Wissenschaft Ist ein Jahrtausendproblem der Mathematik gelöst?

Klar ist nur: Ein Spinner ist er nicht. Vinay Deolalikar glaubt eines der Millenniumsprobleme der Mathematik gelöst zu haben. Experten weltweit prüfen nun seinen Beweis.

Update (13.8.10): Inzwischen gibt es sehr ernsthafte Einwände gegen den angeblichen Beweis, sie stammen von Neil Immerman, einer anerkannten Koryphäe auf dem Gebiet. Näheres im Blog von Richard Lipton!

Mathematiker sind Gefühlsmenschen. Auch zu Fragen, die noch nicht wirklich entschieden sind, haben die meisten eine Meinung, so ganz aus dem Bauch heraus. Im Jahr 2002 äußerten in einer Umfrage 61 von 100 Mathematikern die feste Überzeugung, dass P und NP verschieden sind. Aber Meinungen zählen in der Mathematik nicht – sie ist eine äußerst undemokratische Wissenschaft. Wenn ein einzelner mit strenger Logik daherkommt und eine Aussage hieb- und stichfest beweist oder widerlegt, dann ist es vorbei mit dem Bauchgefühl.

Nun jedoch könnte das Bauchgefühl der Mehrheit von dem indischstämmigen Mathematiker Vinay Deolalikar bestätigt werden. Und Deolalikar noch dazu reich machen: Die amerikanische Clay Foundation 
zählt nämlich P=NP zu den " Millenniumsproblemen "  der Mathematik, deren Lösung jeweils mit einer Million Dollar dotiert ist. 

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Auf den ersten Blick ist es ein langes, gut geschriebenes Paper eines ernsthaften Forschers

Richard Lipton, Informatiker

Am vergangenen Freitag hat Deolalikar, der im Forschungslabor von Hewlett Packard in Kalifornien arbeitet, an ausgewählte Kollegen eine E-Mail geschickt: "Ich freue mich, einen Beweis verkünden zu können, dass P nicht gleich NP ist." Im Anhang verschickte er eine Version des Beweises in der Schriftgröße 10 Punkt und eine in 12 Punkt – vielleicht aus Rücksicht auf die Forscher, die schon seit knapp 40 Jahren nach der Lösung des Problems suchen. Es wurde 1971 von den Mathematikern Stephen Cook und Leonid Levin aufgestellt.

Doch worum geht es überhaupt? Letztlich um die Unterscheidung von leichten (P) und schweren (NP) Rechenaufgaben. Für Mathematiker ist eine Aufgabe schwer, wenn zwar ein Lösungsweg bekannt ist, aber die Rechnung selbst auf dem schnellsten Computer länger dauern würde als das Alter des Universums. Ein Beispiel für eine leichte Rechnung ist das schriftliche Multiplizieren. Nimmt man zwei n-stellige Zahlen miteinander mal, dann 
muss man n 2 Multiplikationen ausführen. Doppelt so lange Zahlen verlangen die vierfache Zeit, dreimal so lange die neunfache. Mathematisch gesprochen, lässt sich die Rechnung in "polynomialer Zeit" lösen, die Klasse dieser Probleme heißt P.

Ein schweres Problem ist dagegen das folgende: Ein Müllwagen fährt durch die Stadt und muss eine gewisse Zahl von Recyclingcontainern leeren. Welches ist der kürzeste Weg für eine solche Leer-Tour? Eigentlich ein triviales Problem: Man schaut sich alle möglichen Touren an und wählt die kürzeste aus. Die Sache hat nur den Haken, dass die Zahl der möglichen Touren nicht polynomial wächst, sondern viel schneller. Ihr Wachstum lässt sich nicht einmal mit n 1000 oder n 1.000.000 begrenzen. Das Routenproblem, auch "Traveling-Salesman-Problem" oder "Problem des Handlungsreisenden" genannt, gehört zu einer Klasse von Problemen, die mit NP bezeichnet werden. Sie zeichnen sich  durch eine seltsame Asymmetrie aus: Auch wenn ihre Lösung  "schwer" ist – die Überprüfung einer (vermeintlichen) Lösung ist immer eine "leichte" Aufgabe.

