SprachwissenschaftDie rätselhafte Sprache der Pirahã-Indianer

Sie haben keine Wörter für Farben und Zahlen. Gestern und heute kennen sie nicht. Daniel Everett wollte die Pirahã am Amazonas missionieren. Stattdessen bekehrten sie ihn. von Matthias Glaubrecht

Blick auf den brasilianischen Regenwald

Der brasilianische Regenwald – Heimat der Pirahã  |  © Antonio Scorza/AFP/Getty Images

Kein Zweifel, der Dschungel ist voller Gefahren, vor allem nachts. Und wer weniger schläft, der härtet sich ab, so glauben die Pirahã (gesprochen: Pidahan). Als eines der letzten Jäger- und Sammler-Völker leben sie an einem Nebenfluss des Amazonas in Brasilien, in einem Reservat von 240 Kilometern Länge, zwei Tagesreisen mit dem Boot von den Außenrändern unserer Zivilisation entfernt. Es sind kaum mehr als 350 Menschen, die noch heute weitgehend ohne zivilisatorische Errungenschaften auskommen, mit einfachen Hütten ohne Wände und festen Boden, ohne Strom, Telefon und auch ohne Arzt.

Daniel Everett kam erstmals 1977 als Missionar zu ihnen, im Auftrag eines amerikanischen Missionsunternehmens und bezahlt von den evangelikalen Kirchen in den Vereinigten Staaten. Er kam, die Pirahã zum Christentum zu bekehren, "um ihre Herzen zu verändern", und sie dazu zu bringen, einen ihnen fremden Gott anzubeten, an den ihnen fremde Menschen glaubten, deren Kultur und Moral sie annehmen sollten. "Obwohl ich die Pirahã noch nicht einmal kannte, war ich überzeugt, dass ich sie verändern kann und verändern sollte."

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Das sei der Hintergrund nahezu jeder Missionstätigkeit, schreibt Everett heute, nachdem er die Pirahã über drei Jahrzehnte immer wieder besucht und mit Frau und drei Kindern über Jahre immer wieder bei ihnen im brasilianischen Regenwald gelebt hat. Doch am Ende ist er es, der dank dieses Lebens bei den Pirahã "entkehrt" wird. Als Everett seinen Glauben verliert, verliert er auch seine Familie.

Zusammengenommen sieben Jahre hat Everett, der heute Professor für Linguistik an der Universität von Illinois ist, seit seinem ersten Besuch bei den Pirahã im Urwald verbracht. In seinem Reise- und Lebensreport Das glücklichste Volk schildert er nicht nur den Alltag eines Feldforschers am Amazonas.

Sein Buch ist zugleich die Geschichte eines physischen wie auch intellektuellen Abenteuers. Die Lektüre ist dabei geradezu eine Wohltat, denn Everetts Bericht kommt nicht daher als massentaugliche Hochdruckbelehrung über die vermeintlich sinnstiftenden Reiseabenteuer eines fernseherprobten Laien-Wanderpredigers, wie der Buchmarkt sie ansonsten bereithält. Hier berichtet einer unaufgeregt, aber hautnah und authentisch von seiner tatsächlich ungewöhnlichen Reise zu einem – wie er meint – wahrhaft glücklichen Volk in einem bis heute verborgenen Winkel der Welt; zu Menschen, die sich beim Gutenacht-Sagen mit den Worten verabschieden: "Schlaf nicht, hier gibt es Schlangen".

Fesselnd erzählt Everett von einer uns völlig fremden Welt, eröffnet einen faszinierenden Einblick in eine fremde Lebensweise, eine andere Sicht auf die Welt und vor allem eine ganz andere Art zu denken. Sein Buch mäandriert dabei auf gelungene Weise zwischen Abenteuer- und anthropologischem Forschungsbericht, der zudem beinahe beiläufig Einblicke in die Erkenntnisse der Linguisten erlaubt. Denn um Menschen zu bekehren, mussten Missionare überall auf der Erde zunächst die Sprache der Einheimischen lernen. Die Pirahãs machten es Everett wie schon seinen Vorgängern nicht leicht. Das Naturvolk blieb monolingual, weil es in seiner Abgeschiedenheit des Amazonas keinen Grund hatte, etwas anderes zu lernen als "Apaitsiiso" – jene Sprache, "die aus dem Kopf geboren ist".

Leserkommentare
  1. kann man viel lernen.
    Ich werde mir das Buch kaufen.
    Sind wir mit unserem Atheismus heute vielleicht wieder auf dem Weg zu den Wurzeln?
    Man mache sich kein Bild von der Welt, sondern erlebe sie unmittelbar. Der sinnlich lebende Mensch fragt nicht nach dem Sinn des Lebens sondern erlebt ihn.

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    • gufre
    • 15. September 2010 9:46 Uhr

    ... ist doch inzwischen schon wieder eine eigene Glaubensgemeinschaft.

    Ich glaube zwar nicht an Gott, aber toleriere andere Glaubensrichtungen, egal welcher Art (so lange man meine "Überzeugung" (!) toleriert). Doch so manch ein Atheist ist derart militant in seinen Ansichten, dass man auch bei ihm missionarische Züge erkennt.
    Und dann wären wir wieder bei dem Gedanken, einem anderen seinen Glauben, seine Ansichten drängend nahezulegen, was eine Charakteristik der Religion ist.

