PaläoanthropologieForscher sequenzieren Ötzis Erbgut

Deutsche und italienische Wissenschaftler haben das Genom der Gletschermumie zusammengesetzt. Doch was uns Ötzis genetischer Code verrät, ist noch ungewiss. von dpa

Welche Geheimnisse schlummern in dem Kerl aus dem Eis? Forscher aus Deutschland und Italien fahnden nach Antworten im Erbgut der Gletschermumie Ötzi. Denn erstmals liegt offenbar die Sequenz des Genoms des Mannes vor, der vor rund 5300 Jahren in Eis und Schnee in den Ötztaler Alpen ums Leben kam. "Wir haben 95 Prozent der DNA gelesen", sagt Carsten Pusch vom Institut für Humangenetik und Anthropologie der Universität Tübingen.

Im Vergleich zu anderen mumifizierten Toten, konnte das Erbgut von Ötzi deutlich leichter und mit weniger Fehlern sequenziert werden. "Wir haben das große Glück, dass der Kerl so lange auf Eis lag", sagt Puschs Vorgesetzter Nikolaus Blin ZEIT ONLINE. "Bei der Analyse der mumifizierten Überreste des ägyptischen Pharaos Tutanchamun findet man neben dessen DNA zum Beispiel auch das Erbgut von Pflanzen und Bienen." Das stamme aus den Ölen und dem Bienenwachs, die für die Einbalsamierung verwendet wurden. Tutanchamuns DNA mussten die Forscher daher mühselig zusammensuchen. Auch der Humangenetiker Pusch war an der Erbgutanalyse des ägyptischen Königs beteiligt.

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Der Gletschermann Ötzi hingegen wurde rasch von der Kälte der Gletscherspalte konserviert, als er im Alter von 46 Jahren starb. Seine Leiche wurde 1991 beim Tisenjoch in den Ötztaler Alpen nahe der österreichisch-italienischen Grenze gefunden. Er wurde offenbar von einem Pfeil getroffen und dann vermutlich mit einem Keulenschlag getötet. Doch die genaue Todesursache wird immer wieder infrage gestellt . Aus Ötzis Beckenknochen nahmen die Forscher um Pusch nun Proben. Hieraus extrahierten sie DNA-Fragmente.

Auch Albert Zink war an der Entzifferung des Ötzi-Genoms beteiligt. Er ist der Leiter des Instituts für Mumien und den Gletschermann an der Europäischen Akademie in Bozen (EURAC) . Hier in Südtirol ist Ötzi seit 1998 im Archäologiemuseum ausgestellt. Für Zink bergen die nun vorliegenden DNA-Daten "ein Universum an Möglichkeiten".

Neben der Frage, ob Ötzi noch Nachfahren hat, interessiert sich Zink ganz besonders für dessen Krankheitsgeschichte. So könnte das Erbgut Spuren von heute häufigen Leiden wie etwa Diabetes, Krebs oder Alzheimer tragen. Denn bestimmte Genveränderungen könnten eventuell diese Krankheiten ausgelöst haben. "Mit etwas Glück können wir so vielleicht auch dazu beitragen, etwas gegen diese Krankheiten zu unternehmen – das wäre für mich die Brücke zwischen Erforschung von Vergangenheit und Gegenwart", sagt Zink. 

Zinks Hoffnung ist kühn. Schließlich wissen die Forscher nicht, wonach sie Ausschau halten sollen. Bis heute sind diese Krankheiten nicht bis ins letzte Detail erforscht, geschweige denn ihre möglichen genetischen Ursprünge verstanden. Nichtsdestotrotz wollen die Wissenschaftler sich nun auf die Suche in Ötzis DNA begeben. Erste Ergebnisse und Rückschlüsse aus den vielen Daten sollen aber erst zum 20. Jahrestag der Entdeckung der Mumie 2011 präsentiert werden.

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Leserkommentare
  1. Die Finder von Ötzi haben einen beachtlichen Finderlohn erhalten, weil das Gericht den Gletschermann nicht als Leiche, sondern als archäologisches Fundstück einstufte. Wäre es eine Leiche gewesen, dann hätten die Finder mit der Meldung lediglich ihre Pflicht erfüllt und keinen Anspruch auf Belohnung gehabt. Das dürfte klar sein. Unklar ist hingegen, was die in der Einleitung des Artikels genannten italienischen Wissenschaftler mit der Sache zu tun haben. Aus dem Txt geht nicht hervor, dass da irgendwelche Italiener beteiligt wären.

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    Bozen (Bolzano) ist eine Stadt in Italien - die dort tätigen Mitarbeiter sind folglich Italiener.

  2. Bozen (Bolzano) ist eine Stadt in Italien - die dort tätigen Mitarbeiter sind folglich Italiener.

    • Tiroler
    • 03. August 2010 23:57 Uhr

    StefanieKH verkennt die Tatsachen. Bozen ist die Landeshauptstadt von Süd-Tirol, einem Land, in dem laut jüngster Volkszählung nur etwa 25 Prozent der Bevölkerung Italiener sind. Von denen ist aber niemand an der Ötzi-Forschung beteiligt. Ich bitte das zur Kenntnis zu nehmen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Alzheimer | Biene | DNA | Diabetes | Erbgut | Genom
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