Aber vielleicht gibt es für das Problem des Müllwagenfahrers ja doch eine einfachere Lösung als das sture Ausprobieren – nur war noch niemand so schlau, sie zu finden? Ist das anscheinend schwere Problem vielleicht 
letztlich doch ein leichtes? Diese Frage wird mit dem Kürzel "P=NP" umschrieben: Wenn die Gleichung stimmt, dann gehören die schweren und die leichten Rechnungen letztlich doch zur selben Liga.

Das Handlungsreisendenproblem gehört zu der interessanten Klasse der sogenannten NP-vollständigen Probleme, für die gilt (das zumindest ist bewiesen): Wenn eines dieser Probleme in P liegt, dann gilt das für alle, und P ist tatsächlich gleich NP.

Der Mathematiker Deolalikar behauptet dagegen, er habe ein NP-Problem gefunden, von dem er beweisen kann, dass es auf keinen Fall in P liegt. Erklären lässt sich sein Ansatz in ein paar Sätzen nicht, auch prominente Mathematiker geben zu, dass sie ihn nicht "mal einfach so" kommentieren können. Er macht Anleihen bei bislang weit auseinander liegenden Disziplinen – was auch zu erwarten ist, wenn alle nahe liegenden Versuche der letzten Jahrzehnte gescheitert sind.

In einem Wiki stecken nun die Experten der Komplexitätstheorie – zu diesem Zweig der theoretischen Informatik gehört das Problem – die Köpfe zusammen, um das 100-Seiten-Papier zu analysieren. Bislang ist aus diesem virtuellen Konklave weder weißer noch schwarzer Rauch aufgestiegen, bisher bekommt man nur Bauchgefühlaussagen. "Auf den ersten Blick ist es ein langes, gut geschriebenes Paper eines ernsthaften Forschers", mit diesen Worten adelte der angesehene Informatiker Richard Lipton den angeblichen Beweis. Mathematische Blogger bestätigen, dass die Arbeit "den Nonsenstest" besteht, also keinen offensichtlichen Unsinn eines Spinners darstellt.

Die vorherrschende Gefühlslage geht allerdings dahin, dass Deolalikar zwar einen interessanten Beitrag zur Lösung des Problems geleistet hat, dass allerdings die Löcher, Lücken und Irrtümer (von denen einige schon gefunden wurden) das Werk letztlich auseinanderfallen lassen werden. Der Informatikprofessor Scott Aaronson vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge ist sogar bereit, darauf zu wetten: Wenn das Clay-Institut den Beweis tatsächlich akzeptiert und mit einer Million Dollar honoriert, dann legt er selber noch einmal 200.000 Dollar aus der eigenen Tasche drauf. "Wenn tatsächlich bewiesen wird, dass P ungleich NP ist", sagt Aaronson, "dann wird sich mein Leben so dramatisch ändern, dass die 200.000 Dollar nebensächlich sind."

Aber wie gesagt, das alles sind vorerst nur gefühlte Einschätzungen, die nicht viel mehr wert sind als die völlig aus der Luft gegriffene Prognose, die der deutsche Mathematiker Günter Ziegler in seinem vor
ein paar Monaten erschienenen Buch "Darf ich Zahlen?" gemacht hat: Das Problem werde 2012 von einem jungen Inder gelöst. In Zieglers Vision findet der Forscher allerdings eine dritte Antwort auf die Jahrtausendfrage: Sie sei beweisbar unbeweisbar.

Der Artikel wurde gegenüber der usprünglichen Version verändert (ein Fehler in der Definition der NP-Vollständigkeit).

 
Leser-Kommentare
  1. ...ich hatte immer noch die (winzige) Hoffnung, dass P=NP gilt. Das wäre eine wirkliche Sensation gewesen!
    Andersherum sind wir um ein Problem ärmer und um das Problem reicher, dass wir weiterhin viel Grips verschwenden müssen um NP schwere Probleme zu lösen.

    Danke für den guten Artikel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • oooo
    • 11.08.2010 um 20:19 Uhr

    seien sie froh. Die Verschlüsselungstechnolgie beruht darauf, dass NP nicht P ist.

    • oooo
    • 11.08.2010 um 20:19 Uhr

    seien sie froh. Die Verschlüsselungstechnolgie beruht darauf, dass NP nicht P ist.

  2. Danke sehr, Herr Drösser, für diesen interessanten Artikel. Leicht leserlich öffnen Sie einem die Tür zur doch eigentlich sehr interessanten Welt der Mathematik.

