Doktoranden Meine globale Doktorandenfamilie
Seite 2/2:

 Wir sind da, wo die Fördergelder uns hinführen

Der Blick des Professors an der ausländischen Universität auf die Dissertation unterscheidet sich von dem des heimischen Betreuers mitunter stark, denn Themenwahl, Methodik, Materialauswahl und Gehalt der These können sich sehr anders gestalten je nachdem in welcher Wissenschaftskultur eine Arbeit entstehen soll: Wie hat meine Dissertation zu sein, dass sie in Berlin und Berkeley gleichermaßen besteht? An wen halte ich mich, wenn die Ratschläge meines internationalen Betreuerteams nicht kompatibel sind? Meine heimische Professorin rät mir, meine Dissertation müsse ein diskursanalytisches Überblickskapitel zu meinem Thema bieten. Mein hiesiger Betreuer sagt, metatheoretische Arbeiten seien von gestern. Ich finde, beide haben recht – und ahne, dass meine Dissertation in dem Versuch, den Spagat zwischen beiden Optionen zu leisten, heillos zerfasern wird.

Proportional mit der Anzahl der Sprachen und Wissenschaftskulturen, die wir kennenlernen, steigt die Anzahl der unausgesprochenen, subtilen Regeln, die es kennenzulernen gilt: In welchem Gestus habe ich an den jeweiligen Institutionen aufzutreten: Soll ich selbstständig arbeiten oder mich in einen Doktorandenverbund eingliedern? Erwartet man von mir, dass ich mich bei Gastvorträgen anderer Wissenschaftler aktiv einbringe, oder gehört es sich als Doktorandin eher, nur stille Präsenz zu zeigen? Allein die Tatsache, dass sich Professoren und Doktoranden in den USA mit Vornamen anreden, zeigt die Spannweite akademischen Selbstverständnisses. Hier bin ich Anna-Lena, dort Frau Scholz.

Zwischen den Welten bewege ich mich als multiple Persönlichkeit, die sich gleichzeitig anpassen und profilieren muss: Lost in Translation. Gewahr des Gewinns durch die internationale Promotion, trunken von ihrem seligen Versprechen von Zusatzqualifikation, Weltgewandtheit und Fernweh, schleicht sich – womöglich im Augenblick des erneuten Kofferpackens – das Wissen um die Verluste ein, die in Kauf zu nehmen wir irgendwann einmal beschlossen haben müssen. Das Konzept des Doktorvaters, als dessen Schülerin wir uns mit Abgabe unserer Dissertation in die akademischen Annalen unseres Fachbereichs einschreiben, hat für uns internationale Doktoranden ausgedient. Wir haben eine Doktorfamilie, die über weltweite Institute und Universitäten verstreut ist. Wir müssen versuchen, es allen recht zu machen, profitieren aber auch von der Meinungsvielfalt. Wir identifizieren uns nicht mehr exklusiv mit unserer einen, einzigen Alma Mater, sondern finden Unterschlupf dort, wohin unsere Fördergelder uns entsenden.

Gibt es sie noch, die weltfremden, zauseligen, den Kopf nicht von den Büchern hebenden Doktoranden? Wir sind schon als Jungwissenschaftler Vollprofis. Wir netzwerken immer und überall – akademisch, fachlich, persönlich. Höchstwahrscheinlich wird die Internationalisierung unsere Dissertationen letztendlich zu besseren, reflektierteren, komplexeren ersten wissenschaftlichen Arbeiten machen. Möglicherweise werden sie (oder: wir?) aber auch an Zerfaserung und mangelnder Pointiertheit kranken. Vielleicht sollten wir zu dieser Frage eine internationale Konferenz abhalten – zum Beispiel in Berkeley. Ich schreibe schon mal den Antrag.

Die Autorin (26) schreibt ihre Dissertation im Fach Neuere deutsche Literatur und gehört dem binationalen Promotionsprogramm "PhD-Net: Das Wissen der Literatur" der Humboldt-Universität an.

