Die vermeintliche Bedrohung ist nicht sichtbar, zumindest nicht mit bloßem Auge. Satellitenbilder hingegen zeigen zumindest teilweise, wie sich die Asche nach dem Vulkanausbruch in der Nähe des isländischen Eyjafjalla-Gletschers langsam über Nordwesteuropa ausbreitet. Welchen Weg sie genau einschlägt, weiß niemand. Auch nicht, wie gefährlich der Dunstschleier ist.

Dennoch ist der Flugverkehr über Europa seit Freitag weitgehend zum Erliegen gekommen. Grundlage für die Entscheidung ist nebst Berichten und lädierten Maschinen eine Computersimulation der Volcanic Ash Advisory Centres (VAAC) in London und Toulouse. "Hierbei handelt es sich nicht etwa um ein Computerspiel, sondern um eine auf mathematischer Grundlage entstandene Wettervorhersage", sagt John Hammond, Sprecher des nationalen Wetterdienstes von Großbritannien.

Rund um die Welt gibt es insgesamt neun VAACs. Seit 1993 wurden sie von der internationalen Luftfahrtorganisation International Civil Aviation Organization (ICAO) gegründet, um beständig die Vulkanaktivitäten auf unserem Planeten zu überwachen, die Bewegung von ausgestoßenen Partikeln im Luftraum zu verfolgen und vorherzusagen. Kleinere Vulkanausbrüche gäbe es ständig zu beobachten, sagt Hammond. Auch habe man nach einer Industrie-Explosion in Südengland die Verteilung der Gase berechnet und ihre Prognosen seien bislang noch immer hilfreich gewesen. Ein Ereignis wie dieses gab es jedoch noch nicht.

"Computersimulationen sind heutzutage ein wichtiges Werkzeug der Wissenschaft. Neben Experiment und Theorie sind sie dritte Säule", sagt Francesco Knechtli, Koordinator des Masterstudiengangs Computer Simulation in Sciences an der Universität Wuppertal. Für eine Simulation wie die der VAACs brauche es eine große Bandbreite an Informationen. Das erschwere die Arbeit, sagt Knechtli. Verschiedene geologische, physikalische und meteorologische Daten sowie Beobachtungen von Piloten fließen hier zusammen.

"Die Qualität der Vorhersage steht und fällt mit den Ausgangsdaten", sagt Knechtli. Genau an dieser Stelle hapert es jedoch. "Die Konzentration der Teilchen ist unbekannt, auch kann ihre Höhenlage nicht genau erfasst werden und die Grenzbereiche, die diese Simulation umfasst, sind vielleicht zu hoch gegriffen", sagt Sabine Bork, Leiterin der Luftfahrtberatung beim Deutschen Wetterdienst.

Einige Daten sind zudem reine Schätzwerte. Zwar gehen Geologen von gut einer Tonne Material pro Sekunde aus, die der Vulkan herausschleudert. Gesichert sind diese Zahlen jedoch nicht. "Es gibt schlicht keine aktuellen Daten. Worauf man sich stützen muss, sind jene erfassten Mengen, die in der Vergangenheit bei Vulkanausbrüchen gefördert worden sind", sagt Tobias Dürig vom Physikalisch Vulkanologischen Labor der Universität Würzburg.

Kritiker wie Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber bemängeln, dass allein wegen dieser Simulation der Luftraum gesperrt wurde. "Wir sprechen von Aschewolken – in den letzten drei Tagen konnte man von Flensburg bis Berchtesgarden keine einzige Wolke sehen" sagt er. Recht hat er – zumindest teilweise.