    • ArthurS
    • 14. September 2010 20:54 Uhr

    Eine Wandlung von einem Missionar, der auszieht, eine alte Kultur zu vernichten, hin zu einem Professor, der sie zu verstehen lehrt - schöne Sache! :-)

  2. Die wichtigste Streitschrift der Kritiker Everetts (aus der Linguistik) befindet sich hier.

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    • iriahi
    • 15. September 2010 1:43 Uhr

    Dodge This, Sie Philanthrop. Etwa auch noch lingua-phil? Spannende Sache. Seit mir ein Freund aus der Linguistik damals von dem Everett erzählt hat verfolge ich den Herrn auch mal dann und wann. Der Kumpel hat den sogar mal kennengelernt. Ich stehe Everett etwas skeptisch gegenüber, wobei ich keinen richtigen Streit verfolgt, sondern bisland nur chomskyaner und ihn selbst gelesen habe, um mir ein Bild davon zu machen, wie eine solche Auseinandersetzung aussehen könnte. Ihr Link kommt daher wie bestellt.

  3. Eine Kultur, die nur diesen Tag kennt - das wünschen sich in Europa wohl viele. Mich würde interessieren, ob diese Menschen wirklich keine Vergangenheit kennen, denn dann wäre das Lernen aus Fehlern der Menschen die vor einem gelebt haben nicht möglich. Dann wäre auch ein Hinterfragen der wirksamen gewalttätigen Strukturen, die möglicherweise bestehen -- Gewaltkonflikte der Sippen etc. -- nicht möglich, da keiner die Ursprünge der Konflikte und deren Lächerlichkeit erlebt haben könnte. Ich will das aber nicht behaupten ohne das Buch gelesen zu haben. Ich glaube nur, dass ein "kulturelles Gedächtnis" uns nicht von Nachteil gewesen ist. Mich würde auch interessieren wieviele Menschen durch diese Kultur in Gemeinschaft gebracht werden.

    Meine Hochachtung gilt einer Forschungsleistung, die versucht Menschen aus ihrer Selbstbeschreibung zu verstehen und nicht einfach Kulturkategorien überstülpt.

  4. Ich habe etwas Ähnliches schon vor ein paar Jahren im "Spiegel" gelesen:
    http://www.spiegel.de/spi...

    Und soweit ich weiss, sollten die Thesen des Autors über diese Sprache (z.B. über das Fehlen der Zahl- und Farbausdrücke) in der Linguistik als widerlegt gelten.

    • Lani
    • 14. September 2010 23:04 Uhr

    In englischer Sprache gibt es das Taschenbuch "Don't Sleep, There are Snakes: Life and Language in the Amazonian Jungle" für 10.40€.

  5. Dass es heute immer noch religiöse Dummköpfe gibt, die meinen irgendwelche unberührten Indianer auf den "wahren" Pfad führen zu müssen, ist schlimm! Was bringt denn die tolle zivilisierte Welt diesen Leuten, doch nur Krankheiten, Armut, und man kann ihnen dank der neuen Sprache deutlich machen, warum ihr Wald bald abgerodet wird. Zum Glück hat es nicht mit dem missionieren geklappt, sonst hätten wir vermutlich heute ein Indianervolk weniger.

    Ich bin Student für Linguistik und wir haben uns auch schon mit dieser Sprache befasst. Sie dient als Paradebeispiel für die Andersartigkeit von Sprachen. Es wird übrigens nicht Pidahan ausgesprochen sondern so wie es geschrieben ist (Pirahã). Es ist nicht ohne Grund bereits so transkribiert gewesen. Aber US-amerikanische Linguisten machen in der Phonetik etliche Fehler, bei denen sich europäische Linguisten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

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    • iriahi
    • 15. September 2010 1:58 Uhr

    Hi,

    aber wenn es tatsächlich Pirahã gesprochen wird dann doch wohl mit dem nasalen [a], oder? Also IPA ist das ã gewiss nicht … Ich habe das schon von vielen Leuten "Pidahan" nennen hören; ich denke nicht, dass das was mit der angeblichen Unfähigkeit US-Amerikanischer Linguisten zu tun hat. Einer der wichtigsten Phonetiker unserer Zeit war Amerikaner, Ladefoged. Das ist gewiss nicht zu vergessen. Also, ich müsste da jetzt noch mehr zu hören, sonst bleibt es für mich bei "Pidahan".

    • iriahi
    • 15. September 2010 1:43 Uhr

    Dodge This, Sie Philanthrop. Etwa auch noch lingua-phil? Spannende Sache. Seit mir ein Freund aus der Linguistik damals von dem Everett erzählt hat verfolge ich den Herrn auch mal dann und wann. Der Kumpel hat den sogar mal kennengelernt. Ich stehe Everett etwas skeptisch gegenüber, wobei ich keinen richtigen Streit verfolgt, sondern bisland nur chomskyaner und ihn selbst gelesen habe, um mir ein Bild davon zu machen, wie eine solche Auseinandersetzung aussehen könnte. Ihr Link kommt daher wie bestellt.

    Antwort auf "Nur kurz"
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    Es sei kurz gesagt: ich bin ebenfalls (auf Grund dessen messerscharfer Gedankenführung) Chomskyaner. Was das "linguaphil" angeht: durchaus - allerdings kann ich die Sprachwissenschaften nicht ausstehen. Da sind Leute, die ihre Zeit damit verbringen, Sprache zu sezieren, anstatt diese zu leben...

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