Kirche; im Sommer spielen die Kinder darauf Hüpfen. Die ersten 314 Stellen von Pi sind für den Ort reserviert, 90 sind es bisher. Proffens Vision: "Das wachsende Kunstwerk soll unabhängig von Religion und Kultur um den ganzen Erdball führen." Über Niedersachsen kam der Pi-Pfad noch nicht hinaus: In Göttingen wurden immerhin schon zwei, in Eschede vier Platten verlegt.
Dieses Jahr beginnt der 52-jährige den 14. März klassisch: Mit einer Lesung aus der Pi-bel. Proffen steht an der Hauptstraße des Ortes auf der ersten Platte mit der 3, dem Anfang der unendlichen Zahlenreihe, und rezitiert Pi ab der 762. Nachkommastelle mit feierlichem Ton und bedeutungsvollen Blicken: "999999 837297..." Es gibt Applaus von den Zaungästen. Zum Pi-Tag 2009 gründete Proffen mit 17 anderen den Verein der deutschen Pi-Freunde in Nörten-Hardenberg. Zur Feier des Tages bildeten die frisch gekürten Vereinsmitglieder auf einem Feld einen Kreis mit einem Durchmesser von 314 Metern und ließen Luftballons steigen.
Die Frau von der Lokalzeitung jauchzt aufgeregt. "Das ist ja eine verrückte Nummer, die sie hier machen", sagt sie. Von der angeblich weltweit wachsenden Begeisterung für Pi ist an diesem Sonntagnachmittag in Nörten-Hardenberg jedoch wenig zu sehen. Nur sieben Gäste kommen in die Galerie von Raumausstattermeister Proffen. Der Grund für den mauen Besucherandrang ist schnell ausgemacht. Die Pi-Fans feiern ihren Tag diesmal an drei Orten: In Niedersachsen in Nörten-Hardenberg und Bad Essen und im sächsischen Gürth, wo sich die vom Verein ernannten Pi-Botschafter zur Klausur treffen.
Die wenigen Gäste aber sind hochgradig neugierig. Ein ehemaliger Berufsschullehrer will seine Fliesen im Bad umgestalten und stieß dabei auf einen Zusammenhang zwischen dem goldenen Schnitt und Pi: "Ist das Zufall oder gottgewollt?", fragt er Proffen. "Zufälle gibt es nicht", sagt der. Zu Pi fand der Vereinschef nach einem schweren Verkehrsunfall vor 17 Jahren, den er nur dank der Ärzte überlebte. "Nach so einer Erfahrung beschäftigt man sich schnell mit Philosophischem und landet zwangsläufig bei Pi", sagt er. Sein Motto seitdem: To Pi or not to Pi. Frei nach Shakes-Pi-erre, wie Proffen gern ergänzt.
- Datum 15.03.2010 - 13:48 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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