Mathematik Medaillen für die besten Tüftler

Sie erforschen, wie Billardkugeln rollen oder Galaxien entstehen und lösen knifflige Rätsel. Jetzt wurden die besten Mathematiker ausgezeichnet. Von C. Drösser, Hyderabad

Im Billard-Spiel steckt eine Menge Mathematik

Im Billard-Spiel steckt eine Menge Mathematik

In diesem Jahr trifft sich die internationale Mathe-Elite in Zentralindien. Hier, im Kongresszentrum von Hyderabad, hat die indische Präsidentin Pratibha Patil am Donnerstagmorgen die Fields-Medaillen verliehen, die als "Nobelpreise der Mathematik" gelten. Zugleich wurden drei weitere Preise an herausragende Mathematiker vergeben. Mit dem Festakt begann der Internationale Mathematikerkongress (ICM) , der noch bis zum 27. August stattfindet.

Zwar werden die Fields-Medaillen gern mit dem Nobelpreis verglichen, aber es gibt einige wichtige Unterschiede: Sie werden nur alle vier Jahre verliehen. Das Preisgeld ist mit 15.000 kanadischen Dollar eher bescheiden. Vor allem aber dürfen die Preisträger nicht älter als 40 Jahre sein. Es werden also relativ junge Wissenschaftler geehrt, deren bahnbrechende Entdeckungen aus den letzten Jahren stammen – während ein Forscher den Nobelpreis oft erst Jahrzehnte nach seinen wichtigsten Arbeiten bekommt.

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Die Internationale Mathematische Union (IMU) entschied sich in diesem Jahr, die maximale Zahl von vier Fields-Medaillen voll auszuschöpfen.

Die Preisträger:
Cédric Villani (36), Leiter des Institut Henri Poincaré in Paris , hat sich vor allem mit der Entropie beschäftigt, der Tendenz physikalischer Systeme, zu einem Gleichgewicht zu streben und dabei unwiderruflich an Unordnung zuzunehmen*. Er griff physikalische Ideen des österreichischen Physikers Ludwig Boltzmann aus dem 19. Jahrhundert sowie des sowjetischen Physikers Lew Landau auf.* Seine rein mathematischen Beweise finden Anwendung bei der Erforschung von Plasma (dem vierten Aggregatzustand der Materie), aber auch bei der Erklärung dafür, wie sich Galaxien bilden.

Elon Lindenstrauss (40) von der Hebräischen Universität in Jerusalem hat neue Erkenntnisse über ergodische Systeme gefunden – das sind dynamische Systeme, mit denen man ursprünglich die Himmelsmechanik erklärt hat. Ein typisches ergodisches System ist ein Billardball, den man auf einem unregelmäßig geformten Billardtisch reibungsfrei seine Bahn ziehen lässt. Seine tief greifenden Einsichten über diese Systeme fanden auch eine überraschende Anwendung in der Zahlentheorie und beim Verständnis von Quantensystemen.

Ngô Bảo Châu (38) von der Université Paris-Sud in Orsay hat das "Fundamentale Lemma" in der Theorie der automorphen Formen bewiesen. Dabei geht es um einen visionären Ansatz des Mathematikers Robert Langlands aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, der versprach, viele anscheinend weit entfernte Gebiete der modernen Mathematik zu vereinheitlichen, darunter die Zahlentheorie, die Gruppentheorie und die Algebraische Geometrie. Allerdings verrannte sich Langlands bei einem Problem, eben dem angesprochenen Lemma, dessen Beweis er ursprünglich für eine Übungsaufgabe gehalten hatte. Ngô konnte dieses Problem, an dem sich die Mathematiker jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hatten, nun lösen.

Stanislaw Smirnow (40) von der Universität Genf beschäftigt sich mit Perkolationen – die treten in der Physik immer dann auf, wenn ein Material "durchlöchert" wird. Ein typisches Problem: Wie viel Prozent der Masse eines Steins muss man in Form kleiner Löcher entfernen, damit er zu einem wasserdurchlässigen "Schwamm" wird? Und hängt diese Zahl von der Anordnung der Löcher und von ihrer Größe ab? Das ist ein Problem der fraktalen Mathematik, zu dem Smirnow einige Erkenntnisse beitrug – ebenso wie zum Ising-Modell, einer ähnlich verzweigten mathematischen Struktur, die physikalische Vorgänge beschreibt.

Außerdem wurden in Hyderabad noch drei weitere Preise vergeben: Der Rolf-Nevanlinna-Preis an den Informatiker Daniel Spielman (40) von der Yale-Universität, der Carl-Friedrich-Gauß-Preis an Yves Meier (71) von der französischen École Normale Supérieure in Cachan und die Chern-Medaille an Louis Nirenberg (85) von der New York University.