    Halten Sie uns auf dem Laufenden. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also ich finds interessant, aber verstandne habe ich kein Wort!

    Das muss nicht unbedingt am Autor liegen, sondern mag an meinem fehlenden mathematischen Verständnis liegen, aber mir ist das ganze vollkommen unklar!
    Hat jemand ne Kindergarten Version für mich?

    Also ich finds interessant, aber verstandne habe ich kein Wort!

    Das muss nicht unbedingt am Autor liegen, sondern mag an meinem fehlenden mathematischen Verständnis liegen, aber mir ist das ganze vollkommen unklar!
    Hat jemand ne Kindergarten Version für mich?

  3. So berauschend fand ich den Beitrag nicht. Anscheinend geht es darum den Eindruck zu gewinnen, dass Mathematiker Gefühle haben und, dass sie sich vorläufig nicht darauf einigen können, was für ein Ei genau gelegt wurde.

    Da ich etwas, aber nicht übermäßig, fit in Komplexitätstheorie bin, versuche ich mich momentan selbst in das paper von Deolalikar einzuarbeiten. Was Deolalikar vorschlägt ist in der Tat nicht undramatisch, jedenfalls für jene, die von P = NP ausgegangen sind. Ich schlage vor, dass wir uns ein wenig gedulden und abwarten. Momentan hege ich äußerste Zweifel an dem Beweis, das am Rande.

    Bis dahin wäre ich, wie mein Vorredner, über mehr erörternde Beiträge dankbar, gerne online, gerne zu verwandten Fragen. Die Printausgabe hat eine andere Leserschaft und damit anderen Interessen. Aber online scheint mir genug Raum für mathematische Spinnereien vorhanden zu sein.

    • oooo
    • 11.08.2010 um 20:17 Uhr

    Stimmt der Beweis, beweist er nicht nur, dass EIN NP- Problem nicht in P-Zeit lösbar ist, sondern dass sie es alle nicht sind.Denn:
    "Wenn eines dieser Probleme in P liegt, dann gilt das für alle." Wenn es also eines der NP-Probleme nicht in P liegt, dann liegt jedes Problem nicht in P.

  4. 7. Seufz

    Die Mathematik ist so schön, faszinierend und leider so schwer.

    Auch hier steht man als Laie nur staunend da. Versteht man überhaupt, worum es geht (ansatzweise), so ist man trotzdem noch fern davon, Inhalt und Bedeutung zu begreifen.

    Mir wird schwindlig beim Versuch, auch nur einen möglichen Ansatz zu denken, wie man P = NP beweisen könnte. Das Gegenteil erscheint zunächst leichter, aber komischerweise überkommt mich da so ein Bauchgefühl, als wäre selbst der Nachweis eines NP ungleich P ein NP-Problem...

    Noch eine Frage an die wirklich Versierten: Wie stellt man fest, ob ein konkretes Problem zu P oder NP gehört? Gibt es da allgemeine Aussagemöglichkeiten oder geschieht dies durch praktische Anschauung des konkreten Problems?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wahrsprecher, tatsächlich: Für gewöhnlich muss man für ein gegebenes Problem einen Algorithmus angeben, der es in P oder NP oder irgendeiner anderen Schwierigkeitsklasse löst. Für bestimmte Fälle gibt es andere Möglichkeiten, meist per Reduktion: Das gegebene Problem auf ein anderes Zurückführen, von dem eine bestimmte Schwierigkeit schon bewiesen ist.
    Und immer gilt dabei zu bedenken, dass P und NP nur zwei von sehr vielen Schwierigkeitsklassen sind, es gibt Probleme, die viel schwerer sind als NP und solche, die viel leichter sind als P.

    PS: Bezugnehmend auf den Satz "...überkommt mich da so ein Bauchgefühl, als wäre selbst der Nachweis eines NP ungleich P ein NP-Problem...". Bitte nicht den Fehler machen und allgemeine Probleme in der "wirklichen" Welt, also etwa mathematische Beweise, mit P und NP assoziieren. Die Komplexitätstheorie bezieht sich auf sehr feste Rahmenbedingungen, die in vielerlei Hinsicht stark idealisiert sind und in denen der Agent, also das Rechenwerk, sehr dumm ist. Beweise in der Komplexitätstheorie wie der, den der Artikel oben zitiert, sind immer meta zu diesem Rechenwerk.