Zuerst erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. der metatheoretische Ansatz ist nur bei den Leuten out, die ihn nicht mehr können, weil sie nur noch in ihrer kleinen main-stream-Theorie zu Hause sind ... .
    Ansonsten hört sich das nach einer dringend notwendigen Entschleunigung an.

  2. "Meine heimische Professorin rät mir, meine Dissertation müsse ein diskursanalytisches Überblickskapitel zu meinem Thema bieten. Mein hiesiger Betreuer sagt, metatheoretische Arbeiten seien von gestern."

    Göttlich! Mein durchaus traditioneller deutscher Professor (Volkswirtschaftslehre) verlangte ebenfalls eine Einleitung mit allem, was übers Thema schon geschrieben wurde. Mit unendlich vielen Fußnoten. "Vielleicht hat 1926 schon jemand ähnliches geschrieben?! Dann wäre Ihr Ansatz nicht mehr neu!" Die amerikanischen Artikel zitierten einen Aufsatz ihres Lehrstuhles als Hinweis auf die Aktualität des Themas, hatten 4 Fußnoten, und beschränkten sich auf die Idee des Autors. Diese Aufsätze konnte ich zitieren und die Ergebnisse benutzen, aber wenn ich ihn in Deutschland geschrieben hätte, wäre ich damit nicht durchgekommen.

    Die deutsche Gründlichkeit, so schön sie ist, verschwendet unglaublich viel Zeit unserer hellsten Köpfe. Sie mag auch den Weg zu Neuem verstellen, denn wer sich zwischen 25 und 30 damit beschäftigt, die *Geschichte* des eigenen Problems zu untersuchen, kann (in seinen kreativsten Jahren!) keine eigenen Ideen verfolgen und vertiefen. Es leidet auch die Begeisterung, ein wichtiger Faktor kreativen Schaffens. Kein Wunder, dass die US-Forschung in Vielem viel schneller und innovativer ist.

    • lepkeb
    • 07.09.2010 um 21:51 Uhr

    immer und überall – akademisch, fachlich, persönlich."

    Wäre schön zu lesen, wo die junge Dame in 5 Jahren steht und was ihr ihr das Netzwerken gebracht hat.

    "Wir müssen versuchen, es allen recht zu machen"
    Sollte dies wirklich ihre Philosphie sein und ist es traurig. Als Promovend muss man es niemanden Recht machen, dass ist das Schöne an Wissenschaft, man kann alles sagen und entweder man kann seine Arbeit und/oder Ideen verteidigen oder nicht. Das ist meiner Erfahrung nach das Erste was man an nordamerikanischen Unis lernt.

    Sollte dieser Artikel nicht als Satire gemeint sein, ist es ein deprimierender, der einen am heutigen dt. Wissenschaftssystem und den daraus hervorgehenden Wissenschaftlern zweifeln lässt. Obwohl es das in den letzten Jahren auf Konferenzen gewonnene Bild von Selbigen erklären würde.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hickey
    • 08.09.2010 um 8:01 Uhr

    Ihre Überschrift zeigt leider auch die Arroganz der Autorin, die Wortwahl hätte man besser gestalten sollen.

    Dem Rest stimme vollkommen zu, denn auch ich musste schon oft nach folgendem Satz handeln:

    Man kann es nie jedem Recht machen. Dieser Satz ist die pure Wahrheit, alles andere ist eine Lüge.

    • Hickey
    • 08.09.2010 um 8:01 Uhr

    Ihre Überschrift zeigt leider auch die Arroganz der Autorin, die Wortwahl hätte man besser gestalten sollen.

    Dem Rest stimme vollkommen zu, denn auch ich musste schon oft nach folgendem Satz handeln:

    Man kann es nie jedem Recht machen. Dieser Satz ist die pure Wahrheit, alles andere ist eine Lüge.