Die Mathematiker blieben damit einer Tradition treu: Die geheimen Kommissionen bestimmten nur Männer zu Preisträgern. Dafür wählte das Exekutivkomitee der IMU mit der Amerikanerin Ingrid Daubechies aber erstmals eine Frau zur Präsidentin der Organisation. Im Amt bestätigt wurde der Generalsekretär Martin Grötschel vom Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik (ZIB) in Berlin.

Ebenfalls in Berlin, nämlich am Weierstraß-Instituts für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS) , wird künftig der Hauptsitz der Internationalen Mathematischen Union angesiedelt sein.

*Text von der Redaktion geändert

 
Leser-Kommentare
  1. "Er griff physikalische Ideen des deutschen Physikers Ludwig Boltzmann aus dem 19. Jahrhundert sowie des sowjetischen Physikers Lew Landau auf."

    ... war Ludwig Boltzmann, um den geht es ja wahrscheinlich, Oesterreicher: http://de.wikipedia.org/w...

  2. "Die Mathematiker blieben damit einer Tradition treu: Die geheimen Kommissionen bestimmten nur Männer zu Preisträgern."

    ... wird die Zeit jetzt ne Frauenquote bei der Fields-Medaille fordern?

    Dabei ist doch schon statistisch klar dass hauptsaechlich Maenner eine Fields-Medaille bekommen: einfach weil die meisten Mathematiker Maenner sind.

    • Ourea
    • 19.08.2010 um 9:50 Uhr

    zu Ihrem ersten Posting:
    Seit wann gilt Wikipedia als zitierbare Quelle? Allerdings ist er meines Wissens in der Tat in Wien geboren.

    zu Ihrem zweiten:
    Ich finde den zitierten Satz ebenfalls etwas seltsam.
    Dennoch glaube ich nicht, dass die meisten Mathematiker Männer sind. Ich kenne sehr viele Mathematikerinnen! Liegen Ihnen aktuelle Zahle vor?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist von ca. 15 auf max. 25 Prozent angestiegen. Seitdem man Mathematik studieren kann sind deutlich mehr Männer als Frauen inskribiert.

    • Flodo
    • 19.08.2010 um 10:42 Uhr

    In wissenschaftlichen Arbeiten sind generell nur Primärquellen zitierbar. Mit den korrekten bibliografische Angaben insbesondere dem Permanentlink und der Versionsnummer steht Wikipedia aber auf einer Stufe mit z.B. der Encyclopædia Britannica was die (Nicht-)Zitierbarkeit betrifft. Die Verlässlichkeit der Information ist übrigens nach einer Studie der Nature auch vergleichbar.

    In einem Online-Forum ist Wikipedia aber immer eine belastbarere Quelle als die Angabe "meines Wissens".

    In einer wissenschaftlichen Veroeffentlichung waere die Angabe der Wikipedia als Quelle natuerlich keine gute Idee.

    Bei einem solchen Fall wie hier ist der Verweis auf die Wikipedia jedoch eine gute Methode eine Person darauf hinzuweisen seine Behauptungen nochmals zu ueberpruefen. Und selbst in der Wikipedia sind in den meisten Faellen weitere Quellen velinkt.

    Gruessle

    ist von ca. 15 auf max. 25 Prozent angestiegen. Seitdem man Mathematik studieren kann sind deutlich mehr Männer als Frauen inskribiert.

    • Flodo
    • 19.08.2010 um 10:42 Uhr

    In wissenschaftlichen Arbeiten sind generell nur Primärquellen zitierbar. Mit den korrekten bibliografische Angaben insbesondere dem Permanentlink und der Versionsnummer steht Wikipedia aber auf einer Stufe mit z.B. der Encyclopædia Britannica was die (Nicht-)Zitierbarkeit betrifft. Die Verlässlichkeit der Information ist übrigens nach einer Studie der Nature auch vergleichbar.

    In einem Online-Forum ist Wikipedia aber immer eine belastbarere Quelle als die Angabe "meines Wissens".

    In einer wissenschaftlichen Veroeffentlichung waere die Angabe der Wikipedia als Quelle natuerlich keine gute Idee.

    Bei einem solchen Fall wie hier ist der Verweis auf die Wikipedia jedoch eine gute Methode eine Person darauf hinzuweisen seine Behauptungen nochmals zu ueberpruefen. Und selbst in der Wikipedia sind in den meisten Faellen weitere Quellen velinkt.

    Gruessle

  3. ist von ca. 15 auf max. 25 Prozent angestiegen. Seitdem man Mathematik studieren kann sind deutlich mehr Männer als Frauen inskribiert.

    Antwort auf "an: pu_king81"
  4. Ludwig Boltzmann war Österreicher, nicht deutsch!

