Genetik Die Zelle fällt nicht weit vom Stamm

Reprogrammierte Zellen sind Stammzellen nicht ebenbürtig. Denn iPS-Zellen "erinnern" sich an ihr früheres Leben. Ihr Einsatz wird dadurch erschwert.

Nur scheinbar gleich: In der Petrischale sehen zu Stammellen umprogrammierte Zellen zwar alle gleich aus. Aber wie sich jetzt zeigte, behalten sie bestimmte Eigenschaften ihres alten Zelltyps

Nur scheinbar gleich: In der Petrischale sehen zu Stammellen umprogrammierte Zellen zwar alle gleich aus. Aber wie sich jetzt zeigte, behalten sie bestimmte Eigenschaften ihres alten Zelltyps

Die Vergangenheit ist eine klebrige Sache. Das gilt offenbar auch für Zellen. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Zellen, die zu Stammzellen reprogrammiert werden, einen Teil ihrer alten Eigenschaften behalten. Das könnte ein Hindernis auf dem Weg zur Anwendung solcher Stammzellen in der Medizin sein.

Bei den Untersuchungen geht es um Zellen, die mit einem Trick in Stammzellen verwandelt werden. Ende 2006 hatten japanische Forscher berichtet, dass sie mit einem Virus vier Gene in die Hautzelle einer Maus schleusen und sie so in den Zustand einer Stammzelle zurückzwingen konnten. "Induzierte pluripotente Stammzellen" (iPS-Zellen) nannten sie diese reprogrammierten Alleskönner – und öffneten damit ein ganz neues Forschungsfeld, in dem sich heute zahlreiche Weltklasselabors ein Wettrennen um den nächsten Durchbruch liefern. Denn eines ist klar: Aus diesem Stoff sind Nobelpreise gemacht.

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Die Zellen

In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.

Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.

Was können sie?

Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.

Umstrittene Forschung

In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.

In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 vorverlegt.

Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.

iPS

Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mit Hilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.

Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.

Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen

Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.

Schließlich können sich die künstlich verjüngten Zellen in jedes beliebige Gewebe des Körpers entwickeln, ob Haut-, Nerven- oder Knochenzellen. Darum hoffen Forscher damit eines Tages zahlreiche Krankheiten behandeln zu können. Noch dazu umgehen iPS-Zellen all die ethischen Probleme, die Stammzellen aus Embryonen mit sich bringen.

Bisher waren sich die Forscher allerdings nicht einig, ob iPS-Zellen den embryonalen Stammzellen wirklich ebenbürtig sind. Erst im vergangenen Jahr zeigte eine Arbeitsgruppe in China, dass sich aus der iPS-Zelle einer Maus eine ganz neue Maus entwickeln kann, der bisher beste Beleg dafür, dass iPS-Zellen all das schaffen, was embryonale Zellen auch können.

Wissenschaftler um George Daley vom Institut für Stammzellen der Universität Harvard haben die iPS-Zellen von Mäusen nun untersucht, um herauszufinden, wie viel von ihrem alten Zellleben noch in ihnen steckt. Die Antwort, die sie im Fachblatt Nature veröffentlichen, lautet: viel. Die Forscher stellten fest, dass iPS-Zellen, die aus Blut gemacht wurden, sich leichter wieder zu Blut verwandeln ließen, als etwa iPS-Zellen, die aus Haut- oder Gehirnzellen gemacht wurden. "IPS-Zellen haben eine Art Erinnerung an das Gewebe, aus dem sie stammen", sagt Daley.

Diese Erinnerungen werden in Form von epigenetischen Signalen gespeichert. Darunter verstehen Forscher all jene Signale, die unsere Gene regulieren, also darüber entscheiden, wann welche Teile unseres Erbgutes abgelesen oder ignoriert werden. Sie sind der entscheidende Unterschied etwa zwischen einer Herz- und einer Fettzelle. Beide tragen dieselbe genetische Information, aber jede Zelle liest nur den Teil des Erbgutes ab, den sie benötigt. Alle anderen Gene schaltet sie ab.

Eigentlich sollten genau diese epigenetischen Markierungen bei der Reprogrammierung einer Zelle zur Stammzelle rückgängig gemacht werden. Aber offenbar gelingt das nur teilweise. Das bestätigt auch eine zweite Forschergruppe, die ihre Ergebnisse im Fachmagazin Nature Biotechnology veröffentlicht hat. Das Team um Konrad Hochedlinger , ebenfalls von der Harvard-Universität, untersuchte Stammzellen, die aus verschiedenen Zellytpen einer einzigen Maus hergestellt wurden.

Sie verglichen das Muster der Genaktivität in diesen Zellen und stellten fest, dass in Stammzellen, die aus Muskelzellen hergestellt wurden, noch viele Muskelgene aktiv waren. Dagegen waren in Stammzellen, die aus Immunzellen hergestellt wurden, andere, für Immunzellen wichtige Gene aktiv. Diese Unterschiede waren größer als die zwischen Stammzellen, die zwar aus Zellen verschiedener Tiere, aber dem gleichen Zelltyp hergestellt wurden.

"Das ist ein Segen und ein Fluch zugleich", sagt Andrew Feinberg, der an der Forschungsarbeit beteiligt war. Denn wenn es tatsächlich darum geht, aus einer Stammzelle, die ursprünglich eine Blutzelle war, neue Blutzellen herzustellen, könnte das die Arbeit erleichtern. Für eine Anwendung in der Medizin könnte das Phänomen aber hinderlich sein. "Es muss dringend untersucht werden, inwiefern das langfristig zu Schäden führen kann", sagt der Kölner Stammzellforscher Jürgen Hescheler . Es sei gut möglich, dass diese Veränderungen nicht weiter schlimm seien. "Aber es ist an der Zeit, auch den Mechanismus der Reprogrammierung wirklich zu erforschen. Ich bin enttäuscht, dass es da kaum Fortschritte gibt."

