Forscherstreit Zweifel an deutschem Stammzellen-Durchbruch

Es wurde als Sensation verkauft: Ein Deutscher habe Stammzellen aus Hoden gewonnen, hieß es 2008. Nun kritisiert ein Forscherkollege, die Zellen seien keine Alleskönner.

Arbeit in einem gewöhnlichen Stammzellen-Labor: Der Forscher Hans Schöler hat die Ergebnisse seines Kollegen Skutella geprüft und glaubt dieser habe falsche Schlussfolgerungen gezogen. Skutella will Stammzellen aus menschlichen Hoden gewonnen haben

Arbeit in einem gewöhnlichen Stammzellen-Labor: Der Forscher Hans Schöler hat die Ergebnisse seines Kollegen Skutella geprüft und glaubt dieser habe falsche Schlussfolgerungen gezogen. Skutella will Stammzellen aus menschlichen Hoden gewonnen haben

Stammzellen sind begehrte Objekte. Schließlich können sie sich zu jeder beliebigen Körperzelle entwickeln und wecken so die Hoffnung, eines Tages Krankheiten wie Parkinson behandeln oder sogar heilen zu können. Und die Zellen sind umso begehrter, je leichter sie sich herstellen lassen, je geringer die ethischen Bedenken sind.

Deshalb erregte 2008 die Arbeit eines deutschen Forschers viel Aufmerksamkeit. Thomas Skutella vom Zentrum für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin (ZRM) an der Tübinger Universität beschrieb im Fachblatt Nature eine kleine Sensation: Wie sein Forscherteam aus dem Hodengewebe von Patienten Zellen gezüchtet hatte mit all den Vorteilen von Stammzellen , aber ohne dafür Embryos zu töten oder Viren in die Zellen zu schleusen.

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Zwei Jahre später melden einige Forscher Bedenken an der Arbeit an. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin (MPI) in Münster hat nun eine Kritik in Nature veröffentlicht , in der er den Gegenbeweis antritt: Skutellas Zellen seien keineswegs Stammzellen. Das, was eine Stammzelle ausmache, die Pluripotenz, die Fähigkeit sich in jede beliebige Körperzelle entwickeln zu können, fehle diesen Zellen.

Zu diesem Ergebnis ist Schöler gelangt, nachdem er versucht hat, Skutellas Arbeit nachzumachen. "Es wäre wunderbar gewesen, wenn es sich tatsächlich um pluripotente Stammzellen gehandelt hätte", sagte Schöler dem Tagesspiegel . "Stattdessen haben wir und andere Arbeitsgruppen viel Zeit und Geld unnötig verschwendet, um zu dem vorliegenden traurigen Ergebnis zu gelangen."

Die Zellen

In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.

Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.

Was können sie?

Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.

Umstrittene Forschung

In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.

In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 vorverlegt.

Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.

iPS

Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mit Hilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.

Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.

Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen

Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.

Für seine Kritik verweist Schöler auf mehrere Punkte: So habe Skutella seine Zellen bis heute nicht anderen Arbeitsgruppen gegeben. Dazu verpflichten sich Forscher, die ein Manuskript bei Nature einreichen, aber explizit. Trotz häufiger Anfragen, habe er die Zellen nie zu Gesicht bekommen. Tatsächlich veröffentlichte Skutella im Sommer 2009 eine Ergänzung seiner Arbeit: Die Einverständniserklärung der Patienten erlaube es nicht, die Zellen weiterzugeben. Das habe die Ethikkommission der Universität beschlossen.

Schöler spart deshalb nicht mit Kritik: In einer Stellungnahme des MPI heißt es, bei Stammzellforschern wachse der Zweifel, ob die Zellen überhaupt existierten. In seiner Korrektur hatte Skutella auch angekündigt, dass er nun weitergehende Einverständniserklärungen einzelner Patienten habe. "Diese Zellen werden nun vermehrt und nach Qualitätstests an andere Wissenschaftler verteilt", heißt es in dem Text. Bisher hat Skutella aber keine Zellen geliefert. Das werde in den nächsten Monaten aber passieren, sagt Skutella.

Leser-Kommentare
  1. Die Unabhängigkeit von embryonalen Stammzellen, die Suche nach Alternativen, rechtfertigt auch "die Verschwendung von Zeit und Geld". Was passiert denn in der Naturwissenschaft so direkt und ohne Umwege, wie es sich die MitarbeiterInnen aus der Controlling-Abteilung vorstellen?

    Selbst das Nachkochen von publizierten Synthesen in der Chemie erfordert bisweilen Improvisationsvermögen und starke Nerven.

    Also: weitersuchen, bis es klappt. Wie alle Naturwissenschaftler, die forschend tätig sind.

  2. "Zahlreiche Gruppen in der ganzen Welt kämpfen darum, den nächsten Durchbruch zu schaffen, neue Alleskönnerzellen zu präsentieren."
    Schon 2007 gelang es Forschern, aus Fibroblasten induzierte pluripotente Stammzellen herzustellen.

    http://www.ncbi.nlm.nih.g...

    und

    http://www.ncbi.nlm.nih.g...

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