    • dth
    • 11.08.2010 um 22:56 Uhr

    Eigentlich ist das Problem nicht so schwierig, man muss nur die wenige Begriffe wirklich verstehen.

    Zunächst braucht man definieren, was überhaupt Berechenbarkeit bedeutet. Dazu wird die Turingmaschine definiert. Eine solche Maschine besteht aus einer Liste von Anweisungen und einem Bandspeicher. In einer Anweisung kann man immer eine Speicherzelle lesen, schreiben und zur vorherigen oder nächsten wechseln. Der Speicher ist unendlich groß. Die Annahme ist, dass dieses Modell alles beschreibt, was man tatsächlich automatisiert ausrechnen kann. (Nicht beweisbar, Church'sche These).
    Dieses Modell gibt es nun in einer deterministischen Ausführung, in der in Abhängigkeit vom Inhalt einer Speicherzelle der nächste Schritt feststeht, und in einer nicht-deterministischen Variante.
    Dieses Konzept des Nicht-Determinismus ist schwierig zu verstehen, da es in der Realität nicht existiert (außer vielleicht in der Quantentheorie, aber das ist ein anderes Thema). Eine solche Maschine kann in einem Schritt gleichzeitig in mehrere Folgezustände wechseln bzw. die richtige Aktion raten. Sie hält dann mit einem Ergebnis, wenn sie das in einem möglichen Berechnungspfad tut. Dadurch kann die Maschine quasi einen exponentiell großen Suchraum aufspannen und sich erst später für eine Möglichkeit entscheiden.

    Wahrsprecher, tatsächlich: Für gewöhnlich muss man für ein gegebenes Problem einen Algorithmus angeben, der es in P oder NP oder irgendeiner anderen Schwierigkeitsklasse löst. Für bestimmte Fälle gibt es andere Möglichkeiten, meist per Reduktion: Das gegebene Problem auf ein anderes Zurückführen, von dem eine bestimmte Schwierigkeit schon bewiesen ist.
    Und immer gilt dabei zu bedenken, dass P und NP nur zwei von sehr vielen Schwierigkeitsklassen sind, es gibt Probleme, die viel schwerer sind als NP und solche, die viel leichter sind als P.

    PS: Bezugnehmend auf den Satz "...überkommt mich da so ein Bauchgefühl, als wäre selbst der Nachweis eines NP ungleich P ein NP-Problem...". Bitte nicht den Fehler machen und allgemeine Probleme in der "wirklichen" Welt, also etwa mathematische Beweise, mit P und NP assoziieren. Die Komplexitätstheorie bezieht sich auf sehr feste Rahmenbedingungen, die in vielerlei Hinsicht stark idealisiert sind und in denen der Agent, also das Rechenwerk, sehr dumm ist. Beweise in der Komplexitätstheorie wie der, den der Artikel oben zitiert, sind immer meta zu diesem Rechenwerk.

    • dth
    • 11.08.2010 um 22:56 Uhr

    Eigentlich ist das Problem nicht so schwierig, man muss nur die wenige Begriffe wirklich verstehen.

    Zunächst braucht man definieren, was überhaupt Berechenbarkeit bedeutet. Dazu wird die Turingmaschine definiert. Eine solche Maschine besteht aus einer Liste von Anweisungen und einem Bandspeicher. In einer Anweisung kann man immer eine Speicherzelle lesen, schreiben und zur vorherigen oder nächsten wechseln. Der Speicher ist unendlich groß. Die Annahme ist, dass dieses Modell alles beschreibt, was man tatsächlich automatisiert ausrechnen kann. (Nicht beweisbar, Church'sche These).
    Dieses Modell gibt es nun in einer deterministischen Ausführung, in der in Abhängigkeit vom Inhalt einer Speicherzelle der nächste Schritt feststeht, und in einer nicht-deterministischen Variante.
    Dieses Konzept des Nicht-Determinismus ist schwierig zu verstehen, da es in der Realität nicht existiert (außer vielleicht in der Quantentheorie, aber das ist ein anderes Thema). Eine solche Maschine kann in einem Schritt gleichzeitig in mehrere Folgezustände wechseln bzw. die richtige Aktion raten. Sie hält dann mit einem Ergebnis, wenn sie das in einem möglichen Berechnungspfad tut. Dadurch kann die Maschine quasi einen exponentiell großen Suchraum aufspannen und sich erst später für eine Möglichkeit entscheiden.

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