Die Mehrheit der Pi-Vereinsmitglieder sind gestandene Wissenschaftler
Wer bei den Pi-Freunden Mitglied werden will, muss eigentlich nur dem Verein beitreten und seinen jährlichen Beitrag zahlen. Richtig anerkannt ist man aber erst nach der inoffiziellen Aufnahmeprüfung. Hundert Nachkommastellen muss man auswendig aufsagen. Gern gesehen sind spezielle Rezitationen: auf dem Kopf stehend, zu einer Melodie singend oder auf klingonisch (angelehnt an das außerirdische Volk der Klingonen aus der StarTrek Film- und Fernsehreihe). Proffens damals 13-jährige Tochter hat vergangenes Jahr die hundert Zahlen in zwei Stunden gelernt, einer der Pi-Freunde soll sie in 56 Sekunden aufsagen können.
Die Mehrheit der Vereinsmitglieder sind gestandene Wissenschaftler, die der Mission Pi mit akademischem Eifer nachgehen. Man kann nur staunen, mit welcher Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spaß sie sich der Beschäftigung mit der Unendlichkeit verschrieben haben: sie komponierten die Pi-Phonie oder schreiben Computerprogramme um Pi, wie eine verwirrend blinkende Uhr.
Das Feiern des Pi-Tages oder auch Gespräche mit ausgebufften Pi-Fans sind wie eine Reise in ein Paralleluniversum. Pi-aner leben zum Beispiel in ihrer eigenen Zeit; aktuell schreiben sie das Jahr 2307, gezählt wird ab dem Geburtsjahr von Archimedes, der die erste genaue Annäherung an Pi berechnete. Sie feiern Pi-lvester – im September. Und man ahnt es schon: Jedes Wort das nur im entferntesten nach Pi klingt, wird mit Vorliebe, besser gesagt mit Pi-geisterung, ver-pi-t. "Pi ist schließlich überall", sagt Vereinschef Proffen. Selbst im Vereinsbeitrag von 14,15 Euro, der den ersten vier Dezimalstellen entspricht.
Dass ein kleiner unbekannter Ort zum Zentrum einer Bewegung wird, passt gut zum ernsthaft-schelmischen Gemüt der Pi-aner. Nörten-Hardenberg hat bisher weder einen bedeutenden Mathematiker hervorgebracht, noch ein mathematisches oder ähnlich geartetes Institut. Probleme gibt es auch hier: Von den 14 Kneipen aus seiner Jugendzeit gebe es nur noch eine Handvoll, sagt Proffen. Pi sei eine Chance. Einen Titelzusatz zum Ortsnamen als Pi-Zentrum Deutschlands habe man aber noch nicht beantragt.
"Pi ist so komplex wie das Leben selbst, also unberechenbar", gibt Bilian Proffen jedem als Antwort, der ihn nach seiner Begeisterung für Pi fragt. Er hat sich ein selbst entwickeltes Farbsystem schützen lassen, mit dem er die Kreiskonstante in zehn Farben darstellen kann. Er entwirft damit Schirme, Ketten und Sitzunterlagen. Der Farbcode schmückt auch die Fassade der Schwimmhalle seiner Heimatstadt. Hier in Gürsan Aksels Imbiss klingt der Pi-Tag aus, mit π-zza und π-ils oder π-ier. Aksel könne sich vorstellen, dem Verein beizutreten. "Hundert Stellen? Das kann doch nicht so schwer sein." Vorher soll es die π-zza dauerhaft auf seine Karte schaffen. Der Belag steht schon fest: "Alles was rund ist."
- Datum 15.03.2010 - 13:48 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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