Am Tag danach erinnern verbogene Schilder, Stoff- und Papierfetzen und Kreidezeichnungen am Boden an das Unglück auf der Loveparade in Duisburg © Christoph Reichwein/Getty Images

ZEIT ONLINE : Herr Helbing, nach einer Massenpanik auf der Loveparade starben bis Montagabend insgesamt 20 Menschen, mehr als 500 wurden verletzt. Aus Sicht des Panikforschers: Was ist in Duisburg passiert?

Dirk Helbing : Die Szenen im Fernsehen und auf YouTube sind erschütternd – und doch sind sie typisch für das, was Medien als Massenpanik und die Wissenschaft als crowd disasters bezeichnen: Eine große Menschenansammlung drängt in eine Art Flaschenhals. Von hinten rücken ständig Leute nach. Es wird immer dichter, Menschen fühlen sich bedroht und versuchen zu fliehen. Wenn es wie in Duisburg zum Äußersten kommt, wirken enorme Kräfte auf die Menschen in der Menge. Im Extremfall ist das, als würde einem ein Fahrzeug auf dem Brustkorb lasten.

ZEIT ONLINE : Durch einen Tunnel, der zugleich als Ausgang diente, wurden die Besucher aufs Gelände geleitet. Da reicht der gesunde Menschenverstand, um zu begreifen, dass dabei etwas schiefgehen muss.

Helbing : Wie es dazu gekommen ist, kann ich aus der Ferne noch nicht einschätzen, das muss jetzt untersucht werden. Sicherlich kann eine Rolle gespielt haben, dass die Sicherheitsbewertung von einer deutlich geringeren Teilnehmerzahl ausgegangen ist als tatsächlich vorlag.

ZEIT ONLINE : Gilt generell: je mehr Aus- und Eingänge, desto sicherer eine Veranstaltung?

Helbing : Ja. Wichtig ist außerdem, dass es genug Möglichkeiten gibt, um Menschenströme ab- und umzuleiten. Bei Großereignissen versucht man normalerweise einen Plan B in der Hinterhand zu haben, der einsatzbereit ist, bevor es zu kritischen Dichten kommt. Es ist von Vorteil Massenveranstaltungen dieser Größenordnung in ein- und derselben Stadt zu wiederholen, wenn es bereits gute Erfahrungen gibt. In Berlin etwa stellt sich die Situation ganz anders da. Hier gibt es bei solchen Ereignissen mehrere Zu- und Ausgänge und viel mehr Ausweichflächen.