  3. Mir scheint als würde es mittlerweile ausschließlich um Geschwätz und Beziehungen gehen.
    Ich bin Elektrotechnikstudent, kurz vor dem Abschluss und mir kommt das Gegessene hoch wenn ich diesen Artikel lese.
    Am Anfang meines Studiums war ich in einer Studentenverbindung. Aber das Einschleimen bei den "Alten Herren" und der "große Seilschaft die sich hilft"-Geist ging mir auf die Nerven. Desshalb bin ich ausgetreten, noch vor der ersten Mensur.
    Das Netzwerken bei Facebook usw geht mir auch auf die Nerven obwohl ich hier noch brav mitmache.

    Ist das denn alles worum es geht?
    Ist es wirklich der einzige Weg sich selbst permanent zu vermarkten und das ganze Leben als durch die Welt schleimende Show zu verunstalten?

    Ich hoffe die Realität belehrt mich eines besseren wenn ich in naher Zukunft in das Berufsleben eintrete, aber ich befürchte nach solchen Artikeln das Schlimmste. Beruhigend ist höchstens, dass die Autorin mit "Neuere deutsche Literatur" wohl nur bedingt stellvertretend für rational motivierte Studiengänge, Promotions-/Abschlussprozesse, Berufe sprechen kann.

    • Hickey
    • 08.09.2010 um 7:59 Uhr

    Bleiben sie allerdings weiterhin, wer die Welt sehen will und verstehen will darf nicht nur zwischen "Arbeitsstätten" hin und her reisen.

    Fehlt die Zeit sich ein Land anzusehen kann man es auch nicht wirklich verstehen.

    Ich kenne Geschäftsleute die meinen sie hätte die Welt gesehen, allerdings bestanden ihre Auslandaufenthalte aus 3 Tagen 5 Sterne Hotel und Konferenzräumen.

    Da sieht man nix, was es nicht auch hier schon gibt :)

    • Hickey
    • 08.09.2010 um 8:01 Uhr

    Ihre Überschrift zeigt leider auch die Arroganz der Autorin, die Wortwahl hätte man besser gestalten sollen.

    Dem Rest stimme vollkommen zu, denn auch ich musste schon oft nach folgendem Satz handeln:

    Man kann es nie jedem Recht machen. Dieser Satz ist die pure Wahrheit, alles andere ist eine Lüge.

  4. Nun, ich kenne einige Professorenlebensläufe und beobachte, dass Vita wie diese: "Mein promovierender Freundes- und Bekanntenkreis jettet hin und her zwischen Berlin und Berkeley, Yale und Bonn, Wien und Chicago, Princeton und München, Bonn und Florenz, Paris und Tokio." allenfalls dazu ausreichen, während des Studiums ahnungslose Mitstudenten oder die Angestelltenfamilie zu begeistern, die im Ausland maximal urlaubt. Auch schwebt das ghoetische Ausland als Bürgerfreude der Mittelschicht gewiss mit.

    Mir sind erst kürzlich wieder Professoren aufgestoßen - von Dozenten fange ich erst gar nicht an -, die bis auf einige Austauschsemester, ein Stipendium und einige Beiträge und viele Lehrstunden, wirklich wenig vorzuweisen haben.

    Aber ich halte diese explizite Austauschbarkeit für eine Mode. Netzwerken. Als ob es nicht schon früher Austausch und Bekanntschaft gegeben hätte. Mir sind einige bekannt, die bis auf Netzwerken mit Netzwerkwilligen, auch recht wenig vorzuweisen haben.

    Manche können "Netzwerker frisch von Uni" schon von weitem erkennen. Und wer, wie die Autorin, nichts weiter als Studium/Schule vorzuweisen hat, hat doch den wiss. Betrieb noch nicht erlebt, nicht wahr? Bislang wurde sie offenbar, wie ein netter Schüler, allenfalls herumgereicht. Ich halte das Netzwerken als öffentliches Thema eher für eine journalistische Ente.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service