    • Flodo
    • 19.08.2010 um 10:42 Uhr

    In wissenschaftlichen Arbeiten sind generell nur Primärquellen zitierbar. Mit den korrekten bibliografische Angaben insbesondere dem Permanentlink und der Versionsnummer steht Wikipedia aber auf einer Stufe mit z.B. der Encyclopædia Britannica was die (Nicht-)Zitierbarkeit betrifft. Die Verlässlichkeit der Information ist übrigens nach einer Studie der Nature auch vergleichbar.

    In einem Online-Forum ist Wikipedia aber immer eine belastbarere Quelle als die Angabe "meines Wissens".

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "an: pu_king81"
    • quirtz
    • 19.08.2010 um 11:02 Uhr

    1. kleiner Hinweis: der Mann heißt mit Nachnamen Ngô, nicht Châu

    2. Fakt ist : die Mathematik ist immer noch männerdominiert, fragen Sie einen beliebigen Mathematiker ihres Vertrauens. Natürlich gibt es jetzt mehr weibliche Studenten, doch bis die in die Forschung hochwachsen, bleiben halt nur die alten Männer

    3. Wikipedia kann man bei eindeutig verifizierbaren Fakten schon als Quelle heranziehen, ansonsten wird es allerdings abenteuerlich

  5. Zitat aus dem Artikel:
    "hat sich vor allem mit der Entropie beschäftigt, der Tendenz physikalischer Systeme, zu einem Gleichgewicht zu streben und dabei unwiderruflich an Komplexität zu verlieren."

    Müsste mit der Zunahme der Entropie die Komplexität nicht zunehmen?
    Zum Beispiel war vor dem Urknall der "einfachste" bzw. "am wenigsten komplexe" Zustand, mit geringster Entropie (diese nimmt ja ständig zu)
    Oder mit einem anderen Beispiel von S.Hawking:
    Eine Tasse(einfacher Zustand), zerbricht in Scherben(komplexer Zustand).
    Die Tasse fügt sich nicht wieder zusammen.
    Alles droht auseinanderzufallen, zu durchmischen, komplexer zu werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entropie = "Grad der Unordnung/Komplexität" ist nicht zulässig. Diese Aussage wird zwar oft zur Veranschaulichung verwendet, besonders gerne in der Schule da man dort den Schülern immer gerne etwas bildlich erklären will, jedoch ist es in Wirklichkeit nicht so trivial.

    Danke für den Hinweis - mea culpa, ich habe es umformuliert!

    Mit steigender Entropie nimmt die Komplexität ab. Eine Tasse (geringe Entropie) ist viel komplexer als ein Haufen Scherben (große Entropie): Die Scherben kann man beliebig umsortieren, es bleibt im großen und ganzen das gleiche System. Man kann es relativ leicht beschreiben, das heißt, es ist wenig komplex. Dahingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Einzelteile zu einer Tasse zu verbinden, man muss also genau wissen wo welches Stück hinpasst, das ergibt ein sehr komplexes System.

    Kurz nach dem Urknall war die Entropie sehr klein (wobei man bisher noch nicht weiß, warum das so ist). Mit Ausdehnung des Universums breitet sich die Materie und Strahlung aus, nimmt mehr Raum ein und verteilt sich. Im Großen nimmt die Entropie daher zu, auf kleinen Skalen gesehen bilden Systeme wie Galaxien, Sterne und Planeten Inseln geringerer Entropie.

    Entropie kann man durchaus anschaulich als Grad der Unordnung ansehen.

    Entropie = "Grad der Unordnung/Komplexität" ist nicht zulässig. Diese Aussage wird zwar oft zur Veranschaulichung verwendet, besonders gerne in der Schule da man dort den Schülern immer gerne etwas bildlich erklären will, jedoch ist es in Wirklichkeit nicht so trivial.

    Danke für den Hinweis - mea culpa, ich habe es umformuliert!

    Mit steigender Entropie nimmt die Komplexität ab. Eine Tasse (geringe Entropie) ist viel komplexer als ein Haufen Scherben (große Entropie): Die Scherben kann man beliebig umsortieren, es bleibt im großen und ganzen das gleiche System. Man kann es relativ leicht beschreiben, das heißt, es ist wenig komplex. Dahingegen gibt es nur eine Möglichkeit, Einzelteile zu einer Tasse zu verbinden, man muss also genau wissen wo welches Stück hinpasst, das ergibt ein sehr komplexes System.

    Kurz nach dem Urknall war die Entropie sehr klein (wobei man bisher noch nicht weiß, warum das so ist). Mit Ausdehnung des Universums breitet sich die Materie und Strahlung aus, nimmt mehr Raum ein und verteilt sich. Im Großen nimmt die Entropie daher zu, auf kleinen Skalen gesehen bilden Systeme wie Galaxien, Sterne und Planeten Inseln geringerer Entropie.

    Entropie kann man durchaus anschaulich als Grad der Unordnung ansehen.

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