Und er sieht eine weitere Lehre: "Das zeigt eben auch, dass wir auf embryonale Stammzellen nicht verzichten können." In der Eizelle würden die epigenetischen Markierungen fast vollständig gelöscht. "Das ist das Vorbild. Deswegen sollten wir alle Experimente, die mit iPS-Zellen gemacht werden, immer auch mit embryonalen Stammzellen wiederholen", sagt Hescheler.

Diesem Vorbild folgt auch eine andere Art und Weise, Stammzellen herzustellen: Der Kerntransfer. Bei dieser Technik, die auch angewandt wurde, um das Schaf Dolly zu klonen, wird der Kern einer erwachsenen Zelle in eine Eizelle gegeben, deren Kern zuvor entfernt wurde. Dadurch wird die Zelle, wie nach einer Befruchtung, in einen ursprünglichen Zustand versetzt. Die Arbeitsgruppe von Daley untersuchte auch diese Zellen und kam zu dem Ergebnis, dass sie im Gegensatz zu iPS-Zellen kaum eine Erinnerung an ihre Vergangenheit haben. Die Methode hat aber zwei entscheidende Nachteile: Es werden dafür Eizellen benötigt und bisher ist es beim Menschen nicht gelungen, auf diese Art und Weise Stammzellen herzustellen.

Allerdings verlieren auch iPS-Zellen mit der Zeit langsam ihre "Erinnerung". "Die komplette Reprogrammierung von Zellen ist offenbar ein langsamer Prozess, der in den iPS-Zellen noch weiterläuft", sagt Hochedlinger. In seiner Arbeit konnte er zeigen, dass Zellen, die länger im Labor gehalten wurden, sich weniger in ihrer Epigenetik unterscheiden. Sie ließen sich auch leichter in Zelltypen verwandeln, die nicht ihrem Ursprung entsprechen.

(Erschienen im Tagesspiegel vom 20.07.2010)

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Wow !

    Mäuse aus Hautzellen - stark! Gehe ich recht in der Annahme, dass man dann auf alle männlichen oder alle weiblichen Mäuse verzichten kann? Das würde bedeuten, dass z. B. die Arche nur noch halb so groß sein muss, und das würde bedeuten, dass der Mensch sich nur noch halb so viel um Gottesstrafen Sorgen machen muss. Ein wichtiger Forschungszweig!

    Außerdem könnte man sehr leicht einen genetischen Schalter ins Mäusegen einbauen, das dann z. B. per iPad-App den spontanen Herztod verursacht, wenn sich die Maus in die Nähe einer Speisekammer bewegt.

    Das wäre besonders interessant für Entwicklungsländer, wo oft jedes Getreidekorn zählt, und eine satte Maus ein totes Kind bedeuten kann. Natürlich müsste gleichzeitig mit den Gentransfers sichergestellt werden, dass die One-Laptop-Per-Child-Computer Zugriff auf Apples-App-Shop bekommen, um die Mouse-Killer-App runterladen zu können. Ich fürchte, dass gerade das den schönen Plan kippen lassen könnte, bedenkt man wie eifersüchtig Steve seine sonstigen Gebietsansprüche gegen fabrikatsfremde Interessenten verteidigt.

    Apples Egoismus könnte am Ende die ganzen Stammzellen- und Genetikforschung ad absurdum führen. Was bringt die Forschung, wenn sie niemandem hilft? Was bringt es, wenn wir fernsteuerbare Nager haben, die am Ende aber nur eine Freak-Show ergeben? Wir müssen fragen, ob der plötzliche Herztod nicht auch mit Tiefen-Hypnose erreichbar wäre? Das brächte zusätzliche Hypnotiseur-Arbeisplätze und könnte zusätzlich Raucher heilen!

  2. ... dann soll man doch einfach mal still sein. Hier hat doch offensichtlich jemand nicht verstanden, um was es geht, und dann munter Technikhass mit allgemeinem Forschungsmisstrauen vermengt, ohne auch nur die geringste Ahnung von einem von beiden zu haben. Hier also ein bisschen Aufklärung:
    1. Man benutzt Mäuse als Modelltiere für den menschlichen Organsimus. Man will keine verbesserte oder veränderte Mäusespezies schaffen, sondern Erkenntnisse gewinnen, die in den allermeisten Fällen für den Menschen von medizinischer Relevanz sind. Da aber auf oberer Regierungsebene mehr Leute von Ihrem Kaliber vertreten sind, benutzt man Mäusezellen für die Grundlagenforschung.
    2. "Eine Maus aus einer Hautzelle machen" heißt nicht, dass sich die Hautzelle einfach so zur Maus entwickelt. Man nimmt ihren Zellkern und setzt ihn in eine Eizelle ein - daraus wird dann die Maus. Also bruachen wir immer noch weibliche Mäuse.
    3.iPS Zellen sind ein sehr wichtiger Forschungszweig, weil sie es hoffentlich ermöglichen, auf embryonale Stammzellen zu verzichten. Das hat nicht nur ethische Vorteile, sondern auch praktische: sogar Leuten wie Ihnen, die sich der Forschung erst öffnen, wenn es ihnen gesundheitlich an den Kragen geht, kann man noch helfen - auch aus Ihren Hautzellen könnten dann iPS Zellen gewonnen werden, um Ersatzorgane zu züchten oder Ihr von der Cheme zerstörtes hemapoetisches System wiederaufzubauen.

    Aber das alles wird Ihnen dann ja hoffentlich mal ein geduldiger Arzt erklären.

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