Ein Kunde steht am Bio-Gemüsestand. "Sind da Gene drin", fragt er und zeigt auf die Strauchtomaten. "Ich hoffe doch", sagt die Marktfrau. Da geht der Mann weiter. Gen-Tomaten will er nicht.

Das Beispiel zeigt, wie wenig viele Menschen über Gene wissen. Dieses Unwissen ist gefährlich, wie sich in der Sarrazin-Debatte offenbart. "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden", hatte Thilo Sarrazin gesagt und es dann halbherzig zurückgenommen. Diese Behauptung ist nicht nur rassistisch. Sie ist auch wissenschaftlicher Unsinn.

Seit Längerem weiß man, dass das Erbgut von Mensch und Schimpanse zu mehr als 99 Prozent aus identischen Genen besteht. Beide unterscheiden sich dennoch, weil die Anzahl von Kopien bestimmter Gene im Erbgut verschieden ist und es in der Sequenz der DNA winzige Veränderungen (SNPs) gibt. Vergleicht man zwei Menschen, sind sogar 99,9 Prozent aller Gene gleich. Nur 0,1 Prozent des gesamten Genoms machen all das aus, was einen Menschen vom anderen trennt. Allerdings gibt es jedes Gen in unzähligen Variationen. Diese Mutationen können vererbt werden, andere entstehen neu. Manche führen zu Erbkrankheiten oder wirken sich anders auf den Menschen aus – andere sind völlig belanglos.

Zwar lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse und die Herkunft anhand bestimmter Merkmale zurückverfolgen – vor allem an den SNPs. Doch diese Gen-Abschnitte sind kaum entscheidend dafür, welche Eigenschaften jemand hat. Genetisch können sich außerdem ein Deutscher und ein Chinese ähnlicher sein als zwei Briten, die Tür an Tür leben. Krankheiten, körperliche Merkmale und die Grundvoraussetzungen für bestimmte Fähigkeiten (auch für den angeborenen Anteil an Intelligenz) werden fast immer von einer Vielzahl genetischer Faktoren bestimmt. Hinzu kommen kulturelle und soziale sowie viele andere Umwelteinflüsse.

Schon lange haben sich Wissenschaftler deshalb davon verabschiedet, dass allein unsere Gene darüber entscheiden, was für Menschen wir werden. Ein ganzes Forschungsfeld – die Epigenetik – widmet sich sogar der Erkenntnis, dass nicht nur das Erbgut den Menschen beeinflusst, sondern auch der Mensch seine Gene.

Wer in der aktuellen Debatte mitreden will, sollte also mehr über Genetik wissen, als die Mendelschen Gesetze zu kennen. In Zeiten von Stammzellforschung, genmanipulierten Lebensmitteln und Sarrazin-Parolen schützt nur ein gutes Allgemeinwissen davor, auf populistische Propaganda hereinzufallen.